Rotgerberei Glaser


Der Gewerbebetrieb der Rotgerberei Josef Glaser, Mühlbach

                        ( Aufgezeichnet von Erich Glaser, 01.07.1966 )

 

 

Ob mein Urgroßvater, Johann Glaser, der Begründer war, oder irgendein Vorfahre, ist mir unbekannt. Tatsache ist, dass er das stattliche Haus in der Altgasse baute und es als Wohnhaus und zu einem Gewerbebetrieb ausstattete.

Es liegt gegenüber der ehemaligen Lederfabrik Gustav Dahinten und gehört heute der Familie

Schoppelt.

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Genannter Urgroßvater gehörte zur Einwanderergruppe die 1748/49 aus Baden – Durlach (Deutschland) zu dem Zwecke gerufen worden war, um in der verödeten Altgasse deutsches

Leben aufzufrischen.

Mein Großvater starb 79-jährig als ich  20 Jahre alt war, so dass die Kenntnisse der  Verhältnisse, die ich im Nachfolgenden schildere, authentisch sind.

Der erste Betrieb war recht bescheiden und wickelte sich im Keller und Parterre des Hauses ab. Dort hatte Josef Glaser, geb.1822, seine Lehrzeit verbracht und zog dann als Geselle zu Fuß in die Fremde, um die erworbenen Fachkenntnisse zu erweitern.

Sein Weg führte ihn zunächst nach Oberungarn und dann weiter bis Triest an der Adria.

Nach Mühlbach etwa 1846 heimgekehrt, war er bestrebt, sein Wissen zu verwerten.

Im Interesse des Betriebes trachtete er an fließendes Wasser heran zu kommen und so war der

Mühlbachkanal an der Haupt- und Reichsstraße sowie das Eckhaus in der Griechengasse für seine Pläne wie geschaffen.

Haus Glaser

Mühlkanal

Hier wohnten levantinische Händler, Griechen, Mazedonier, die Salz- und Trockenfische sowie Kolonialwaren aus dem Orient feilboten und hiesige Gewerbeprodukte aller Art ins Türkische Reich exportierten

Der Handel war im Abstieg begriffen und so gelang es meinem Großvater, das Haus des

Falcoianu an der Ecke, neben dem Bach, mit dem Erlös des verkauften Hauses in der Altgasse günstig zu erwerben.

Darauf ließ er von zwei Hermannstädter Zimmerleuten 1855 den großen Schopfen in zwei Etagen bauen. Das Fundament an der Nordseite aus Stein und Ziegel, den Rest aus

Holz, oft in Balkenlage dreifach übereinander, für das Gewerbe und auch für Materialien aller Art, mit einem Fassungsraum von etlichen Waggon Rohäuten, Knoppern, gemahlener Eichenrinde sowie Zubehör. Ebenso für Abfälle wie Haare, Hörner, Leimleder, die an andere Gewerbebetriebe weitergegeben wurden.

Die Bauart des Schopfens, von den Meistern Texter und Dietrich aus Hermannstadt, verdient volles Lob! Das Gefüge wurde nur von Zwacken und Nägeln aus Hartholz zusammen gehalten. Dessen ungeachtet war es nach 100 Jahren, als ich den Schopfen im Jahre 1954 an Nicolae Masca verkaufte, noch ganz in Ordnung (er wurde von mir zwecks Umbau in ein Wohnhaus und einen Färbereibetrieb für 16.000 Lei Inflationsgeld verkauft).

Der Käufer starb 1960 und heute dient diese erste Anlage der nach und nach erweiterten

Gerberei als Wohnung.

Der Weitblick des jungen Handwerkers war bewunderungswürdig. Die große Zunft der

Sächsischen Tschismenmacher sah er als Grundlage für den Absatz von Oberleder und Sohle an.

Da Schleuderarbeit in den Zünften streng verpönt war, hielt Großvater viel darauf, nur Ware

erster Güte herzustellen, wodurch er sich in kurzer Zeit den besten Ruf erwarb.

