Friedrich Krasser


friedrichkrasser

  

( 1818 – 1893)

Friedrich Krasser

Der Großvater des bekannten Siebenbürgers Hermann Oberth (1894-1989)

Friedrich Krasser wurde 1818 in Mühlbach geboren, als Sohn des Bäckers David Krasser. Beide Eltern gehörten zu den im 18. Jh. aus der Markgrafschaft Baden – Durlach eingewanderten Familien, die aus wirtschaftlicher Not und Glaubensgründen ihre Heimat verlassen mussten.
Die Elementarschule und die ersten zwei Gymnasialklassen besucht er in Mühlbach, wo er auch rumänische Mitschüler hat, die höheren Gymnasialklassen in Hermannstadt. Als junger Medizinstudent in Wien lernt Krasser die Lehren Darwins kennen und setzt sich mit den Werken materialistischer Denker auseinander. Schon jetzt konturiert sich seine antiklerikale Haltung. Krasser lernt die sozialen Probleme seiner Zeit aus sozialdemokratischer Perspektive sehen, um so mehr als sich die Gegensätze während der Zeit Metternichs verschärft und die Freiheitsbestrebungen der progressiven Kräfte sich auf Weltebene radikalisiert hatten. Wegen seiner stets kritischen Haltung und seinen reforrnatorischen Plänen wird er von seinen Kommilitonen ‚Reformator“ genannt. Ein Wiener Erlebnis, ‚einen Krankenbesuch als junger Arzt in einem von drei kinderreichen Arbeiterfamilien bewohnten Kellerloch, der ihm das Proletarierelend der Großstadt zum Bewusstsein brachte und ihn aufrief, für die Befreiung der Ausgebeuteten einzutreten“., bezeichnet Krasser als ‚Geburtsstunde seiner sozialistischen Einstellung“.
Nach Abschluss seines Studiums in Wien kehrte Krasser als Arzt nach Mühlbach zurück, wo er bis 1847 zweiter Stadtarzt war. Obwohl er in Mühlbach beliebt war, lässt sich Krasser nach der Revolution in Hermannstadt nieder und gründet 1851 mit der Kronstädterin Friederike Chrestels eine kinderreiche Familie. Nach dem Tode seiner ersten Frau heiratet er 1875 wieder. 1867 wird in Hermannstadt eine Filiale der Arbeiter-Krankenkasse gegründet und Krasser als Arzt dahin berufen. In welchem Maße er hier mit ‚klassenbewussten Arbeitern“ Kontakt aufnehmen kann, ist ebenso wenig prüfbar wie die Behauptung, ‚die Arbeiterbewegung in Kronstadt, Broos und Hermannstadt“ sei ‚vielfach auf seine Tätigkeit zurückzuführen“3. Belegbar ist die eindeutige Sympathie des Arztes für die unteren sozialen Schichten.
In den Siebenbürgischen Blättern veröffentlicht Krasser zwischen 1867 und 1872, seinen literarisch produktivsten Jahren, fast alle seine politischen Gedichte, vorläufig noch anonym. Der Verleger Otto Meißner publiziert 1869 die in den Siebenbürgischen Blättern erschienenen Gedichte, zu denen ein Einleitungs- und ein Abschlussgedicht hinzukommen, als Band unter dem Titel Offnes Visier. Auf anderem Wege, über ein Bukarester deutsches Blatt und die von L. R. Zimmermann herausgegebene Freiheit, werden Krassers Gedichte auch von anderen Publikationen und in Form von Flugblättern der Arbeiterbewegung aufgenommen und erleben hohe Auflagen in ganz Europa und in den USA.
1870 nimmt Krasser am Freidenkerkongress in Neapel teil. Im selben Jahre wird er wegen des Gedichtes Tabula rasa in einen Presseprozess verwickelt. Der verhängten Strafe entkommt er durch eine Amnestie. 1880 bestehen Chancen, die Gedichte bei mehreren Verlagen neu herauszubringen, doch ‚bei seiner Bescheidenheit und seinem wenig entwickelten praktischen Sinn“ gelingt es Krasser nicht, diesen Plan durchzuführen.
