Mein Leben in Rumänien – Kapitel 2


Aus dem Buch ” Mein Leben in Rumänien”

von Walter Graef,

herausgegeben von: R. G. Fischer INTERBOOKs

 

– Zweites Kapitel –

Die Volksschule ,

2 – 4 Klasse , das Gymnasium Prima – Quarta

Die Jahre 1939 – 1946

            Im Herbst des Jahres 1939, nachdem ich nun Mühlbacher geworden bin, empfing mich der Lehrer Otto Bilz als Neuling in der II Klasse. Stolz trug ich die Schulkape, Blau mit 2 Silberstreifen.  Ich habe mich schnell eingelebt, besonders, da mein Vetter Horst Rauch auch in der II Klasse war. Wir wohnten ja nun bei meinem Großvater, die Großmutter war schon 1930 verstorben, meine Mutter hatte nun die Rolle der Hausfrau übernommen. Der Bruder meiner Mutter, Friedrich Fabritius war auch im Geschäft tätig, beschäftigte sich besonders mit der Foto – Abteilung da hatte auch die Vertretung  der Firma Agfa  und betrieb ein Labor für Entwicklung der Filme und Herstellung von Bildern .  Da mein Großvater auch zwei Lehrlinge ausbildete  die im Hof ein Zimmer zum wohnen hatten, waren  mindestens  9 Personen zu verköstigen, da auch eine Dienstmagd angestellt war  die im Hause wohnte. Meine Mutter hat eine schwere Zeit durchgemacht, 3 Kinder zu versorgen, und der große Haushalt gab viel Arbeit von Früh bis spät am Abend.

Ich persönlich habe natürlich wie jedes Kind auch viel gespielt , mit meinen Geschwistern aber ,besonders mit meinem Vetter Horst , durfte aber auch im Geschäft den Lehrlingen helfen, bei Waren auspacken und sortieren.

Die Sommerferien durfte ich in Broos bei Erichonkel, Finnitante und Elsetante verbringen (Geschwister meines Vaters). Täglich ging ich in die Schwimmschule baden , hatte ja auch hier meine Freunde Freude machte mir besonders die Teilnahme an der Weinlese von Robertonkel, der hatte einen Weingarten und zusammen mit Freunden durften wir helfen und  Trauben essen soviel wir konnten . . Leider vergingen die Sommerferien viel zu schnell und die Schule begann pünktlich am 1 September. Natürlich hat meine Schulkappe den dritten Silberstreifen erhalten, man war ja stolz diese tragen zu dürfen. Der Lehrer der dritten Klasse war Herr Csallner, den ich in sehr guter Erinnerung habe, als immer gut gelaunter  und fröhlicher Mensch. Als 10 –jähriger wurde ich Mitglied in der deutschen Jugend, DJ, (In Deutschland hieß diese HJ – Hitlerjugend) Es war für uns eine große Ehre in die DJ aufgenommen zu werden. Die Uniform war genau dieselbe wie in Deutschland. Hier muss gesagt werden, das alle Schüler  ohne Ausnahme in die DJ eingetreten sind. Wir,  alle Kinder fühlten uns plötzlich etwas stolzer, nicht mehr nur als Minderheit zweiter Klasse zu sein Im Frühjahr des Jahres 1941 wurden die Truppen der deutschen Wehrmacht an die Ostfront versetzt, alle fuhren durch Mühlbach durch.  Verbände die spät Abend ankamen blieben über Nacht in Mühlbach, die LKW parkten am Marktplatz und die Truppe wurde privat untergebracht, bei uns im Hause hatten wir sehr oft Wehrmachtsangehörige als Gäste. Eine Überraschung für die Truppe war der zweite Ostertag , da gehen die Jungen zu den Mädchen bespritzen und bekommen bunte Eier usw. diese gaben wir den durchfahrenden Soldaten , die sich riesig freuten .

Mann muss diese Aussage so verstehen, wir als Volksdeutsche, sahen uns aufgewertet, besonders da Deutschland mit Rumänien einen Freundschaftspakt abgeschlossen hatte. Als Kind machten wir uns keine Gedanken politischer Natur

Die Sommerferien habe ich wieder in Broos verbracht , dieses war auch eine Erleichterung für meine Mutter, für mich jedoch eine Freude, da ich in die Schwimmschule baden gehen konnte, in Mühlbach badeten wir im Mühlbach – Kanal , wo das Wasser gut kalt war, es ist ja ein Gebirgsbach. Bei der Weinlese in Broos bei Robertonkel war ich natürlich wieder dabei.

Am ersten September hat die Schule wieder begonnen, nun hatte die Schulkappe vier Silberstreifen, unser Lehrer war Herr Heinrich Schunn, der sehr streng war, uns auch gerne

wenn wir den Unterricht  störten, die Wange des Übeltäters zwischen zwei Finger nahm und drehte, was auch schmerzte.

Und immer wieder wurde der eine oder andere bestraft. In der vierten Klasse hatte wir nun auch je 2 – 3 Stunden rumänische  Sprache  im Unterricht um auch die Landessprache zu lernen , der normale Unterricht war ja immer in deutscher Sprache.

