Die Hann’sche Fassbinderdynastie. Schicksale in bewegten Zeiten


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Die Hann’sche Fassbinderdynastie

Schicksale in bewegten Zeiten

Die Geschichte der Familie Hann ist mit der Fassbinderei eng verbunden. Durch unermüdlichen Fleiß und Einsatz entstand über mehrere Generationen hinweg trotz harter Schicksalsschläge ein ansehnlicher Betrieb.

Wie urkundlich erwähnt, war Andreas Hann (geb. 1802) bereits vor fast 200 Jahren in Mühlbach als Fassbindermeister tätig. Er lebte im Elternhaus Ecke Quergasse/Neugasse in der „Durlacher Vorstadt“. Als er, ein stattlicher junger Mann, zum zwölfjährigen Militärdienst eingezogen werden sollte, was nur am Geburtsort stattfinden durfte, kam es zu einem besonderen Vorfall: Mehrfach war es ihm gelungen, sich vor den „Häschern“ geschickt zu verstecken. Als diese wieder einmal in Mühlbach auftauchten, hielt er sich in der Scheune des Elternhauses verborgen – er wurde jedoch verraten. Angeblich durften die Häscher keine Gewalt anwenden, und so umlagerten sie das Scheunentor in der Hoffnung, Hunger und Durst würden Andreas Hann zur Aufgabe zwingen. Doch es kam anders: Als die Häscher bei brütender Sommerhitze eingeschlafen waren, griff Andreas Hann einen Heubaum, kämpfte sich den Weg frei und flüchtete nach Petersdorf.

Dort arbeitete er weiter als Fassbinder. Sein Sohn, ebenfalls Andreas getauft, fiel jedoch schon als Kind unglücklich von einem Baum und zog sich dabei eine schwere Rückenverletzung zu, die ihn für den Rest seines Lebens bei der Arbeit behinderte. Seine Familie verarmte. Als einziges Kind wurde im Jahre 1866 in Petersdorf der Sohn Leonhard geboren – mit ihm beginnt ein neues Kapitel der Familiengeschichte.

Leonhard musste bereits als Kind zum Familienunterhalt beitragen. Er besuchte nur vier Dorfschulklassen, zeichnete sich aber als sehr guter Schüler aus. Bereits im zarten Alter von dreizehn Jahren erlernte er in Mühlbach das Fassbinderhandwerk. Nach dreijähriger Lehrzeit versuchte er, sich in Tirgu-Mures und Budapest als Geselle weiterzubilden. Die Hilferufe der Eltern zwangen ihn jedoch, die Wanderzeit abzubrechen. Er kehrte zurück und gründete in Petersdorf eine eigene Fassbinderei. Dank fleißiger Arbeit ging es relativ rasch bergauf: Schon 1886 stellte er seinen Eltern ein selbstgefertigtes, mit Wein gefülltes 50 l Fass unter den Weihnachtsbaum, größere Fässer folgten. Er beschränkte sich jedoch nicht auf die Fassbinderei, sondern wirkte auch sehr aktiv in Kirche und Gemeinderat mit. Dabei setzte er sich entscheidend für den Bau des Gemeindehauses in Petersdorf ein.

1896 heiratete er die elf Jahre jüngere Hermine Janda, Tochter des aus Österreich stammenden Werkführers der Papierfabrik Petersdorf. Sechs Kinder entstammen dieser Ehe. Um ihnen eine bessere Schulausbildung zu ermöglichen und wegen der Notwendigkeit den Betrieb zu vergrößern, wurden Familiensitz und Werkstatt nach Mühlbach in das neu erworbene Haus in der Äußeren Sikulorumgasse 67 verlegt (Bild 2). Aus Liebe zum Heimatort erhielt jedoch ein Seitengebäude ein Türmchen, von dem aus Petersdorf zumindest mit dem Blick erreichbar war.

 porträt Hann  Haus hann

Bild 1: Leonhard Hann                                         Bild 2: Haus Äussere Sikulorumgasse 67

Der Erwerb des Eckhauses Äußere Sikulorumgasse 71 mit der Gaststätte „Blaue Kugel“ ermöglichte im Jahre 1921, das Geschäft um einen Weingroßhandel zu erweitern (Bild 3 und 4).

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Bild 3: Haus Äußere Sikulorumgsse 71               Bild 4: Flaschenetikett aus dem Weinhandel

Nach dem Willen des Vaters sollte die Fassbindertradition vom ältesten Sohn Leonhard weitergeführt werden. Dieser verstarb jedoch 1920, und so musste der jüngste Sohn Rudolf die Aufgabe übernehmen. Er erlernte das  anspruchsvolle Handwerk von 1921-1923 im väterlichen Betrieb, unter strenger Aufsicht des Vaters und den praktischen Anleitungen von Bert Mezarosch, der treuen Seele des Betriebes. Die für Siebenbürger traditionellen Lehr- und Wanderjahre führten Rudolf für zwei Jahre nach Österreich und Deutschland. Zurückgekehrt versuchte er, die in Deutschland erworbenen Fachkennt-nisse in moderner maschineller Holzverarbeitung in den Betrieb einzubringen.

