Negoi Partie vom 1. bis 10. August 1911


Auszug aus:

 Otto Folberths Tagebücher Band 00

 Erste Aufzeichnungen – Juli 1911 bis Juni 1915

 Ins Reine geschrieben von Paul J. Folberth im Oktober 1999

 Quelle: Siebenbürgen-Institut Online

 

 

– Negoi Partie vom 1. bis 10. August 1911 –

 

 Teilnehmer: Professor Ernst Buchholzer, Oberstuhlrichter Hetner, Ernst Buchholzer, Paul Balassa und Otto Folberth.

1. August 1911 Mediasch ab 9:14 Uhr vormittags. Aufenthalt in Salzburg bis 4 Uhr und dann nach Hermannstadt.

2. August 1911 Hermannstadt ab 4:20 Uhr, Freck an 5:55 Uhr. Dann per Wagen bis zur Obergrumbacher Glashütte (¼9 Uhr), daselbst Frühstück. Aufbruch von dort zu Fuß um ¼10 Uhr und Ankunft in der Negoihütte um ½2 Uhr. Der Anfang dieses schönen Carl-Wolff-Weges führt uns durch einen wunderbaren Buchenwald. Die geraden, hochstämmigen Buchen erscheinen uns als mächtige Säulen, wohl fähig ihre kleinen Kronen sicher zu tragen. Lange gehen wir in ihren Schatten. Wir bewundern sie jetzt gar nicht mehr, denn wir wollen Tannen haben, ihre dunkeln Spitzen, die sich vom Horizont so deutlich unterscheiden, sehen wir schon lange – die Weiten zwischen uns und ihnen schwinden aber langsam. Ein Glück für uns war es, daß der Himmel bewölkt war, denn unter drückenden Sonnenstrahlen lässt es sich schlecht marschieren (man geht nämlich nicht immer im Schatten). Endlich werden die schönen Buchen seltener und hie und da sieht man auch eine Tanne. Es ist ein schönes Plätzchen, auf dem wir jetzt stehen. Auf einem Felsvorsprung in dem schroffen Abhang linker Hand steht eine Bank, den müden Wanderer nicht nur zur kurzen Rast einladend, sondern ihm auch Aussicht öffnend in das Scherbota-Thal, zur Negoischutzhütte, seinem Ziel. Wir haben noch ein gutes Stück vor uns, vielleicht noch die Hälfte. Jetzt endlich umgeben uns nur dunkelgrüne Tannen. Würzige Luft macht uns stärker, gibt uns Mut. Und an dem darf es nicht fehlen. Denn schon hat sich die Schönheit dieser Bergriesen uns zum ersten Mal beim kleinen Wasserfall offenbart, schon stehen wir vor dem noch mehr Überwältigenderen, jedenfalls gewaltigeren Scherbotawasserfall und nun gilt es eine letzte Höhe zu erklimmen. Es ist aber auch die schwerste. Stolz ist man aber auch, wenn man sie erklommen, wenn man vor der freundlich Schutz bietenden Hütte der Sektion Hermannstadt des Siebenbürgischen Karpaten Vereins steht.

2. August 1911

Vormittag Regen. Nachmittag ¼2 Uhr Aufbruch zur Negoispitze. Ankunft dort ½5 Uhr. Nebel. Abstieg 5 Uhr. Ankunft in der Hütte 7 Uhr. Bei Beginn der Negoibesteigung wird zuerst der Drachensteig passiert. Er verdient seinen Namen mit größtem Recht. Denn diese Berglehne, die

