Otto Folberts Tagebücher Band 44 April 1946 – Mai 1948 (Folge 1)


Auszüge aus:

Otto Folberts Tagebücher

 Band 44

 April 1946 – Mai 1948

Quelle: Siebenbürgen-Institut – Online

In`s Reine geschrieben von:

Gerhard Feder im Juni 2001

Im Auftrag von: Paul J. Folberth

Mediasch, den 16. April 1946

Die  im Laufe des letzten Jahres durchgeführte Agrarreform  beginnt ihre  verheerenden Wirkungen  für unser Volk aufzuzeigen. Unsere Bauern haben den aller größten Teil ihres Grundbesitzes verloren, das Vieh  hat  man  ihnen  aus  den  Ställen  genommen,  jetzt  werden  ihre  Geräte  aufgeteilt  und  in  kurzem werden  die  Höfe  drankommen.  Schon  jetzt  musste  ein  Teil  der  Höfe  abgetreten  werden,  auf  anderen Höfen sitzt zwar  der ehemalige  Besitzer noch drin,  aber der neue  Anwärter  ist ebenfalls schon eingezogen  und schaltet als der alleinige Herr im Stall, im Garten auf  dem Feld. Nutznießer dieser Reform  sind  in  erster  Linie die  Zigeuner,  in  zweiter die  minderwertigen  unter  den rumänischen Bauern.  Die besseren  unter  ihnen lehnen  es  entweder  ganz  ab,  sich  mit sächsischem  Gut  zu  bereichern,  oder  aber machen die ganze Sache nur kopfschüttelnd mit. Die Frevelhaftigkeit gibt ihnen zu denken.

Am 25. April 1946

traten  die  Außenminister  Großbritanniens,  Nordamerikas,  der  Sowjetunion  und  Frankreichs  in  Paris zusammen, die die Friedensschlüsse mit Italien, Rumänien, Bulgarien und Ungarn vorbereiten soll.

26. April 1946

In einem Brief vom 28.Februar aus dem amerikanischen Okkupationsgebiet Deutschlands teilt Gertrud Schallner  ihren  Eltern unter anderem mit, sie  stehe  auch  mit  unserm Paul in Verbindung. Er  halte sich in  Eisenach auf,  sie  wisse  aber  nicht,  womit  er  dort  beschäftigt  sei. Wir  wußten,  daß  er  Frau  Major Thiede  in  Eisenach  einige  Kleider  und  Wäschestücke  zur  Aufbewahrung  übergeben  hatte.  Sollte  er ihretwegen dorthin gefahren sein? Unter  dem  19.April meldet  die  Temeschvarer  Zeitung  aus Klausenburg,  dass  beim  dortigen Volksgericht  das  Urteil  gegen die faschistisch – hitleristischen  Journalisten Siebenbürgens erbracht  worden sei. Sowohl Ungarn wie auch Rumänen und Deutsche befinden sich  darunter. Von den Deutschen wurden verurteilt: Dr. Andreas  Weber  zu  8 Jahren, Hermann  Schland,  Otto Ließ,  Alfred  Hönig zu 20  Jahren, Emil  Neugeboren  zu  25  Jahren  schweren  Kerkers.  Außer  Dr. Andreas  Weber  scheint  sich  keiner  der

übrigen Verurteilten dem Gericht gestellt zu haben, alle wurden sie in Abwesenheit verurteilt.

Montag, den 29. April 1946

Als ich heute Vormittag in einer Zwischenstunde nach Hause kam, saß Trudl heuer zum ersten Mal im Schatten  der sich  eben grün  entfaltenden  Linde,  putzte Gemüse  und  rief  mir  schon  aus der  Ferne zu: Rate, was heute eingetroffen ist! – Vielleicht ein Brief von Paul- Ja! da ist er. Und sie überreichte mir Pauls  ersten Brief  nach fast zwei Jähriger Unterbrechung  der  Verbindung  mit ihm.  Er  schrieb ihn am 1.April, gleich nach Aufhebung der Postsperre in Deutschland, und zwar von Storndorf in Oberhessen, wo er bei Dr.Zinßer untergekommen ist. „Ich war in russischer Kriegsgefangenschaft und bin im Dezember entlassen worden. Ich bin vollkommen  gesund und es  geht mir gut.  über  Weihnachten war  ich  bei  Frau Thiede in Eisenach.  Wir haben sehr  viel  von  Euch  gesprochen  und  an  Euch  gedacht.  Am  Heiligen  Abend  haben  wir  sogar  eine Flasche  Mediascher  Mädchentraube  geleert.  Herr  Thiede  befindet  sich  noch  in  russischer  Kriegsge -fangenschaft. Im Januar d. bin ich zu Herrn Dr.Zinßer gefahren. Ich bin hier sehr freundlich aufgenommen worden und fühle  mich hier  sehr  heimisch.  Ich habe  mich hier  zunächst  zwei Monate von den  Strapazen  des vergangenen  Jahres erholt. Ende Februar bin  ich zu Herrn  Dr.Schulte nach Lüdenscheid  gefahren und habe  dort  den  ganzen  März  verbracht.  Ich  bin  dort  genau  so  freundlich  aufgenommen  worden  wie auch hier und es hat mir dort auch sehr gut gefallen, zumal da auch Berge  sind und die Gegend daher meiner geliebten Heimat  ähnlicher ist.  Mein Bruder Otto hat aus englischer  Gefangenschaft an Herrn Dr.Schulte  Nachricht  gegeben.  Er  hätte  auch  von  Euch  aus  Mediasch  gute  Nachricht  erhalten. Über diese erste Nachricht von Euch seit ein einhalb Jahren habe ich mich, wie ihr es Euch leicht vorstellen könnt, sehr gefreut.