Sein zweitwichtigstes Erzeugnis bildete das Sohlenleder für Bundschuhe, die damals  von der

rumänischen Bevölkerung allgemein getragen wurden.

Die hohe Qualität seiner Erzeugnisse war so bekannt, dass heute noch alte Gebirgsbauern

erzählen, die Glaserischen Opintschen seien fast unverwüstlich gewesen.

Der Grund lag in dem langen Herstellungsverfahren, bzw. dem lang dauernden Bad in der

Tanninlauge.

Die ausgebreiteten Ochsenhäute wurden in Tannenholzgruben gelegt, nachdem sie vorher einige Zeit mit Lohbrühe (zerstampfte Eichenrinde wurde in einem großen Kupferkessel, in

welchem 6 Mann sicher Platz gefunden hätten, in kochendem Wasser ausgelaugt) durchgewalkt und dann je nach Jahreszeit fünf bis acht Monate in Knoppermehl mit einmal aufgekochtem Wasser überbrüht worden waren. Dadurch wurden vom Tanningehalt

75 % auf das Leder übertragen.

Das Verfahren war somit langwierig und erforderte viel menschliche Kraft sowie den Einsatz  kostspieliger Anlagen.

Um das Jahr 1885 wurde der Betrieb vergrößert, wofür eine zweite Geldanleihe nötig war.

Die erste Anleihe um 1872 in der Höhe von 1000 Golddukaten, bei einer 5% Verzinsung in Gold, war bei dem Hermannstädter Kaufmann Friedrich Baumann getätigt worden.

Damit war das baufällige Haus des Falcoianu abgerissen- und in der heutigen Form erbaut worden, mit einem Stockwerk und im Parterre mit einem ansehnlichen Verkaufsladen.

Dem Laden kam zustatten, dass er an der Reichsstraße Kronstadt – Hermannstadt – Mühlbach, mit Verbindung zu Arad und Klausenburg, lag. Außerhalb der Stadtmauern befindlich, wurde deshalb an Wochenmärkten in den Räumlichkeiten einer Rasierstube, neben den Fleisch- Bänken gelegen, zusätzlich noch ein Verkaufsstand eingerichtet.

Die neue Anleihe, gleichfalls bei Friedrich Baumann vorgenommen, war kleiner und in der damaligen Landeswährung, Gulden abgeschlossen worden.

Mit dem Geld wurde das damals noch freistehende Stadtgelände rings um das Eckhaus angekauft und das heute dort stehende Haus als Wohnung für die Tochter, verheiratete

Zoltner, vorgesehen (der Schwiegersohn Wilhelm Zoltner war an der Lederhandlung mitbeteiligt). Die große Wohnung im Eckhaus wurde für den einzigen Sohn, ebenfalls Josef, frei.

Ferner wurde das ganze Grundstück mit einer soliden, 2 m hohen Mauer umgeben, auf welchem nun auch die großen Räume für die Herstellung von Oberleder geschaffen werden konnten.

Als Besonderheit befand sich da eine 4 x 1.5 m große Marmortafel, die für die Lederfertigung

benötigt wurde und die erst 1927, nach dem frühen Tod des erst  42-jährigen dritten Sohnes von  Josef Glaser junior, Arnold, an die aufstrebende Lederfabrik Gustav Dahinten überging ( (vermerkt im Kassabuch II. v. Josef Glaser, 1909, Seite 72,  Hausbuch 1928: 1000 Lei  Preis –

Angabe, d.h. kaum 20% vom Wert).

Beide Anleihen bei Friedrich Baumann sind im Jahre 1900 samt Zinsen rückerstattet worden.

Bei Tilgung des Restbetrags nahm mich mein Vater zum Geldverleiher mit, der mir in seiner vornehmen Einfachheit einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hat.

