Otto Folberts Tagebücher Band 44 April 1946 – Mai 1948 (Folge 3)


Otto Folberts Tagebücher

 Band 44

 April 1946 – Mai 1948

Quelle: Siebenbürgen-Institut – Online

In`s Reine geschrieben von:

Gerhard Feder im Juni 2001

Im Auftrag von: Paul J. Folberth

31. Mai 1946

Wie selten das Schicksal zuweilen waltet! Im Sommer 1942 kam, wie Mela erzählt, die junge Frau desMediascher  Advokaten  Craciun  zu  wiederholten  Malen  ins  Geschäft  zu  Kon.  Ihr  Mann  und  Konwaren  Regimentskameraden.  Ihr  Mann,  viel jünger als Kon,  war damals  mobilisiert  und beim  Regiment an der  Front. Sie  klagte Kon  und  Kon soll  sich  auch  durch  sie  dazu  haben  bereden lassen,  sich freiwillig  zum  Dienst an  der Front zu melden. Tatsache  ist, daß Leutnant Craciun durch Oberleutnant Folberth  abgelöst  wurde  und  jener  kurz  vor  Einbruch  der  Katastrophe  am  Don  ins  Hinterland  kam, während Kon gefangen genommen wurde und zugrunde ging. Jetzt, als die Nachricht von Kons Tod  nach  Mediasch gelangte,  befand  sich  Frau  Craciun  in anderen Umständen.

31. Mai 1946

Wie selten das Schicksal zuweilen waltet! Im Sommer 1942 kam, wie Mela erzählt, die junge Frau des Mediascher  Advokaten  Craciun  zu  wiederholten  Malen  ins  Geschäft  zu  Kon.  Ihr  Mann  und  Kon waren  Regimentskameraden.  Ihr  Mann,  viel jünger als Kon,  war damals  mobilisiert  und beim  Regiment an der  Front. Sie  klagte Kon  und  Kon soll  sich  auch  durch  sie  dazu  haben  bereden lassen,  sich freiwillig  zum  Dienst an  der Front zu melden. Tatsache  ist, daß Leutnant Craciun durch Oberleutnant Folberth  abgelöst  wurde  und  jener  kurz  vor  Einbruch  der  Katastrophe  am  Don  ins  Hinterland  kam, während Kon gefangen genommen wurde und zugrunde ging. Jetzt, als die Nachricht von Kons Tod  nach  Mediasch gelangte,  befand  sich  Frau  Craciun  in anderen Umständen. Vor einigen Tagen kam sie unglücklich nieder und starb am 29.Mai im Kindbett.

1. Juni 1946

In  Bukarest  wurden  von  den  durch  das  Volksgericht  (tribunalul  poporului)  zum  Tode  verurteilten Hauptkriegsverbrechern  Rumäniens  vier  hingerichtet:  Jon  Antonescu,  Mihail  Antonescu,  Constantin Vasiliu und Gheorghe Alexigan.

1. Juli 1946

Deutschland  hungert,  wenigstens  soweit  es  von  Engländern,  Amerikanern  und Franzosen  besetzt  ist (das von  den  Russen  besetzte  Gebiet,  der Osten, wies  von jeher  agrarischen  Beschluss  auf, der  sich heute vermutlich umso stärker auswirkt, als sehr große Bevölkerungsteile ihn aus politischen Gründen verlassen haben und eine Lebensmittelausfuhr in die anderen Gebiete von den Russen nicht zugelassen wird.)  Nach  Meldungen  des  Londoner  Rundfunks  mussten  die  Lebensmittelrationen  in der  britischen Zone  auf  1000  Kalorien  herabgesetzt  werden  (in  den  britischen  Gefangenenlagern  erhalten die  deutschen  Soldaten  ca.2000 Kalorien)  und  es  sei sehr unsicher,  ob sie  bis zur  Ernte nicht  weiter  verkürzt werden müssten. Otti  und  Paul  haben  die  Einreise  in  die  Schweiz  noch  nicht  bewilligt  erhalten,  da  gegenwärtig  für rumänische  Staatsangehörigen Einreiseverbot dorthin besteht  (wie  auch umgekehrt Einreiseverbot für Schweizer  nach  Rumänien).  Ich  habe  ihnen  geraten,  noch  zwei  Monate  lang  zu  versuchen,  in  die Schweiz zu  gelangen,  und  im  Falle des Misslingens  nach Hause zu  kommen.  Ich  kann  Otti nicht  dem dritten, Paul dem vierten Hungerwinter aussetzen.

