Ausflug Hermannstädter Studenten nach Birthälm und Schäßburg .


Auszug aus:

Otto Folberths Tagebücher Band 00

Erste Aufzeichnungen – Juli 1911 bis Juni 1915

 

Ins Reine geschrieben von Paul J. Folberth im Oktober 1999

Quelle: Siebenbürgen-Institut Online 

 

– Ausflug Hermannstädter Studenten nach Birthälm und Schäßburg –

 

 Den 5., 6. Und 7. Juli 1911 weilten bei uns in Mediasch 15 Hermannstädter Studenten, unter diesen auch 5 Sextaner (Günther Arz von Straußenburg, Fritz Berwerth, Friedrich Plattner, Wilhelm Sigerus und Hermann Wandschneider). Es war ganz fidel. Den 8ten Juli setzten diese ihre Fußreise fort und ich schloss mich ihnen an. Wir sollten den kürzesten Weg nach Birthälm und von dort nach Schäßburg gehen. Es war trübes Wetter und wir waren nicht genötigt frühzeitig aufzubrechen. Deshalb traten wir auch unsere Reise nur um ¼8 Uhr an. Um 8 Uhr 30 waren wir in Pretai. Dann gingen wir über die Hetzeldorfer Hulla nach Hetzeldorf, wo wir 9 Uhr 25 ankamen. Auf einer schönen Weide am Waldesrande machten wir 9 Uhr 55 eine Rast von einer halben Stunde. Nun überschritten wir den zweiten Berg, auf dessen anderer Seite wir eine Rutschpartie auf lehmigem Grunde bis in das tief untenliegende Tobsdorf unternahmen (10:45 Uhr). Nachdem wir nun auch den dritten Berg überschritten hatten, kamen wir 11 Uhr 45 in Birthälm an. Obwohl wir den Leuten ziemlich schlecht kamen (sie saßen fast alle schon bei der Suppenschüssel), wurden wir doch ziemlich schnell einquartiert. Ich wohnte bei meiner Großtante Frau Werner. Am Nachmittage desselben Tages sahen wir uns die alte, im gothischen Stil erbaute Kirche mit ihren vielen Türmen und Basteien an. Damals war in Birthälm Wittstock Pfarrer. Birthälm war früher der Sitz des sächsischen Bischofs und ist auch heute noch ein stattlicher Marktfleck. Die dreifache Ringmauer des Kastells bezeugt seine einstmalige Bedeutung. Zur Kirche führt eine gedeckte Treppe. Im Chor steht ein Flügelaltar. Das schönste und großartigste an diesem Bau ist die Sakristeitüre mit ihrem großen Schloss. Es ist ein Schloss, das die Türe nach allen Seiten hin fest verschließt, dabei ist es nicht plump, sondern sogar zierlich in seiner Art. Es soll auf der Pariser Weltausstellung großes Aufsehen erregt haben. Das Wunderbare an ihm ist das, das es ja eigene Erfindung des betreffenden Meisters ist und nicht nach einer Vorlage gemacht worden ist. Sonntag den 9. Juli 1911 Von Birthälm nach Schäßburg wollten wir nicht die heiße Landstraße entlang wandern, ist es doch viel interessanter über Berg und Tal der Karte nach sich selbst einen Weg zu suchen. 5:30 Uhr erfolgte der Aufbruch. Die nächste Station war Groß-Kopisch (5:55h). Dann ging’s auf ebener Straße bis Waldhütten (6:40h) und von dort über zwei Bergrücken nach Rauthal hinab (7:40h). Von hier wanderten wir wieder auf ebener Straße und in einem ziemlich breiten Thale der Großgemeinde Großlasseln zu (8:45h), der Lachbach an unserer grünen Seite mit uns. Bald nachdem wir Großlasseln verlassen hatten, kamen wir auf die Reichsstraße (Kaiserstraße!) auf der wir unsern Weg bis Schäßburg fortsetzten (11:30h). Der ganze Weg betrug ungefähr 30 km. Mittagessen “Zum Grünen Baum”. Ich Schäßburg ging die Einquartierung schnell, bis abends waren wir alle in Privathäusern untergebracht. Montag den 10. Und Dienstag den 11. Juli 1911

wurde die Stadt mit ihren verschiedenen Sehenswürdigkeiten besichtigt. In Schäßburg wohnte ich bei Herrn Leonhardt, wo ich mit dem alten Herrn Misselbacher zusammen kam. Dieser machte mich auf die so genante Pestkanzel aufmerksam, die auf dem Siechhof an ein bescheidenes

Kirchlein gelehnt stand. Zu Pestzeiten wurde der Kranke mit seiner ganzen Familie über den Kockelfluß geschafft und damit jegliche Ansteckung vermieden werde, wurde unter freiem Himmel der Gottesdienst abgehalten. Der alte Herr Misselbacher meinte er kenne keine bedeutendere Reliquie mittelalterlicher Zeit in Siebenbürgen. Am Abend des 11. Juli sollten wir uns trennen, denn den nächsten Morgen sollten die Hermannstädter Sextaner weiter nach Agnetheln gehen und ich sollte heimkehren. Es wurde uns aber viel zu schwer, um ganz gleichgültig von einander zu scheiden, waren wir ja doch lange Zeit uns einer für alle und alle für einen gewesen. Wir mussten einen regelrechten Abschied feiern. Arm in Arm erklommen wir bei Mondaufgang den steilen Lehmfelsen der Villa Franka. Nun waren wir oben. Nein, es war hier viel zu schön, als daß eine Menschenhand das niederzuschreiben vermochte. Tief unten erblickte man die elektrischen Lichter der Stadt, durch die sich ein breites Band in großen Windungen schlängelte und das hie und da silbern im Mondschein glänzte – es war das trübe Wasser unserer Kockel. “Singe o Muse die Schönheit des alten, edlen Schaaßburg! Dort unten im Thale liegst du, so schön von hier oben gesehen In mondbeschienener Nacht, umgeben von Mauern und Türmen.” So lauten die Worte, die ich in jener Mondscheinnacht in das Fremdenbuch der Villa Franka schrieb. Wir setzten uns in das altsächsische Zimmer der Villa und bald verkündeten deutsche und sächsische Lieder den alten Mauern dort unten, daß sie jemand ehrt, daß jemand ihrer stolz ist – sächsische Jünglinge. Dies war unser Abschied.

Mediasch den 13. Juli 1911.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s