Zur Hälfte war das Gelingen des Unternehmens diesem Mann zuzuschreiben, der Vertrauen in den Fleiß und die Tatkraft meines Großvaters hatte, was gerechtfertigt war.

Man hatte nunmehr Zutritt zum Wasser des Mühlkanals, der unter anderem der Erlen-Mühle, der doppelseitig betriebenen, großen evangelischen Kirchenmühle und weiter unten auch noch der städtischen Mühle, sowie zu geringerem Teil der Stampfmühle für Lohrinde der Gerberei Dahinten diente.

Unterhalb der Brücke befand sich der Werkplatz für die zweitgrößte Gerberei der Stadt.

Oberhalb der Kirchenmühle erhielt Josef Glaser sen. das fast unentgeltliche Nutzrecht

eines Teiles vom Bachufer als Werkplatz, für die Anlegung eines Brunnens und eines

unterirdischen Abflusskanals aus der Gerberei, der heute noch besteht.

Aus den Magazinen des früheren Hausbesitzers wurden Arbeitsräume für die Gerberei eingerichtet, und der Betrieb begann hier in einem viel größeren Umfang als in der Altgasse.

Neben den Gewerberäumlichkeiten war im Erdgeschoss des neuen Hauses ein großes Verkaufslokal für Lederhandel geschaffen- und vom Schwiegersohn Wilhelm Zoltner, von Beruf Glas- und Porzellankaufmann, mit viel Umsicht geführt worden (wie bereits berichtet).

Hier gab es Schuster- und Kürschnerzubehör und auch Bundschuhe für die Bevölkerung vom Lande.

Das Geschäft wurde in dieser Form bis 1878 geführt, als Josef Glaser jun. aus seiner Lehr- und Übungspraxis heimkehrte (zuletzt war er in einem großen Import- und Speditionshaus in Trier tätig). Der junge Glaser übernahm die Lederhandlung, während der Schwager Zoltner

ins neu gebaute Haus zog, wo er den geräumige Keller für Weinhandel nutzte. Aus dem Ledereibetrieb war er ausgetreten.

Josef Glaser jun. heiratete 1878 die Tochter des Hermannstädter Kaufmanns Samuel Stengel, der auf dem Großen Ring als Vorgänger der späteren Firma Weindel, bzw. bis 1888, ein Galanterie- und Kinderspielwarengeschäft betrieb. Der Ehe entsprossen drei Söhne, von denen zwei im väterlichen Betrieb ihre Ausbildung erhielten, während ich, der Schreiber

dieser Zeilen, nach dem Besuch des Untergymnasiums in Mühlbach auf die Handelsakademie in Graz geschickt wurde, die damals höchststehende Fachschule für kaufmännische

Beamtenberuf in Banken, Gesellschaften und Fabriken.

Der Lederbetrieb gedieh zusehends und beschäftigte:

1      Zurichter für Oberleder (ein Ungar)

6-8  Gerber (2 Deutsche, Rest Ungarn)

2      Lehrlinge (Deutsche)

4      ungelernte Arbeiter (2 Deutsche, 2 Rumänen)

1-3  Hilfskräfte

In der Lederhandlung arbeiteten:

1-2  Kommis

1      Lehrling

Zusammen ergab das eine Zahl von 16 – 21 Beschäftigten.

Leiter des Gerbereibetriebs war Josef Glaser senior von 1854 – 1901 (d.h. 47 Jahre lang) bis zu seinem Tode im 79. Lebensjahr.

In der Lederhandlung war dessen Sohn, Josef Glaser junior, von 1878 – 1914 (d.h. 35 Jahre lang) Betriebsleiter. Von 1915 bis 1934 lebte er dann als Privatier.

Parallel zum Gerbereibetrieb gedieh im Unternehmen Glaser auch ein loser Weinhandel, was darauf zurückzuführen ist, dass die Winzer des Unterwaldes oft gezwungen waren, im Herbst den Most abzustoßen, um sich für den Winter einzudecken, oder sonstigen Verpflichtungen

nachzukommen.