zerklüftet und zerrissen von Schluchten und von unheimlich tiefen Abgründen ist, diese Berglehne haben früher sicher keine Menschen, ja vielleicht nicht einmal Gämsen und möchten sie noch einmal so geschickt sein, erklettert. Aber der große Ehrgeiz dieser winzigen Menschen hat es sich erlaubt hier einen Weg bahnen zu wollen und – er hat es auch durchgeführt. Starke Menschenfäuste packten an – aber die Berge waren stärker; sie nahmen Axt und Spaten zu Hilfe – aber es ging noch immer nicht. Da nahmen sie eine Eisenstange und bohrten runde Löcher in den Stein und taten etwas hinein vor dem sie sich sehr fürchteten, denn als sie eine lange Schnur angezündet hatten, liefen sie fort so schnell sie ihre Beine zu tragen vermochten. Dann ein Krach – und in dem Felsen war ein großes Loch, in das sie den Weg hineinlegten. Die Felsblöcke aber kreißten hoch oben in der Luft, bis sie in jähem Fall herab vielen und mit fürchterlichem Getöse zu Tal rollten. Dann schleppten sie eiserne Bäume von unten aus dem Tal herauf, legten sie über Schluchten und Abgründe und machten Brücken. Und so ging es weiter bis der große Ehrgeiz der winzigen Menschen ihnen Kraft verliehen Felsen zu sprengen und Brücken zu bauen auf eisernen Traversen, die von Gebirgspferden zu einer Höhe von 1544 m heraufgeschleift werden mussten, bis die ganze Berglehne von einem Wege durchquert wurde. Das Tal des Negoibaches waren wir zu Ende gegangen und nun ging es die linke Berglehne immer nach der Markierung weiter, am Frühstücksstein vorbei, immer steil hinauf, hinauf. Noch fast tausend Meter sollten wir steigen. Von Alpenrosen übersäte grüne Weiden wechselten ab mit rutschigem Geröll, felsigem Boden oder mächtigen Schneefeldern. Dann ein großer Bogen nach rechts und wir standen vor der zweispitzigen Cleopatra. Nun begann ein großartiges Klettern auf allen Vieren, das mir besonders Freude machte, aber teilweise auch sehr gefährlich war, so daß äußerste Vorsicht angewendet werden musste. Aber alle unsere Mühe schien umsonst gewesen zu sein, denn ein dichter Nebel stieg in großen Wolken vom Tale herauf, kam immer näher und kaum erschallte das Kommando: “Achtung! Der Nebel! Eng anschließen!”, so atmeten wir schon feuchte, wohltuende Luft ein. Aber es fror uns heftig und als wir oben am Kamm ankamen, peitschte ein eisiger Wind unsere Gesichter und hieß uns hinter Felsen in gedeckter Stellung Schutz vor seinem Wüten und Toben suchen. Wir hielten es nicht der Mühe wert die Spitze zu erklettern, die ungefähr noch eine Viertelstunde weit entfernt war, da ja jeder von uns schon einmal oben gewesen war und wir nicht einmal 20 Schritte weit hätten sehen können. Nach kurzer Rast begannen wir also den Abstieg. Über Schneefelder rutschten wir, über Steine stolperten wir. Allein der arme Paul war 32-mal gefallen. Kleine Steine, große Steine, Aussicht keine, müde Beine. Hätte auch für uns gepasst, aber schön war es doch oben.

4. August 1911

Vormittag Nebel. Gegen Mittag aufgeheitert und Nachmittag ½3 Uhr Aufbruch zum Frecker See. Leider wieder Nebel und Regen. Umgekehrt. Ankunft in der Hütte um ¾6 Uhr. Kartenspiel.

5. August 1911

Abstieg von der Hütte um 9 Uhr. Glashütte an ½1 Uhr. Mittagessen (ohne Brot) 2 Uhr. Freck an (mit Wagen) 4 Uhr. Negoi Wirtshaus. Billard. Park. Freck ab (mit Bahn) 7 Uhr. Hermannstadt an 9 Uhr.

6. August 1911

Schwimmschule. Nachmittag Jause und Abendessen bei Arz. 7. August 1911 Nachmittag Jause und Abendessen bei Wandschneider. Mit Konrad Hann von Hannenheim bekannt geworden.

8. August 1911

Bei Hannenheim zu Hause und im Baumgarten gewesen.

9. August 1911

½5 Uhr Früh nach Freck gefahren mit Konrad von Hannenheim und Ernst. Eingekehrt und bekannt geworden mit Pfarrer Hannenheim. Glasfabrik. Bad von 10 bis 12 Uhr im Frecker Bach. Mittagessen, Jause, Park, 7 Uhr ab, Hermannstadt 9 Uhr an.

10. August 1911

Hermannstadt ab 7:46 Uhr, Mediasch um ½11 Uhr.

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