Nach 1880 entstehen Gedichte, die gegen die verschärften Magyarisierungstendenzen auftraten. Auch als Greis bleibt Friedrich Krasser seinem Freiheitsglauben treu. Er stirbt in diesem Glauben ungebrochen im Jahr 1893 in Hermannstadt.
Konnten die bürgerlichen Literarhistoriker die Texte der anderen siebenbürgischen Schriftsteller nach gängigen, vor allem ästhetischen Kriterien messen, so versagt dies Instrumentarium an den Gedichten Krassers. Die Wertung von Texten erfolgt in der Regel nach ästhetischen Kriterien oder pragmatisch nach dem Grad der Einordnung ins siebenbürgisch-sächsische Literaturselbstverständnis. An solchen Maßstäben ist das Werk Friedrich Krassers jedoch nicht messbar.
Schon seiner Herkunft nach ist er nicht so tief wie Michael Albert oder Traugott Teutsch im sächsischen Lebensraum verwurzelt. Er gehört als Durlacher zu jenen ‚Zuwandrerfamilien“, die, was Sozialprestige und auch Mentalität anlangt, innerhalb der Sachsen eine Sonderstellung einnehmen. 7 Das Mitgefühl und die entschlossene Parteinahme für Unterdrückte und Entrechtete, die seine Gedichte kennzeichnen, haben hier ihre Prämissen. Ebenso die Haltung, die in jedem Mitbürger den Menschen und keinesfalls den sozial Höhergestellten oder Minderwertigen sieht. Zudem prägen weltoffene, fortschrittliche Männer das geistige Leben seiner Geburtsstadt: Josef Marlin, mit dem ihn freiheitliches Pathos übernationaler Wertbegriffe verbindet, Fr. W. Schuster, der unter anderem auch rumänische Volkslieder sammelt, der PetöfiJÃœbersetzer Heinrich Melas, der namhafte Mundartforscher Georg Friedrich Marienburg, der Ethnograph und Afrikareisende Franz Binder u. a.
Mit der Problematik, die ihn später auch literarisch interessiert, wird er allerdings erst während seiner Studienjahre in Wien konfrontiert. Hier wird sein Denken durch die Naturwissenschaften ausgerichtet; er wird vertraut mit den Lehren Darwins. Ergebnis politischen Denkens ist ein sozialdemokratischer Programmentwurf. Obwohl diese Arbeit verloren gegangen ist, kann auf ihr sozialpolitisches Gedankengut aus den später entstandenen Gedichten geschlossen werden. Auch ein Aufenthalt in Paris war für Krasser ‚von großer Bedeutung; er wurde vertraut mit den Freiheitsbestrebungen des französischen Proletariats und hatte Gelegenheit, die Theorien der verschiedenen sozialistischen Schulen, mit deren Lehren er sich schon während seiner Universitätsstudien beschäftigte, eingehend kennen zu lernen“ 8. Seine antiklerikale Haltung, ebenfalls ein wesentliches Merkmal seiner Lyrik, lässt sich schon für die Wiener Zeit belegen.
In welchem Maße die Lektüre Krassers Schreibweise bedingt, ist schwer nachweisbar, da direkte Zeugnisse in dieser Hinsicht fehlen. Was beispielsweise die ‚Lektüre deutscher, englischer, französischer und italienischer Meisterwerke“ 9 anlangt, so beeinflusst diese in erster Linie seine Haltung und seine Denkweise, ohne auch Artikulationsform zu werden.
Wörtlich zitiert Krasser in der Marseillaise des Christentums Lassalle:
Wohlan! es naht die Stunde des Gerichts, Schon wanken eure Burgen, eure Throne, Und zitternd lauscht das Ohr des Bösewichts Dem dumpfen Tritt der Bettlerbataillone.

