Otto Folberts Tagebücher Band 44 April 1946 – Mai 1948 (Folge 2)


Otto Folberts Tagebücher

 Band 44

 April 1946 – Mai 1948

Quelle: Siebenbürgen-Institut – Online

In`s Reine geschrieben von:

Gerhard Feder im Juni 2001

Im Auftrag von: Paul J. Folberth

23. Mai 1946

In  Hermannstadt  erfahre  ich  vom  Advokaten  Manzarariu,  Str.  Gradinarilor  14,  einem  ehemaligen Regimentskameraden  Kons,  der  als  Major  der  Division  Tudor  Vladimirescu  schon  vor  mehreren Monaten  von  Rußland  heimgekehrt und  jetzt im Centrul  de Instructie in der  Kavallerie-Kaserne (Tel. 408) beschäftigt ist, folgendes:

Am  21.November  1942  um  7  Uhr  in  der  Früh  war  die  Einkesselung  des  Artillerie  Regiments  Nr.36 vollzogen und der Kampf  schon  eigentlich  aufgegeben. Das  Regiment, zu dem Kon mit seiner  Munitionskolonne  entweder  am  Abend  vorher  oder  in  der  Nacht  gestoßen  war,  setzte  sich  in  Marschkolonne  in westlicher  Richtung  nach  dem Bahnhof Tinguta  in  Bewegung, um  zu versuchen, sich der Umklammerung doch noch zu entziehen. Es dauerte aber nur wenige Augenblicke, so rollten auch aus dieser  Richtung russische Panzer der  Regimentskolonne entgegen, der  Regimentsstab ritt nach vorne, verhandelte mit ihnen und besprach die Übergabe. Die russischen Panzer fuhren die Regimentskolonne beidseits entlang und entwaffneten das Regiment, indem  sie  die  Offiziere  und  Mannschaft  aufforderten  aus  der  Kolonne  herauszutreten  und  sich  in getrennten Haufen zu sammeln. Es ging alles ohne jeden Widerstand vor sich. An einer einzigen Stelle schoss  infolge  eines  Mißverständnisses  ein  russischer  Panzer  in  die  Kolonne  und  verwundete  einen Leutnant (einen der zwei Brüder Tatoru). Die Entwaffnung dauerte ungefähr zwei Stunden. In  dem  Haufen  der  gefangenen  Offiziere  beschloss man,  die  wenigen  Volksdeutschen Offiziere  durch rumänische Namen zu tarnen, um sie vor der Erschießung durch die Russen  zu bewahren.  Es  handelte sich  um  Kon  und  Oberleutnant  Paulini,  um  Scezak  und  Zimmermann  –  die  beiden  letzteren  wahrscheinlich vom Artillerie Regiment 35. Kon habe den Namen Florea bekommen. Später erwies es sich, daß  diese  Vorsichtsmaßnahme unbegründet  war. Infolgedessen  nahmen  diese  Offiziere in den  Lagern wieder ihre deutschen Namen an. Es setzte nun der Marsch ins russische Hinterland ein. Die unendlich langen Gefangenenzüge –  Major Manzarariu meint, daß beim Debacle im Donbogen ca.300.000 Mann in Gefangenschaft geraten seien – nehmen zunächst Richtung auf Astrachan, am rechten Ufer der Wolga entlang. In den ersten 6 Tagen und  6  Nächten  wurde  ohne  Unterbrechung  d.h.  ohne  Schlafrast  marschiert.  In  der  Kalmückensteppe gebe es ja  auch keine oder fast keine Ortschaften, so daß sie mit dem besten Willen nicht von  Obdach