10. Juli 1946

Mein  50.  Geburtstag.  Er  steht  ganz  im  Zeichen  des  regen  Briefaustausches  mit  Otti  und  Paul.  Jeder von uns dreien hat bis zu diesem Tage schon an die zwanzig Briefe zur Versendung gebracht, die auch zum  aller  größten  Teil,  wenn  auch  reichlich  langsam  (in  3-4  Wochen)  ihr  Ziel  erreichen.  Natürlich schreibt  auch Trudl  den  Jungen  oft,  und  zuweilen schreiben  ihnen auch  ihre  Brüder.  Zuhause  veranstaltet Trudl  ein sehr schönes Familienfest in engerem Kreise. Wir lesen einige Briefe der Jungen  vor und Trudl singt Lieder, die Klaus auf dem Klavier begleitet.

29. Juli 1946

Beginn der Friedenskonferenz von Paris, auf der 21 alliierte Staaten (in erster Linie USA, England, die Sowjetunion  und Frankreich)  Frieden  schließen  sollen  mit  Italien, Rumänien,  Bulgarien,  Ungarn und Finnland.

7.–10 August 1946

Ausflug mit meinem Schwiegervater, mit Trudl, Gretl und Hans zur Schäßburger Hütte, im Sambata –Tal. Von dort Aufstieg durch das große  Fenster zum Urlea-Gipfel. Wir staunen über  den großen Touristenverkehr  auf  dem  Hauptkamm.  Ja,  seit Monaten  herrscht  halt ausgesprochen  schönes  und über trockenes Wetter! Hochbefriedigt kehren wir Heim.

Am 19. August 1946

wurde  durch  ein  Decret-Lege, erschienen  im Monitor Oficial Nr.191,  bestehend aus  wenigen  Zeilen, sowohl das  Baron Brukenthalsche Museum wie  auch das Naturwissenschaftliche Museum zu Gunsten des Staates enteignet.

19.–23. August 1946

Infolge  der  ungeheuren,  von  uns  in  diesem  Ausmaße  noch  nie  erlebten  Trockenheit  und  der  für  die Ernährung des  Landes  katastrophalen  Dürre  entstehen  allenthalben in Siebenbürgen große  ausgebreitete  Waldbrände.  Am  sensationellsten  wirkt  die  Nachricht  vom  Brand  der  Zinne  in  Kronstadt.  Die Gefahr schien  dort  schon so groß  zu sein, daß  die Bewohner der Burggasse aufgefordert  wurden,  ihre Häuser zu räumen. Doch da setzte auch schon ein wolkenbruchartiger Regen ein und setzte dem Feuer ein Ende.

29. August 1946

Ich  vertrage die Wärme gut und habe,  zumal  in Rußland,  ungeheuer  heiße Sommer erlebt. Aber  an so eine  konstante  Hitze  wie  in  den  Monaten Juli  und  August  d. J. in  Siebenbürgen  kann  ich  mich  nicht besinnen. Die Dürre wurde zur Plage für Mensch und Vieh. Wochenlang war keine Wolke am Himmel zu  sehen.  In der Nacht  fiel  kein Tau. Erst nach Mitternacht sank  die Temperatur spürbar. (Ich schlief stets draußen auf dem Balkon). Autos und Fahrräder hatten Pneupannen am  laufenden Band,  weil der Straßenkörper zu  heiß war. Zum Schluss  lastete ein bleierner, staub-durchsetzter Steppenhimmel über dem  Land,  an  dem  die  Sonne  blutrot  auf  und unter  ging.  Jetzt  endlich  hat  es  in  manchen  Teilen  des Landes geregnet, die große Hitze ist gebrochen, die ersten Herbsttage sind da.

31. August – 3. September 1946

besteigen  wir  mit  Trudl  Gretl  und  Klaus  den  Königsstein.  Anfahrt  über  Zernesti  nach  Plaiul  foii. Aufstieg  von  dort  über  die  Westwand.  Hirtenspitze  2460  m.  Übernachten  in  der  ADMIR-Hütte  auf zwei Tischen im Speiseraum.  Die (rumänische) Hütte macht einen kl glichen Eindruck. Nächsten Tag Wanderung  zur  SKV-Hütte,  einem Schmuckkästchen im  Vergleiche  zur  Admirhütte,  Besteigung  des kleinen Königstein vorbei an der  herrlichen Crapatura-Schlucht,  die  den großen vom  kleinen  Königstein trennt. Sehr, sehr lohnend.

Abstieg  nach  Zernesti: Wir  hatten  gutes  Wetter.  Wir  gingen  ohne  Führer  und sogar  ohne  Karte.  Die  schweren  Ruchsäcke  trugen  wir selbst.  Für  Trudl  und mich  war es eine Kraftprobe,  aber  eine  Kraftprobe, die wir bestanden haben. Der Königsstein ist kein Massiv, sonder eine einzige von Norden nach Süden verlaufende steile Felswand. Auf ihm sollen die schönsten Edelweiß -Blumen wachsen. Rekordgröße: 16 cm im Durchmesser.

