Die Durlacher in Mühlbach – Teil 1


Dokumente über Einwanderung nach Siebenbürgen im 18. Jahrhundert, aufgefunden von

Dr. Gustav Gündisch

 

(Abschrift von Dagmar Maier in Fürth, Bayern, am 28.05.2012)

 

Um falschen Vorstellungen vornweg zu begegnen und auf die Gefahr hin, bei besser Unterrichteten offene Türen einzurennen:

Die in den geschichtlichen Quellen Siebenbürgens, in amtlichen Aktenstücken wie in den Matrikelbüchern, als „Durlacher“ bezeichneten Zuwanderer des 18. Jahrhunderts, mit der Zielrichtung vornehmlich Mühlbach, haben mit dem heute in die Großstadt Karlsruhe eingemeindeten Ort Durlach in der Regel nichts als den Namen gemein. Diese Bezeichnung macht lediglich offenbar, dass die Einwanderer aus der ehemaligen Markgrafschaft Baden -Durlach herkommen, die im 16./17. Jahrhundert eben in Durlach ihren Sitz hatte.

Ihr eigentliches Herkunftsgebiet aber liegt etwa 130 bis 140 km weiter südlich, in der Landschaft des gegen das Rheinknie bei Basel auslaufenden Schwarzwaldes, wo sich mehrere Enklaven der Markgrafschaft befanden. Sie werden heute noch als das „Markgräflerland“ bezeichnet.

Die heimische Geschichtsforschung hat sich naturgemäß auch mit diesen Durlachern beschäftigt. Manche Fragen sind aber offen geblieben. So weiß man über die ursprünglichen

Heimatorte der Aussiedler noch zu wenig genaues.

Auch die Ursachen, die diese Leute zum Auswandern veranlasst haben, sind erst in den letzten Jahrzehnten klarer zutage getreten. Zu dieser Erkenntnis haben auch Forscher aus dem

Auswanderungsgebiet ihr Teil beigetragen.

Insbesondere aber ist es der Zeitpunkt der großen Durlacher – Einwanderung nach Mühlbach, der nicht mit genügender Bestimmtheit herausgestellt wird.

Auf mündlicher Überlieferung fußend hat man in Mühlbach das Jahr 1743 als das Einwanderungsjahr angesehen und 1843 das große Einwanderungsjubiläum der Durlacher veranstaltet.

Vierzig Jahre später konnte dann Christian Möckel, er selber ein Durlacher, eine erste auf

schriftliche Quellen gestützte Darstellung dieser Vorgänge geben.

Möckel erkannte bereits richtig, dass der Hauptstoß der Durlacher in den Jahren 1748 und besonders 1749 in Mühlbach eingetroffen sei. Nur bezifferte er die Zahl der 1749 dort neu Angesiedelten viel zu niedrig.

Dennoch heißt es in einer Studie Ludwig Klasters aus 1941, die vom Auswanderungsgebiet her einen neuen Blickpunkt zu gewinnen trachtete, das Jahr 1750 sei als „ das Hauptjahr der Einwanderung“ anzusehen.

Und in einer eben in mehreren Weltsprachen erschienenen heimischen Veröffentlichung über

„die deutsche Nationalität in Rumänien“, die ihr Thema in dankenswerter Weise von allen Seiten ableuchtet, wird wieder auf den alten Ansatz „um 1743“ zurückgegriffen.

Dabei hatte Friedrich Teutsch die Auffassung Möckels über die zeitliche Festlegung des großen Durlacher Zuzuges nach Mühlbach schon 1907 im zweiten Band der „Geschichte der Siebenbürger Sachsen“ mit wertvollen statistischen Angaben unterbaut.

Teutsch spricht dort (Seite 190) von 177 Durlacher Familien mit 406 Knaben und Mädchen, die Ende 1749 in Mühlbach erfasst und – mit Ausnahme von 24 Familien – zunächst auch dort angesiedelt wurden.