Trotz dem Erfolg seiner Gedichte im Ausland bleibt Friedrich Krasser für die siebenbürgisch-sächsische Literatur der Zeit ein Einzelfall. Wohl verzeichnen wir Anklänge an die Gedichte Josef Marlins. Obgleich dieser Einfluss auf Krasser kaum ins Gewicht fällt, können wir von Traditionsfolge sprechen. Auf literarischem Gebiet hatte Krasser kaum namhafte Nachahmer gefunden, auf gesellschaftlicher Ebene hingegen blieb sein Werk noch lange wirksam.

 F, Krasser

Gedenktafel

Eines seiner Gedichte:

DER ROTE BERG

Noch steht der Berg auf seiner alten Stelle,

Blickt frei herab ins heimatliche Tal;

Noch springt aus seinem Haupt die klare Quelle,

Vergoldet von der Sonne hellem Strahl;

‚Tief unten küßt des Wiesenbaches Welle

Ihr Blumenufer wohl zum letztenmal,

Zieht träumend dann halb zögernd, halb gezogen

Hinüber in des Mühlbachs blaue Wogen.

Noch stehn die Riesensäulen aufgeschichtet

Als treue Wächter der geliebten Flur,

Was auch die Zeit zermalmet und vernichtet,

Hier suchst du fruchtlos ihre Würgerspur;

Denn unvergänglich sind sie aufgerichtet,

Ein Meisterstück der schaffenden Natur,

Um hier in diesen Paradiesesauen

Sich ihren schönsten Tempel zu erbauen.

Nie hat ein Künstler gleiches Bild vollendet,

Nie Menschenhand solch Riesenwerk getürmt,

Soweit der Himmel seine Strahlen sendet

Und, von der Dichtkunst Genius beschirmt,

Sich je und je ein glücklich Auge wendet

Und nach der Schönheit Idealen stürmt;

Nie ward ein Menschengeist, der ahnend dachte,

Was hier Natur, die göttliche, vollbrachte.

Und denkst du noch der schönen Jugendstunden,

Die wir, o Freund, zusammen dort verlebt,

Wenn wir vom Pfade schlangengleich gewunden,

Der zwischen wilden Rosen sich erhebt,

Emporgeführt, die Höhle aufgefunden,

Vom frischen Hauch der Bergluft durchwebt,

Die Wände bunt mit Farben ausgemalet,

Mit denen nie ein Fürstenzimmer prallet?

Und denkst du noch, wie dort in trauter Kühle

Den Glücklichen so schön die Zeit entfloß,

Wie dort des Herzens innigste Gefühle

Der Freund so gern in Freundesbusen goß,

Wenn draußen durch des Mittags heiße Schwüle

Die Sonne glühend ihre Strahlen schoß,

Bis sie am fernen Abendhimmel glänzte

Und rosenrot sich Berg und Tal bekränzte?

Hoch über uns sahn wir mit leichten Schwingen

Den Habicht schweben in der blauen Luft,

Wir sahn die Füchslein keck und munter springen

Von Klipp´ zu Klippe über Spalt und Kluft,

Und um uns hörten wir den Ton erklingen,

Mit dem der Schäfer seine Herde ruft,

Sahn unten tief den Ackersmann, den müden,

Heimkehren zu des Hauses sicherm Frieden.

Und willig hing der Blick an seinem Schritte,

Bis er im nahen Dorfe uns entschwand,

Flog dann von seiner rauchumwölkten Hütte

Hinüber zu des Baches Blumenrand

Und suchte freudig in des Tales Mitte

Ein Städtchen, mir und dir so wohlbekannt,

Das ländlich schön, durchwebt von grünen Bäumen,

Noch immer lebt in meinen schönsten Träumen.

Ja, Freund ! Stets wird das Bild vergangner Zeiten,

Ein liebend Denkmal, mir im Herzen stehn,

Wie unsre Seelen sich dem Himmel weihten,

Wenn zu den wunderbaren Bergeshöhn

Im Widerhall der Abendglocke Läuten

Erklang mit hundertstimmigem Getön.

Wenn feierliche Töne uns umwehten,

Als wollte die Natur zum Höchsten beten.

Wohl sind die Tage anders jetzt gestaltet,

Und jene sel’gen Träume sind verblüht,

Doch ihres Nachklangs süßer Zauber waltet

Lebendig fort im schwelgenden Gemüt;

Und der gewohnte alte Drang entfaltet

Erinnerungen in des Sängers Lied,

Die ewig mit der Sehnsucht zartem Bande

Den Jüngling ziehn zum teuren Vaterlande.

(1861)

 

Aus: Das offene Visier

Friedrich Krasser

(1818 – 1893, Mühlbach)

 

 

Beitrag zusammengestellt von: Horst Theil 

Quelle:   LIT de.com Deutsche Literatur.

Bilder : FB. Gruppe Klatsch und Tratsch im Karpatenbogen – La taifas despre Sibiu si împrejurimi.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s