zu  Obdach  hätten  geführt  werden  können.  Auch  ist  klar,  daß  russischerseits  für  die  Verpflegung solcher  Gefangenenmassen  keinerlei  Vorbereitung  hat  getroffen  werden  können.  Nach  Verlauf  von zwei  Wochen  wurden  die  Gefangenen  –  noch  bevor  Astrachan  erreicht  worden  war  –  auf  das  linke Ufer  der  Wolga  hinübergesetzt.  (Ich  weiß  nicht:  über  eine  Brücke,  auf  Fähren,  über  das  Eis  des vielleicht zugefrorenen  Flusses oder sonstwie). Und  am linken Ufer marschierten sie  dann wieder  die Wolga hinauf und erreichten nach Verlauf weiterer zwei Wochen die Höhe von Stalingrad. Dieser Teil der Kaspischen Steppe war vielleicht noch unwirtlicher als die Kalmückensteppe. Außerdem hatten sie jetzt dauernd den Nordwind gegen sich. Die Temperatur sank von Woche zu Woche und mochte gelegentlich  -40°  erreichen.  Die   Ausfälle  mehrten  sich.  Wer  zusammenbrach  und  zurückblieb,  war  in kurzem erfroren. Ungefähr nach 4-wöchigem Marsch durch diese Schnee und Eiswüste, bei kümmerlichster Ernährung, begannen die Kr fte Kons nachzulassen. Er aß sehr viel Schnee, vielleicht deshalb, weil er Fieber hatte und unter großem Durst litt.  Eines Tages,  es sei gegen  4  Uhr nachmittags  gewesen,  merkte  Manzarariu, daß Kon aus der Marschkolonne nach rechts hinaus wankte und sich in den Schnee legte. Mehrere Kameraden umstanden ihn eine Weile, setzten aber, als sie merkten, daß er wahrscheinlich nicht mehr werde weiter gehen  können, ihren Marsch fort. Nur Manzarariu setzte sich zu ihm hin und sprach ihm Mut zu. Er meint, in besonders herzlichen Verhältnis zu Kon gestanden zu haben. Kon  habe  ihn auch wiederholt  gebeten:  Nu  ma  las!  Nu  ma  las!  Doch  Kon  habe  nicht  mehr  die  Kraft  gehabt,  sich  zu erheben. Nach einer  Stunde  sei er  erfroren gewesen.  Als Manzarariu  ihn verließ,  um seinen Kameraden nachzueilen, war er schon halb vom Schnee verweht. Die  Stelle  wo  er  liege,  sei  nach  seiner  Schätzung  ungefähr  100  km  von  Stalingrad  in  nordöstlicher Richtung  entfernt.  Weit  und  breit  war  keine  Ortschaft. Den  Tag  kann  Manzarariu  nur  auf  die  Weise bestimmen, daß er von ihrem Eintreffen in Cop-iar, einer größeren Raststelle, am 21.Dezember zurück rechnet. Er sagt, es könne der 18., 19. oder 20. Dezember gewesen sein. – Kon trug seinen Pelz. So  wie  er,  seien auf  diesem Marsch ungefähr  die  Hälfte  der  Gefangenen zusammengebrochen  liegen geblieben.  In  erster  Linie die  Alten  und  die  ganz Jungen.  Am  besten  hielten sich  die  Jahrgänge  zwischen  25  und  35.  Kon  sei  einer  der Ältesten  in  der  Kolonne  gewesen.  Regimentskommandant  Jurca war vielleicht  auch  so alt  oder  noch älter, besaß  aber einen besonders  sportgestählten  Körper  und  hat die Strapazen überstanden.

Der Fußmarsch der Gefangenen dauerte noch Wochen an  und führte bis Saratow. Erst dort wurden sie einwaggoniert. Auch während  der Eisenbahnfahrt  sind noch viele  erfroren, denn  es herrschte  grimmige Kälte. Das Schicksal der  Gefangenen wendete sich zum Besseren erst in den Lagern.  Dort wurden sie gut untergebracht,  gut verpflegt  und  menschlich  behandelt.  Es sei  anzunehmen,  daß  sie  bald alle zurückkehren würden. Manzarariu  nennt  als  weitere  Augenzeugen  von  Kons  Tod  den  Hauptmann  Macavei,  Hermannstadt, Strada  Noua  1,  und  den  Hauptmann  Sandru  Constantin  vom  1.Artillerie  Regiment  der  Tudor-Vladimirescu-Division. Ich habe aber  diesmal keine Zeit, auch sie aufzusuchen,  da ich Manzarariu sowieso erst zu Mittag ausfindig machen konnte und mein Zug am frühen Nachmittag bereits abfahrt.