Mein Onkel musste zum Militär einrücken, da der Krieg mit Russland begonnen hatte Er diente in der rumänischen Armee, war Gefreiter bei einer Gebirg Jäger Division und hat auch den ganzen Krieg mitgemacht bis in den Kaukasus und zurück, sein Glück war, das er  zwischen den deutschen und rumänischen Truppen als Dolmetscher tätig war, nie direkt in der ersten Frontlinie.

Mit viel Freude haben wir die Volksschule beendet, in den Ferien haben wir einen Monat Arbeitsdienst gemacht, am Bahnhof von Alwinz (Vintul de Jos),  (8 Km weit von Mühlbach) waren wir eingeteilt die durchfahrenden Truppen mit Lebensmittel zu versorgen. Uns hat das viel Spaß gemacht, da wir auf einem Bauernhof in der Scheune im Stroh schlafen durften, ein richtiger „Urlaub“ für uns Jungen. Als junger Gymnasiast, mit der aus rotem Plüsch gefertigten Schulkappe mit einem breiten Silberstreifen, habe ich im Herbst 1942  den Unterricht in der Prima begonnen. Nun hatten wir keine Lehrer mehr sondern Professoren für jedes Fach. Hervorheben muss ich Herrn Professor Alfred Möckel, er unterrichtete Deutsch und Latein. Die deutsche Grammatik war ein Lehrbuch von Ihm, zugelassen für alle deutschen Schulen in Rumänien. Über die Wichtigkeit des Beistrichs gilt folgende Erklärung, kann Leben oder Tod bedeuten:

Hängt ihn, nicht lasst ihn laufen.

Hängt ihn nicht, lasst ihn laufen

Als junger Professor begann Ernst Irtel seinen Musikunterricht  in Mühlbach , mit Ihm haben wir viele schöne Stunden erlebt, er gründete die Singschar, ein gemischter Schüler – Chor der in den Jahren 1942 – 1944  viele Auftritte in Mühlbach sowie in den Dörfern bis Schäßburg hatte .

Hervorheben möchte ich noch, dass wir in der Prima und dann in der Sekunda im Schuljahr 1943 / 1944 auch Schüler aus der Umgebung hatten, aus Broos und Karlsburg, sowie aus den Dörfern, Petersdorf, Kelling,  und Urwegen .In diesen Jahren war unsere Freizeit außer der Singschar, von unserer Deutschen Jugend, durch Wanderungen und sportliche Aktivitäten geprägt.

Im Sommer wurde ins Gebirge gegangen, die Rucksäcke voll mit Lebensmittel und Reservewäsche, bis zum Schurian ca 70 Km weit,  der höchste Gipfel im Mühlbacher Gebirge gelangten wir, natürlich zu Fuß in 2 Tagen. Es waren herrliche Tage, die uns viel Freude machten. Viele Stunden widmeten wir dem klauben von Himbeeren  die wir natürlich auch gleich gegessen haben.

Und dann kam der 23 August 1944, die rumänische Regierung, trat aus der Koalition mit Deutschland aus, und schloss sich seinen Gegnern, Russland, England, und Amerika an. Die russische Front war an der rumänischen Grenze angelangt, durch diesen Staatsstreich verschob sich die Front an die Grenze zu Ungaren, und diese begann bei Neumarkt und Klausenburg, da Nordsiebenbürgen seit 1940 zu Ungaren gehörte. (Wiener Schiedsspruch)

Die deutschen Truppen zogen sich zurück, auch eine Einheit die in Mühlbach stationiert war verlies die Stadt am 25 August. Es waren Tage großer Unruhen  und Angst, man war auf alles gefasst, als Kind 13 Jahre alt, fragte ich mich was jetzt kommen wird. Vier Tage später fuhren die ersten russischen Truppen durch Mühlbach, Richtung  Klausenburg wo sich die neue Frontlinie gebildet hatte. Am selben Abend blieb eine Einheit in Mühlbach, die LKW parkten am Marktplatz. Als Kinder gingen wir zu den Soldaten, die recht freundlich mit uns sprachen, ohne dass einer den anderen verstehen konnte.

Am zweiten Morgen ich war zufällig im Geschäft, kam ein russischer Offizier, ein Oberst zu meinem Großvater ins Geschäft, das ja auf der Hauptstrasse am Marktplatz war. Er sprach perfekt deutsch, stellte sich als Stadtkommandant vor, und verlangte das alle Flaschen mit alkoholischen Getränken aus den Regalen, mit Essig Flaschen ersetzt werden sollten, da die durchfahrenden Truppen immer nach Wein und Schnaps suchten, wir sollten nur sagen alles ist UXUS (Essig).

Dieser Oberst ein Jude war sehr gebildet, wohnte bei der Familie Mauksch, spielte Klavier und sorgte für Ordnung in der Stadt. Leider blieb er nur einige Wochen, die Macht in der Stadt übernahmen die Kommunisten  die sich der deutschen Bevölkerung gegenüber nicht schön benommen hatten, Der  Leidensweg der Siebenbürger Sachsen hatte begonnen, Sie mussten büßen, weil sie Deutsche waren.