10.–15. September 1946

in  Bad  Baaßen  im  Karresheim.  Die  letzten  zwei  Tage  mit  Trudl,  Hohe  Warte-Bunker.  Herrliche Herbsttage – wunderbares Obst.

18. September 1946

erkrankt  Klaus plötzlich an Diphtherie  plus  Lymphdrüsenfieber und  ist  zwei Tage  sehr  schwer  krank. Er kriegt mehrere Diphterieserum- und 8 Penicillin-Injektionen.

22. September 1946

kehrt  mit wenigen anderen Volksgenossen Ing. Erich Kelp unerwartet aus Russland heim, wohin  er vor 2 Jahren zur Arbeit verschleppt worden war. Im Gottesdienst sehe ich ihn zum ersten Mal. Er ist grau, alt  und  krumm  geworden.  Von  68  Briefen,  die  ihm seine  Frau  während  dieser  Zeit  schrieb,  hat  er  3 erhalten. Seiner tapferen Frau Grete waren wir stets in inniger Freundschaft zugetan.

1. Oktober 1946

Nach einer  Dauer von mehreren Monaten,  in  denen  über  400  Gerichtssitzungen  stattgefunden  haben, ist  der  „Nürnberger  Prozess“  gegen  die  deutschen „Hauptkriegsverbrecher“  zu  Ende  gegangen.  Fast täglich  sind  wir in  dieser Zeit  am  Rundfunk dem  Gang der Verhandlungen  gefolgt.  Dabei  haben  wir schmerzlich  empfunden,  daß  das  Gericht  der  21  alliierten  Staaten  bloß  die  Vergehen  der  einen  Seite aufzudecken  bemüht  gewesen  ist,  obwohl  doch  sonnenklar  ist,  daß  Kriegsverbrechen  auf  beiden Seiten begangen worden sind. Laut  Statut  hatte das  Gericht die Schuld  der Angeklagten in  folgenden vier  Punkten  zu  untersuchen: 1.Verschwörung gegen die Weltordnung; 2.Planung und Durchführung von Angriffskriegen; 3.Kriegsverbrechen;  4.Verbrechen  gegen  die  Menschlichkeit.  Von  den  22.  Angeklagten  wurden  freigesprochen: von Papen, Schacht und Fritsche. Zu 10 Jahren Kerker verurteilt: Dönitz. Zu 15 Jahren: Neurath. Zu  20 Jahren:  Speer und Schirach.  Zu  lebenslänglichem  Kerker: Hess,  Reeder  und  Funke.  Zum  Tode durch  Erhängen:  Göring,  Ribbentrop,  Keitel,  Kaltenbrunn,  Rosenberg,  Frank, Frick,  Streicher,  Saukel, Jodl,  Bormann. Von  den  angeklagten sieben Formationen wurden  für schuldig erklärt:  Teile  des Führerskorps der NSDAP, die SS, der SD und die Gestapo.

1. Oktober 1946

Der Zufall  fügt es,  daß an den  gleichen  Tagen,  da  in  Nürnberg das  Endurteil erbracht  wird, vor  dem Klausenburger    Gerichtshof  (curtea  de  apel)  der  Prozess  gegen  zwölf  Mediascher  zur  Verhandlung kommt,  die  zur  Zeit  des  NS  hier  führend  tätig  gewesen  sein  sollen  (Römer,  Kasemiresch,  Karres Samuel  junior,  Duldner,  Schuster  Dutz,  Dr.Frank,  Weißkircher,  Haberpursch,  Dr.Groß,  Paulini,  Dr. Juchum).  Als  Zeugen  der  Anklage  wie  auch  der  Verteidigung  werden  viele  Rumänen  und  Juden vorgeladen. Sie  sagen  ausnahmslos  zu Gunsten  der  Angeklagten  aus. Am  Freitag  dem  4.Oktober  zu Mittag  wird das Urteil erbracht: alle  12 werden  freigesprochen und dazu noch  Frau Zimmermann aus Kronstadt.  Hingegen werden  in contumatiam zu  8  Jahren Kerker  verurteilt:  Prof.Sooß,  Kurt  Fromm, Walter May, Dr.Zickeli, Ing.Groß.