Merkwürdig  ist, daß Manzarariu sich nicht sehr viel Mühe gegeben hat,  uns diese Nachricht von sich aus zukommen zu lassen, umso mehr, als auch seine Frau genau wusste, wie sehr Mela auf  Nachrichten aus  Russland  wartete.  Er  hat  sie  aber  auch  nicht  verschwiegen.  So  hat  er  beispielsweise  schon  im November  vorigen  Jahres  Herrn  Paulini  in  Hermannstadt  (dem  Vater  von  Kons  Frontkameraden Paulini aus  Bukarest)  erzählt,  daß  Kon tot  sei. Herr Paulini hat mir  nach  Mediasch auch  sagen lassen, ich  solle  hinüber  kommen,  es  sei  Nachricht  von  Kon  da.  Aber  dieser  betreffende  (Herr  Schmidt  aus der Neugasse, genannt Tschudoi) hat mir diesen Auftrag einfach nicht überbracht. Oberleutnant Paulini, der den Wolgamarsch überstanden hat und vermutlich auch jetzt noch am Leben in russischer Kriegsgefangenschaft ist, soll übrigens den Ehering Kons bei sich haben. Es ist mir nicht ganz klar,  wie  er  in  seine Hände geraten ist. Vielleicht kann man später,  wenn er einmal  heimgekehrt ist, noch weiter Einzelheiten über Kons letzte Stunden erfahren.

24. Mai 1946

Mit diesem furchtbaren Wissen bebürdet trete ich vor meine 78 jährige Mutter, der Mela bis zu meiner Rückkehr  aus  Hermannstadt  auf meine  Bitte  die  Wahrheit verschwiegen  hat. Jetzt  hat  es  keinen Sinn mehr, sie ihr vorzuenthalten. Mutter ist ein tapferer Mensch. Es versetzt ihr einen Stich ins Herz, denn sie  hat  in  den letzten Jahren nur  noch  dieser  Hoffnung  auf ein Wiedersehen  mit  Kon gelebt, aber  sie versucht  ihren  großen Kummer  mit Gefasstheit zu tragen. Nun  hat  sie  von  fünf Kindern  nur noch ein einziges, nur noch mich behalten.

Sonntag, den 26. Mai 1946

findet in der evangelischen Stadtpfarrkirche  in Mediasch im Rahmen des Gottesdienstes, wie das jetzt bei  uns  der Brauch  ist,  die  Trauerfeier  für  Kon  statt,  indem  Stadtpfarrer  Dr.Gustav  Göckler  im  Anschluß  an  die  Predigt  einen  kurzen  Nachruf  auf  Kon  hält.  Unsere  noch  immer  zahlreiche  Familie nimmt  geschlossen  daran  teil,  die  Trauer  über  Kons  Hinscheiden  ist  aber  in  d er  ganzen  Stadt  eine allgemeine  und  aufrichtige.  .  Wieder  erweist  es  sich,  wie  viele  gute  Kameraden  er  besaß  und  wie beliebt  er  in  weiten  Kreisen  der  Bevölkerung  war.  Von  ihm  gilt  das  Wort:  er  hatte  überhaupt  keine Feinde.

Nach der Trauerfeier begaben wir uns – die engere Familie mit Mutter – auf den Friedhof, um an dem Grabe  Vaters  in  Gedanken  am  großen  Kummer  um  Kon  zu  weilen.  Es  ist  ein  herrlicher  Frühjahrs- Vormittag. Die Natur prangt in ihrem  schönsten Schmuck. In den hohen alten Bäumen zwitschern und jubilieren unzählige Vogelstimmen. Und zufällig trifft es sich, daß sich heute zum 30. Male der Todestag meines Bruders Kurti jährt, der unter dem Rasen nahe neben Vater schläft.