Der Most wurde in den eigenen Kellern vergoren und ein Jahr darauf  entweder als Schnittwein nach Wien exportiert, oder Kommissionsweise zu mäßigen Preisen, aber mit sicherem Gewinn veräußert.

Hinsichtlich der Güte der Glaserischen Erzeugnisse wurde mir oft und manchmal sogar zufällig besonderes Lob ausgesprochen.

So machte ich 1905 in Bukarest die Bekanntschaft eines gleichaltrigen jungen  Mannes

namens Sapatino. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines griechischen Gerbers in Bukarest war, der im Zwischenhandel Rindlederhäute für Stiefel des Herstellers Ludwig Miess in Kronstadt kaufte, wobei er stets dann den ganzen Posten übernahm, wenn die Häute den Stempel trugen: „Josef Glaser, Rotgerberei, Mühlbach/Siebenbürgen“.

Er hatte Kunden, die auf diese Erzeugnisse besonders großen Wert legten.

Bei Ausflügen in die Mühlbacher Berge waren es dann wiederum die Gebirgsbauern von Sugag bis Poiana und darüber hinaus bis nach Jinrod und Tilisca, die sich immer wieder lobend über die Dauerhaftigkeit der Glaserischen Opintschen aussprachen. Nun konnte ich verstehen, warum mein Großvater und mein Vater den ganzen Tag unermüdlich hinter ihren Leuten standen und jeden einzelnen Handgriff in der Produktion persönlich überwachten. Nur so konnten sie sich für die hohe Qualität ihrer Produkte verbürgen.

Der Großvater besaß darüber hinaus auch volkswirtschaftlichen Sinn, den er für sein Geschäft Vorteil bringend zu nutzen verstand.

Mühlbach war ursprünglich eine rein sächsische Stadt und keine Person einer anderen Nationalität durfte sich in der Innenstadt ansiedeln.

Zur Bearbeitung des Grundbesitzes wurden aber in zunehmendem Maße Rumänen aus den

umliegenden Dörfern herangezogen, die in der Vorstadt angesiedelt wurden.

Bei deren Kinderreichtum nahm die rumänische Bevölkerung rasch zu. Dieser Entwicklung Rechnung tragend, erweiterte der Großvater umgehend die Herstellung von Bundschuhen.

Wie aus der Statistik hervorgeht, lebten im Jahr 1740 in Mühlbach 2000 Sachsen und nur 901 Rumänen, im Jahre 1885 neben 1700 Sachsen aber schon 2050 Rumänen, die dann bis 1900 insgesamt eine Zahl von 4600 Seelen erreichten.

Die Jahrhundertwende sah die größte Blütezeit unseres Betriebes, die bis zum Ersten Weltkrieg bzw. bis 1914 anhielt.

Eine Übervorteilung oder Ausbeutung des Konsumenten konnte in jener Zeit nicht stattfinden, denn die Konkurrenz sorgte für angemessene Preise.

Jahrelang blieben diese stabil, genau so wie die Löhne und sonstigen Dienstleistungen.

Die Preise der Lebensmittel regelten sich durch Angebot und Nachfrage.

Die Inventare meines Vaters über das Vermögen der Familie sind sehr aufschlussreich, da sie nicht nur ein Bild über das ständige Wachstum desselben vermitteln, sondern auch Rückschlüsse über die anstrengende Arbeit, die geleistet werden musste, zulassen.

Von den Einrichtungsgegenständen der Gerberei werden genannt:

1 Lohmühle für Eichenrinde

1 Handkarrenwalze

1 Gerbfass mit Handbetrieb

3 Holzgefäße auf der Werkbrücke für Rindshäute(ca.3m Durchmesser)

4-6 alte Weinfässer, für die zweite Auslaugung des Tannins im Wasser

6 hölzerne Gerbfässer für Kalbleder, handbetrieben

6 große Hohlböcke

4 kleinere Holzfässer (Bottiche) zum Kalken der Häute (für Enthaaren und Schwellen)

14 mit Holz ausgekleidete Betonziehlöcher, wo die Häute zweimal täglich in Gerblauge

gewendet werden mussten.