Unser Schulgebäude wurde uns genommen, der Unterricht konnte weiter gehen, in anderen Gebäuden, mit Aushilfe – Professoren. Beim Eingang in den Kirchhof rechts begann in einem Nebenraum im September der Unterricht, unsere Tertia. Die Kollegen aus den anderen Ortschaften waren nicht mehr dabei, die Situation hatte sich total verändert .Mathematik , Chemie und Physik machten wir mit unserem Stadtpfarrer ,Viktor Rideli er hatte je zuerst an der technischen Hochschule in Deutschland studiert , nachher Theologie . Er war ein sehr guter Professor , doch kein Pädagoge, er beschäftigte sich oft mit höherem Wissen, was den guten Schülern zum Vorteil war, meinte dann aber , dieses habe ich Euch nur so gesagt.  Französisch wurde von Frau Hermine Kraft unterrichtet , die einige Zeit in Paris gelebt hatte und die Sprache perfekt konnte Jede Stunde wurden neue Wörter gelernt mit denen wir Sätze bilden mussten, eine Methode die mir persönlich sehr geholfen hat die Sprache auch im weiteren Leben nutzen zu können.

Und dann kam der 13 Januar 1945,  alle Männer und Frauen von 18 bis 45 Jahren wurden nach Russland deportiert, zum wieder Aufbau. Auf verlangen der russischen Regierung wurden die Volksdeutschen von der rumänischen Regierung den Russen ausgeliefert .Aus Mühlbach wurden 177 Personen nach Russland deportiert.  Über diesen Vorgang hat ein rumänischer Regisseur Herr Florin Besoiu einen Dokumentarfilm auf DVD gemacht  „Die Alptraumreise“ (Siehe Siebenbürgische Zeitung vom 31.07.2010 Seite 2 )

Das Leben der deutschen Bevölkerung in Mühlbach in den ersten Jahren des Kommunismus  hat der rumänische Geschichte Professor Herr Nicolae Afrapt in 2 Bänden wahrheitsgetreu beschrieben. (Germanii din Sebes in primii ani ai comunismului  Editura Altip Alba Iulia 2007)

Aus Broos meiner Geburtsstadt wurden neben vielen anderen auch meine Cousinen Lia Graef, und Hermine Graef nach Russland deportiert, Lia ist in Russland gestorben. Ihre Schwester Hermine Graef  verheiratete Stachler lebt Heute in Freiburg in einem Pflegeheim, wird  90 Jahre alt.   Im Herbst 1945 begann der Unterricht der Quarta, diesmal war unsere Klasse im Hause von unserem Professor Alfred Möckel in einem Zimmer unten im Hof untergebracht. Es war die letzte Klasse in unserer deutschen Schule, da in Mühlbach kein Obergymnasium war, dieses gab es nur in Hermannstadt,  Schäßburg und Kronstadt, doch finanziell war es mir unmöglich nach Hermannstadt ins Obergymnasium zu gehen. In diesen Jahren habe ich viel gelesen. Herr Hedwig der einen kleinen Laden mit Schulbedarf führte , hatte auch eine Leihbibliothek mit  Bücher die er für je eine Woche auslieh, so hatte er alle 65 Bände von Karl May sowie die Bücher von Hans Dominik wie Atomgewicht 500, die ich alle gelesen habe. Was ich besonders hervorheben will, ist die Vision von Karl May, wie neue Wege gegangen werden sollen. Wenn ein Entscheidung bevorstand, trat der Ältestenrat der Indianer  zusammen und  befürwortete  den Entscheid nur dann , wenn er keine Nachteile für die Enkelgeneration brachte. Heute sind die Politiker weit entfernt von so weisen Entscheidungen, heute gilt nur der sofortige Erfolg bei der nächsten Wahl  von Nachhaltigkeit für die kommende Generation keiner Rede.

Wir die Jungen und Mädchen hatten auch unser Kränzchen trafen uns am Wochenende, mal bei einem dann beim einem anderen, um  uns bei guter Musik zu unterhalten, es  wurde viel getanzt, aber auch Gesellschaftsspiele  fehlten nicht. Dieser Zusammenhalt dauerte viele Jahre, und die Verbundenheit unserer Gruppe existiert auch Heute.  Unsere Klasse organisiert alle 2 – 3 Jahre ein Treffen. Unsere ersten Treffen waren in Weikersheim, dann in Gundelsheim 2 Mal, unserem Professor Ernst  Irtel zuliebe, dann in Rheinbach hier haben wir das große Weltraum Teleskop in Effelsberg besucht, dann in Dinkelsbühl im Jahre 2008. Das bisher letzte in Düsseldorf im Jahre 2011 anlässlich meines 80 – ten Geburtstages, wo aber auch die Studienkollegen, die Familie und Freunde teilgenommen haben.

 – FORTSETZUNG FOLGT –

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