Am  Spätnachmittag  kommen  zu uns  zur Jause  außer  Mutter  und  meiner  Schwägerin  Mela mit  ihren zwei  großen  Buben auch  Gustonkel und  Annatante,  die immer große  Anhänglichkeit  an Kon  gezeigt haben.  Wir sitzen in der Veranda im Garten, Trudl wartet  Kaffee  und  Nussstrudel auf. Ich hole  meine Tagebücher aus dem Jahre 1943 und lese die Zahlreichen Eintragungen über Kon vor. Daraus entsteht ein lebendiges  Bild  jenes  verhängnisvollen  20.November 1942, da er  aus  übertriebenen  Pflichtgefühl, trotz mehrfacher  Warnungen durch  verschiedene Kameraden, seine letzte Fahrt mit  seiner Munitions-Kolonne  zum  Regiment  gemacht  hatte  und  mit  diesem  zusammen  in  dem  Kessel  südlich  Stalingrad umzingelt worden war. Diese  Aufzeichnungen  hatte  ich  seinerzeit  mit  der  Absicht  zu  Papier  gebracht,  sie  mit  Bruder  Kon durchzusprechen, wenn er einmal nach Hause zurückgekehrt sei und von ihm zu hören, was davon der Wahrheit  entsprochen habe. Nun  ist  der arme  gute  Kerl  für immer von uns  gegangen  und  sie bleiben die letzten Erinnerungen an ihn.

30. Mai 1946

Ich  kann  und  kann  mich nicht  an  den  Gedanken  gewöhnen, daß  Kon  tot  sei, so fest  habe ich  stets  an seine  Heimkehr  geglaubt.  Ich  versuchte, diesen Glauben stets  auch  Mutter  und  Mela  zu  suggerieren, was  mir  im ersten Fall  auch restlos  gelungen  war. Auch  Mutter kann jetzt  gar  nicht fassen,  daß  Kon

nicht  mehr  heimkehren  soll.  Ich  verliere  in  Kon  meinen  einzigen,  meinen  letzten  Bruder.  Das  Wort einzig passt für ihn auch in anderer Beziehung, denn er war ein ungewöhnlich guter, ein ungewöhnlich anständiger  Mensch.  Seine  Anständigkeit  nahm  im  militärischen  Leben  die  Form  übertriebenen Pflichtgefühles an: diesem ist er  am 20.November  1942 südlich von  Stalingrad schließlich zum Opfer gefallen. Kon hatte ein  besseres  Herz als  ich, er war opferbereiter,  kameradschaftlicher, in mancher Beziehung treuer,  er  war  gemütvoller,  humorvoller,  sesshafter.  Andererseits  war  er,  trotz  seines  um  vier  Jahre jüngeren Alters, nicht so elastisch, nicht so beweglich, nicht so leichten Entschlusses wie ich. Er besaß den  schwächeren Willen  von  uns beiden,  die  schwächere  Kraft,  sich  zu  beherrschen  und  den  schwächeren  Ehrgeiz,  an  sich  zu  arbeiten.  Seine  Ziele  lagen  immer  näher  als  die  meinen  und  wenn  wir zusammen  eine  Reise  oder  einen  Ausflug  machten,  so  fügte  er  sich  immer  ganz  meinem  Plan  oder meinem Vorschlag. So  lange  wir  zusammen  im  Elternhaus lebten,  haben  wir  uns  nicht  gut  miteinander  vertragen.  Mein Lieblingsbruder  war  damals Kurti. Als  uns  aber nach Jahren  langer  Trennung unsere Wege  am  Ende des  ersten  Weltkrieges  wieder  zusammenführten,  entstand  sehr  bald  ein  inniges,  ja  ausgesprochen herzliches Verhältnis  zwischen uns,  das  seither  auch  kein einziges  Mal  getrübt worden  ist. Ich  weilte sehr gerne in seiner Gesellschaft, die Familienabende bei Mutter, denen er durch seine Gemütlichkeit, durch  seinen  Humor,  seine gewöhnlich sehr  gute  Laune oft seinen  Stempel  aufdrückte,  sind  mir  eine teure Erinnerung. Sein volles, ungehemmtes Lachen klingt mir noch jetzt in den Ohren .

– FORTSETZUNG FOLGT –

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