Meinen Freund Karres Dutz habe ich in Hannover besucht. Er ist dort bei einer ihm bekannten Familie als Maurerlehrling untergekommen. Nun bin ich wieder hier in Storndorf bei Herrn Dr.Zinßer und will versuchen  hier  in  der  Nähe  ebenfalls  als  Maurerlehrling  unterzukommen,  da  ich  mich  entschlossen habe, Architekt zu werden.“ Ach  wie  wohl  das  tut, diese  Zeilen  zu  lesen!  Wenn es  auch  von  hier  aus noch  nicht  möglich ist, an Pauli direkt  zu  schreiben  –  denn  die  Mediascher Post  nimmt  Sendungen  für  Deutschland  noch  nicht entgegen – so wird er von den vielen Briefen, die ich ihm bereits durch Vermittlung von Bekannten in Österreich  geschrieben  habe,  hoffentlich  doch  den  einen  oder  anderen  in  absehbarer  Zeit  erhalten. Dank Dir, lieber Herrgott, tausend Dank!

7. Mai 1946

Die  Außenminister  der  vier  Großstaaten  einigen  sich  in  Paris  darauf,  dass  Siebenbürgen  in  Zukunft wieder – wie vor dem Wiener Schiedsspruch – zu Rumänien  gehören  soll.  Dies ist einer der  wenigen Verhandlungspunkte  während der  Pariser Konferenz, in denen eine Übereinstimmung  erzielt werden konnte.

10.–13. Mai 1946

unternehme ich  mit  meiner  Klasse (Septima, die Klasse  von  Klaus)  einem Schulausflug nach  Sovata. Wir  haben  das  herrlichste  Wetter  und  kehren  überhaupt  mit  märchenhaften  Eindrücken  nach  Hause zurück.  Wir  baden  zweimal  in  Moggorosi-tó.  Am  11.  und  12.  besteigen  wir  den  Cserepeskö -Istalo. Von den Felsen des Cserepeskö genießen wir die herrlichste  Aussicht. Für die Jungen ein unvergeßliches Erlebnis.

15. Mai 1946

Ein  froher,  ein  glücklicher  Tag!  Wir  erhalten  zwei  Briefe  von  Otti,  aus  denen  hervorgeht,  daß  er Anfang April aus dem englischen Gefangenenlager in Belgien  nach  Münster in der Lüneburger Heide versetzt worden ist und dort  am 19.04. seine Befreiung erreichen konnte. Gleich darauf begab er sich, auf  Anraten Pauls, zu  Dr.Schulte  nach  Lüdenscheid  und  schreibt von  dort:  „dass alles so  herrlich  gekommen  ist, kann ich kaum fassen.“  Außer  uns schreibt er auch  seinen  Großeltern,  seinen Geschwistern,  und  allen  Lieben  in  der  Heimat.  Er  sei  entschlossen,  das  Studium  eines  Mittelschullehrers  für Mathematik, Physik und Chemie zu beginnen und zwar entweder in der Schweiz oder in Deutschland.

22. Mai 1946

Wir  erhalten einen zweiten Brief von  Otti aus Lüdenscheid (vom 27.04)  in dem es heißt: „Ich bin hier sehr  gut  aufgenommen.  Die  Familie  Dr.Max  Schulte  sind  durchwegs  alles  sympathische  Leute,  die sich wiederholt nach Euch erkundigt haben, und sehr freuten, als ich ihnen meine 4 Mediascher Briefe vorlegen konnte.  Sie lassen  sich  gerne  von  Mediasch erzählen… dieser  plötzliche  Umschwung  ist  für mich  direkt märchenhaft, umso mehr noch, als  ich  hier Klavier  spiele,  die schönsten  Bücher  lese, ins Kino,  schöne  Konzerte  und  Vorträge  gehen kann. Auch  kann  ich  mit  Dr.Schulte  –  den  ich  wie Paul, Onkel  Max  nenne  –  hie  und  da  mal  mit  seinem  Auto  durch  die  Gegend  fahren.  Er  hat  nämlich  oft Krankenbesuche auswärts! Diese Nachricht erfüllt  uns mit großer Freude und wir sind glücklich, so wohl Otti wie auch Paul bei guten,  von  uns  hochgeschätzten  Bekannten  zu  wissen,  die  selbst  einmal  bei  uns  Gastfreundschaft genossen haben.

Da  erreicht  uns  am  Abend  dieses  Tages  eine  Nachricht,  die  geeignet  ist,  uns  bitteren  Kummer  zu bereiten. Meine Schwägerin  Mela  kehrt  aus  Hermannstadt,  wo sie  für  das  Geschäft  Strohhüte hätte kaufen  sollen,  aber  keine  bekam,  und  die  ihr  zur  Verfügung  stehende  Zeit  damit  benutzte,  Erkundi-

gungen  nach Kon  einzuziehen,  mit  der Botschaft nach Hause, es  sei  ja schon seit mehreren Monaten ein  Regimentskamerad  Kons  aus  russischer  Gefangenschaft  heimgekehrt,  der  genau  wisse,  daß  Kon gestorben sei.

– FORTSETZUNG FOLGT –

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