                                                           

                                                                                                                                                                                                                          

An Hand urkundlicher Unterlagen  berichtet Teutsch des Weiteren über die näheren Umstände der Niederlassung der Durlacher in Mühlbach sowie über die Reaktion der siebenbürgischen Landesbehörden auf dies Faktum.

Es ist nun überaus merkwürdig und auffallend, wie sehr diese die Durlacherfrage doch wesentlich weiterführenden Ausführungen Teutschs ohne Widerhall geblieben sind.

Klaster meinte sogar, dass Fr. Teutsch in der „Sachsengeschichte“ lediglich Ergebnisse der bisherigen Forschung verwende, „ohne eigenes beizubringen“.

Das hängt wohl in erster Linie damit zusammen, dass in dem für eine breite Öffentlichkeit geschriebenen Werk kein Raum für Quellenangaben war und Teutsch die ihm vorgelegenen Quellen zur Durlachereinwanderung  späterhin nicht weiter verwertet und veröffentlicht hat.

Nun hat ein glücklicher Umstand dem Schreiber dieser Zeilen die Unterlagen zugespielt, denen Teutschs Ausführungen über die Durlacher offenbar zugrunde gelegen sind.

Es handelt sich um ein kleines Konvolut von Aktenabschriften, die um das Jahr 1900 im früheren Archiv des Siebenbürgischen Generalkommandos in Hermannstadt oder im Mühlbacher Stadtarchiv angefertigt worden sind. Da ihre Vorlagen hier wie dort heute nicht mehr existieren, kommt diesen Abschriften jetzt Originalwert zu.

Das wertvollste Stück dieses Aktenbündels ist eine

 „Consignation  der an denen Marggrafbaaden Durlachischen Landen anno 1744, 1746, 1747, 48 und 1749 herein in Siebenbürgen und besonders nachher Müllenbach gekommenen Familien“.

Das Verzeichnis enthält außer dem genauen Zeitpunkt der Ankunft in Mühlbach (Monats- und Jahresangabe) Namen und Herkunft jedes einzelnen Familienoberhauptes und zwar nach

Herrschafts- und Orts – Zugehörigkeit aufgegliedert, dann einen Hinweis auf den ausgeübten Beruf und die Religionszugehörigkeit.

Schließlich wird die Anzahl der Kinder getrennt nach Geschlechtern ausgewiesen. Lediglich die Ehefrauen werden nicht weiter berücksichtigt.

Es ist klar, dass eine solche Quelle das Herz des Historikers höher schlagen lassen muss und Wasser auf seine Mühle leitet.

Er wird sich ihrer umso besser bedienen, wenn er auch die Umstände kennt, denen sie ihr Zustandekommen verdankt.

Wie schon Teutsch hervorhebt, war der Zustrom der Durlacher ohne Zutun der siebenbürgischen Landes- und der sächsischen Verwaltungsbehörden in Gang gekommen.

Die Neusiedler kamen von Ulm auf dem Wasserweg bis Pest und von dort über Großwardein

und Klausenburg ins Land.

Aus den „Clausenburger Passierungs-Rapporten“ war das siebenbürgische Generalkommando in Hermannstadt schließlich 1749 darauf aufmerksam geworden und hatte darüber vom

Sachsengrafen einen Bericht einverlangt, der den Auftrag an den Magistrat der Stadt Mühlbach weiterleitete.

Dieser hat dann am 4. Dezember 1749 dazu ausführlich Stellung genommen.

In seiner Antwort, die zugleich den Charakter einer Verantwortung tragen musste, machte der Magistrat geltend, dass die Zuwanderungen sozusagen aus wilder Wurzel und ohne die Zuhilfenahme irgendwelcher „Reizungsmittel“ zuwege gegangen seien.

Offenbar hätten die ersten Ankömmlinge ihren Verwandten in der alten Heimat brieflich „über die hiesige Landesumbstände berichtet, worauf dann nach und nach die in beyliegender Specifikation befindlichen Familien angekommen seyen“. 