Nach der Heirat mit Gertrud Andree, Tochter des Johann Andree, ebenfalls Fassbinder-meister und Gaststättenbesitzer („Zur Eisenbahn“ in der Bahnhofstrasse), verließ Rudolf im Jahre 1932 die väterliche Firma. Im Betrieb des Schwiegervaters fertigt er 1936 sein erstes großes Walkfass (21.000 l) für die damalige Gerberei Gustav Dahinten. Nach dem Tod des Vaters 1937 übernahm Rudolf die väterliche Fassbinderei und Weingroßhandlung. In neu errichteten Werkshallen, mit aus Deutschland importierten Spezialgeräten, wurde der Betrieb auf maschinelle Holzverarbeitung umgestellt.

Unbenannt

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Nun konnten auch Großfässer von 3-4 m Durchmesser und bis zu 4 m Höhe gefertigt werden, wie sie für die Weinverarbeitung, Essigherstellung und für chemische Fabriken (z.B. Fa. Fronius in Hermannstadt) benötigt wurden. Im Betrieb waren zeitweise bis zu zwölf Facharbeiter beschäftigt, Lehrlinge eingeschlossen. Sie kamen vorwiegend aus umliegenden Dörfern wie Petersdorf und Kelling (Bilder 5+6+7).

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Bilder 6 und Bild 7

Der Einmarsch der Sowjetarmee 1944 hatte einschneidende Folgen. Obwohl wegen der Basedowschen Krankheit frisch operiert, wurde Rudolf im Januar 1945 zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt, aus gesundheitlichen Gründen jedoch schon nach elf Monaten wieder entlassen. In dieser schwierigen Zeit wird der Betrieb von Ehefrau Gertrud, mit viel Umsicht, Geschick und Fleiß, erfolgreich weitergeführt.

Im Betrieb wurde 1948 noch ein großes Walkfass für die Lederfabrik gefertigt, ein weiters 145.000 l großes Weinfass wurde beschlagnahmt und in der Karlsburger Festung gelagert.

Mitte 1950 enteignete der rumänische Staat das Eckhaus Sikulorumgasse 71 (umbenannt in Str. Lenin) einschließlich des verbliebenen großen Weinvorrats im Keller. Die jüngste Tochter Else Fabritius und ihre beiden Söhne Dietmar und Gert, mußten  das Haus räumen, um einer rumänischen Grundschule Platz zu machen. Zum Jahresende wurde dann auch der restliche Betrieb verstaatlicht. Dies bedeutete das Ende der siebenbürgischen Firmengeschichte „Hanndogar“. Rudolf blieb bis zu seiner Pensio-nierung 1975 als technischer Leiter in seinem ehemaligen Betrieb angestellt.

Von den Kindern (drei Söhne und eine Tochter) erlernte keines den Fassbinderberuf. Im sehr liebevoll geprägten Elternhaus wurde größter Wert auf eine gründliche Schulbildung gelegt – Bildung sei das Einzige, was nicht genommen oder enteignet werden könne, unterstrich der Vater immer wieder. Als Eltern hielten er und Gertrud die in den Wirren der Zeit mannigfachen Schwierigkeiten und Probleme nach Möglichkeit von den Kindern fern, so dass diese eine weitgehend unbeschwerte und glückliche Jugend verbringen konnten.

1967 verließ der jüngste Sohn Karlheinz die Heimat in Richtung Bundesrepuplik Deutschland. 1973 folgten die drei Geschwister Rudi, Hansgeorg und Karin mit ihren Familien. 1976 entschieden sich auch die Eltern, schweren Herzens, das Land ebenfalls zu verlassen (Bild 8).

Eine private Sammlung aus 197 alten Handwerksgeräten und Bauernutensilien aus den Jahren 1786-1891, die schon Leonhard Hann angelegt und Rudolf weitergeführt hatte (Bilder 9, 10 und 11), wurde von ihm, im Zuge der Umsiedlung, dem Stadtmuseum Mühlbach übergeben – leider mit der für Rumänien in jener Zeit häufigen Folge, dass die Ausstellungsobjekte heute großenteils nicht mehr auffindbar sind.

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                                                                          Fotos 9, 10 und 11:  Ausschnitte aus dem Museum

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Foto 12.

 Rudolf Hann vor der Ausreise 1976,  mit dem  alten Firmenschild  

Für das zur Verfügung gestellte Material danke an Herr Gerhard Wagner!

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4 Gedanken zu “Die Hann’sche Fassbinderdynastie. Schicksale in bewegten Zeiten

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