2 große und 2 kleine Erdgruben mit Zement ausgelegt für Knoppergerbung,

1 Marmortisch, 5 hölzerne Arbeitstische für Oberleder,

7 große Arbeitsräume im Parterre beider Häuser(Griechengasse Nr. 6 und 8) sowie die Dachböden und Schopfen in der heutigen 23.August-Straße mit einem größeren Schuppen für Lohrinde.

Ebenfalls da befand sich die Wagenremise für die Kalesche und den Frachtwagen für Fahrten zu den Wochenmärkten in Winz, Karlsburg, Tövis, Sascior, Reussmarkt und Hermannstadt.

Diese besuchte mein Vater persönlich, begleitet von einem Komis und es wurden oft Geld-

einnahmen von je 1000 Gulden und mehr erzielt.

Ferner gab es auf dem Anwesen noch den Stall für zwei Pferde, die repräsentativ waren und

für gewöhnlich in der Umgebung von Reps gekauft wurden.

Als Kutscher und Betreuer der Pferde hielt sich Familie Glaser fast 30 Jahre lang den Mühlbacher Rumänen Petre Olteanu. Er war ein stattlicher Mann, der den Militärdienst bei den Husaren abgeleistet hatte und seine Ehre daran setzte, Pferde, Riemenzeug, Equipage und nicht zuletzt sich selber in Glanz  zu präsentieren, wenn Ausfahrten vorgenommen wurden.

Er war den Kindern besonders zugetan und die ganze Familie hat seinen frühen Tod aufrichtig bedauert.

Da Großvater Jahrzehnte lang auch das Amt des Kirchenvaters bekleidete, gab es öfters die Gelegenheit, neue eingestellte Pfarrer mit der Kutsche abzuholen oder Professoren, die auf dem Lande zu Pfarrern bestellt wurden, an ihren Bestimmungsort zu begleiten. Dabei hatte der Kutscher die Gelegenheit, sich in bestem Licht zu zeigen.

Bezüglich des Personalstandes erwähnte ich bereits, dass insgesamt 21 Arbeiter in der Gerberei und Lederhandlung beschäftigt wurden, von denen acht Gerber den Grundstock bildeten, als wichtigste Mitarbeiter. Bereits in jungen Jahren angestellt, heirateten und blieben sie  meistens bis ins Alter dem Betrieb treu. Doch auch beim übrigen Personal kamen nur selten Wechsel vor.

Der älteste Gerber, ein Ungar, trug einen langen Patriarchenbart und war gewiss 25 Jahre bei uns angestellt. Im fortgeschrittenen Alter verrichtete er dann allerdings nur leichtere Arbeiten.

Selbst den 50-jährigen Anti hielt Großvater bei der Stange, obwohl er mehr im Straßengraben lag als der Arbeit nachzugehen und wiederholte Male gekündigt hatte!

Mehrere der Arbeiter bauten sich eigene Häuser.

Noch aus der Zeit der Zünfte her war es üblich, dass die unverheirateten Gesellen vom Meister verpflegt wurden und das geschah auch bei Großvater bis etwa 1883, dann blieb nur

noch  der alltägliche Zuschuss von je 1 Liter Wein pro Person. Man war damals der Meinung,

dass die starke Beanspruchung der Arbeitskraft nur durch Wein regeneriert werden könne.

Als ich noch Quartaner war, oblag mir die Zuteilung der 16 Literflaschen, so lange bis diese Gabe mit Geld abgelöst wurde.

Die ungelernten Arbeiter erhielten ein Monatsgehalt von 22 Gulden  und fanden damit ihr

Auskommen. Sie waren in der Lage, sich anständig zu kleiden und auch für den Winter ein Schwein zu mästen.