 

(Der Magistrat lässt dabei wohl bewusst außer acht, dass u. a. der Brief des Hansjerg

Sütterlin an seinen Schwager Jakob Kaltenbach in Buggingen in seinen Aussagen über die günstigen Ansiedlungsbedingungen in Mühlbach mit Siegel und Unterschrift des dortigen Königsrichters als „in der Wahrheit gegründet“ attestiert worden war).

Eine Analyse des besagten Verzeichnisses ergibt etwa das folgende Bild:

In den Jahren 1744 -1748 sind dort lediglich 16 Durlacher Familien mit 51 Kindern verzeichnet. Erst 1749 tritt das Hauptkontingent der Durlacher in Mühlbach in Erscheinung, und zwar mit 161 Familien und 355 Kindern.

Wenn man hiervon die noch im gleichen Jahr nach Broos (2), Hermannstadt (3), in den Mediascher Stuhl (11) und anderwärts weiter gewanderten 23 Familien mit 80 Kindern abzieht, sind in Mühlbach von den Zuwanderern des Jahres 1749 zunächst

doch 138 Familien mit 275 Kindern verblieben; das sind mit den dazugehörenden Ehefrauen rund 540 Personen.

Man kann also auf Grund des vorliegenden Verzeichnisses mit Sicherheit sagen, d a s s  d e r w e i t  ü b e r w i e g e n d e  T e i l  d e r  D u r l a c h e r  i m  J a h r e  1749  n a c h  M ü h l- b a c h  g e k o m m e n  i s t.

Allerdings muss eingeräumt werden, dass von diesen Familien manche ebenfalls noch abgewandert sind, u.a. etwa nach Deutschpien, wo sich bekanntlich zahlreiche Durlacher niedergelassen haben.

Darüber wird  die wissenschaftliche Auswertung der „Consignation“ genauer Aufschluss geben können.

Unter den Neusiedlern, fast ausschließlich Bauern und Handwerker, überwogen die Letzteren leicht. Führend unter ihnen waren die Weber (16), dann folgen die Schneider (13), Schuster, Schmiede, Maurer und vereinzelt Tischler, Wagner, Sattler, Binder, Metzger, Müller, Rotgerber u.a. Je ein Schulmeister und ein „Vieharzt“ waren mit dabei.

Als Heimatsorte der Durlacher werden in unserer Liste annähernd fünfzig ausgewiesen. Sie liegen, wie eingangs erwähnt, fast ausschließlich in den ehemaligen Herrschaftsgebieten Rötteln, Badenweiler und Hochberg in der Markgrafschaft Baden-Durlach, im späteren Landkreis Lörrach.

Es wird den Leser vielleicht interessieren, wenn zum Abschluss hier noch einige dieser Orte aufgezählt und in Klammer auch von dort stammende Durlacher Familien genannt werden.

Doch wird darauf hingewiesen, dass vor und nach der hier behandelten Zeitspanne vereinzelt noch zahlreiche Durlacher eingewandert sind, die vielleicht den gleichen Namen führen, aber aus einer anderen Ortschaft stammen.

Hier seien herausgehoben: Ballingen (Flubacher), Britzingen (Barth), Buhlingen (Gestalter), Buggingen (Glaser), Dattingen (Lehmann, Schuhmacher), Fischingen (Zimmermann), Gundelfingen (Baumann), Hügelheim (Herter), Ihringen (Sutter), Müllheim (Breitenstein, Grassel, Salzer, Siegel), Neuenweg (Streit), Rümmingen (Hügel), Schallbach (Dahinten, Grassel), Schallstadt (Bossert) usw.

                                                   ——–  .   ——–

 

 Quellennachweis: Zeitungsartikel aus: „Neuer Weg“ vom 11.03.1978

Für das zur Verfügung gestellte Material danke an Herr Gerhard Wagner.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema zu einem späteren Zeitpunkt……

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s