16. Oktober 1946

Von  den in Nürnberg  zum Tode verurteilten Hauptkriegsverbrechern werden zehn durch  einen englischen Scharfrichter in einem Raum des Nürnberger Gefängnisses gehängt. Göring ist es gelungen, sich einige  Stunden  vor  Vollstreckung  des  Urteils  zu vergiften, indem er  trotz schärfster  Bewachung eine Fiole mit  Cyankali  zwischen den  Zähnen  zerdrückte. Keinem  einzigen Gnadengesuch  war  statt gegeben  worden, nicht  einmal demjenigen Reeders,  der  gebeten hatte, die über ihn verhängte  lebenslängliche Kerkerhaft in Todesstrafe umzuwandeln.

20. Oktober 1946

Unsern  Hans  habe  ich  zu  Beginn  dieses  Schuljahres  in  das  Liceul  Sf.Vasile  in  Blaj  einschreiben lassen, damit er dort rumänisch lerne. Er besucht dort die Quarta, genauso wie sein Bruder Otto in dem gleichen Alter  die  Quarta  am  rumänischen  Gymnasium  in  Elisabethstadt  und  sein  Vater  im  gleichen  Alter  das  ungarische  Gymnasium  eben  dort  besucht  hatte.  Genauso  wie  wir,  leidet  auch  Hans  unter einem fürchterlichen Heimweh. Seine erste Postkarte, die er nach Hause schrieb lautete wie folgt:

„Blaj  den  9.  Oktober  1946.  Liebe  Eltern!  Heute  war  ich  bis  um  1  Uhr  in  der  Schule.  Es  geht  sehr schwer, denn ich hab nicht die richtigen Brüder die ich brauche. Die Pascuischen sind sehr nette Leute, auch  Freunde hab  ich  genug.  Nur  kein Heimweh sollte  ich  haben,  dann  wäre alles in Ordnung.  Aber immer  nur  die  Eltern  im  Kopfe  haben,  die  lieben  Eltern  und  nichts  anders  tun  als  weinen  das  ist schlecht. Nun seid vielmals gegrüßt von Eurem Sohn Hans.“ Schon  eine  Woche  nach  Schulbeginn  kam  er  auf  Besuch  nach  Hause,  weil  er  drei  eitrige  Wunden hatte, die zu verschmutzen drohten. In diesen Tagen veranlasste ich ihn, seinen Brüdern in der Fremde einen  Brief  zu  schreiben.  Diesen  schloss  er  mit  dem  Satz:  „Die  erste  Woche  in  Blaj  war  ziemlich schwer,  ich  meine nicht  was  Lernen  anbelangt,  in  dieser  Beziehung sind  diese  Leute  dumm,  aber  es gibt noch etwas anderes, das weiß Otti auch sehr gut. Nun schließe ich bleibe wie immer Euer Hans.“

26. Oktober 1946

Den  Bauern  auf  unseren  Dörfern  wird  von  dem  wenigen,  das  sie  besitzen,  immer  noch  genommen: Vieh, Schweine  und  Gerätschaften. In  viele Häuser werden sogenannte Kolonisten  einquartiert. Jetzt beginnt  man  sogar  die  Bienenstöcke  zu  sammeln.  Angeblich  sollen  sie  alle  nach  Klausenburg geschafft  werden:  zu  einem  Bienenkolchos!  Aber  sie  gehen  natürlich  schon  auf  der  Reise  bis  hin kaputt. Aus der russischen Zone Deutschlands finden massenhafte Deportierungen deutscher Arbeiter z.B. der Zeißwerken  in  Jena,  der  Leunawerken  und  andere  Industrien  nach  Russland  statt  –  trotz  heftigsten Protestes der Alliierten.

3. Dezember 1946

Wir stehen in regem Briefwechsel mit Otti und Paul. Deshalb mache ich hier keine Eintragungen mehr über  sie.  Ich  will  nur  so  viel  festhalten:  Otti  studiert  seit  Beginn  des  Wintersemesters  Mathematik, Physik und Chemie  an  der Technischen Hochschule  Stuttgart,  Paul  studiert Bauingineurwesen an der Technischen Hochschule Karlsruhe.

5. Dezember 1946

Es  besucht  uns ein  junger  ungarischer  Lehrer  namens   Barta  Laszlo  aus  der  Klausenburger  Gegend, der zusammen mit Otto im Winter 1945/46 in Belgien gefangen war. Er hat mit ihm sogar das gleiche Zelt geteilt. Er erzählt uns sehr ausführlich und aufschlussreich über ihr dortiges Leben. Wir haben den Eindruck, daß es unserm Otti dort verhältnismäßig sehr gut gegangen ist, zumal seit der Zeit (ab Mitte November), da er als Lehrer zum so genannten “Stab“ des Lagers gehörte.

– FORTSETZUNG FOLGT –
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