Bei der Beerdigung meines Großvaters 1901 warf der älteste Geselle auf seinen Sarg einen gegerbten  Lederschurz. So wollte es der Brauch.

Als mein Bruder Emil 72-jährig, 1951 starb und im selben Grabe beigesetzt wurde, fand sich der Lederschurz unversehrt vor.

Im Jahre 1918 zog sich Josef Glaser vom Geschäft zurück und übergab die Gerberei  an seinen jüngsten Sohn, Arnold, gegen Miete der ganzen Einrichtung und Überlassung eines gewissen Betriebskapitals.

Es stellt sich nun die Frage, wie ein so erfolgreiches Unternehmen zugrunde gehen konnte?

Arnold hatte nur zwei Klassen des Untergymnasiums besucht, war dann Lehrling in der

Gerberei und zog später zur theoretischen Ausbildung auf die einzige Fachschule für Gerbereiwesen nach  Freiburg in Sachsen.

Wahrscheinlich genügte sein Grundwissen nicht, denn er erwarb keine nachhaltigen Fachkenntnisse. Auch seine praktischen Erfahrungen in oberungarischen Lederfabriken er-

weckten bei ihm keinen besonderen Willen zu Tatkraft. Heimgekehrt dachte er leider nicht daran, den Betrieb umzugestalten und zu modernisieren. Die Verhältnisse hatten sich geändert  und die einstigen Erzeugnisse seines Großvaters waren nicht mehr gefragt.

Der erste Weltkrieg 1914 -1918 hatte den Bundschuh als Fußbekleidung der rumänischen Bevölkerung ausgeschaltet. Einige Zeit konnten sich die Tschismenmacher noch durch Anfertigung von Schnürschuhen (Bokantschen) behaupten, bis sich dann die österreichische Großindustrie auch dieser Produkte bemächtigte.

Die Gerbereien, die sich den neuen Verhältnissen nicht anpassten, wurden lahm gelegt und diejenigen, die sich umzustellen vermochten, erzeugten feinere und bessere Ledersorten. Sie änderten die Verfahrensweisen und stellten Militär- und Sportschuhe her.

Bei Arnold Glaser war folglich der Zusammenbruch des Betriebs vorauszusehen und nur der

unbescholtene Name Glaser verhalf ihm zu einigen Bankkrediten und gewährte ihm einem kleinen Zeitaufschub.

Damals schon zeichnete sich am Horizont die herannahende Wirtschaftskrise von 1930 –1934 ab, und wer ein Darlehen angenommen hatte, war bei einer Verzinsung von 35% nicht mehr

in der Lage, sich zu retten. Jede Kalkulation war unmöglich.

Als 1927 der tragische Tod Arnold Glasers erfolgte (Ansteckung mit Scharlach von seinem kleinen Sohn), mussten sehr hohe Schulden gedeckt werden.

Dieses war nur durch den Verkauf des Zoltnerschen Hauses, welches Arnold erworben hatte,

möglich. Es wurde vom Notar Cismasiu um 700.000 Lei erstanden.

Nach Abdeckung aller Bankverpflichtungen blieb dann zwar noch ein Betrag von 200.000 Lei

übrig, doch hatte der Vater Arnolds nicht mehr die Kraft, aus den Ruinen neues Leben zu erwecken.

Das Unternehmen Glaser wurde daher liquidiert und nur die Lederhandlung(ohne eigenes Leder) konnte noch bis ca. zwei Jahre nach dem Tode des Inhabers, Emil Glaser, gehalten werden.

Mühlbach, 01. Juli 1966

Gezeichnet:

Erich Glaser, geb. 1881, Rentner seit 1958, nach 17

Dienstjahren als Direktor der Kaffee-Surrogatfabrik

Heinrich Franck & Söhne, Linz, Filiale Bukarest

Für das zur Verfügung gestellte Material danke an Herr Gerhard Wagner!

Bilder: FB. Gruppe Mühlbach – Sebes

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