Otto Folberts Tagebücher Band 44 April 1946 – Mai 1948 (Folge 4)


Otto Folberts Tagebücher

 Band 44

 April 1946 – Mai 1948

Quelle: Siebenbürgen-Institut – Online

In`s Reine geschrieben von:

Gerhard Feder im Juni 2001

Im Auftrag von: Paul J. Folberth

11. Januar 1947

Familienabend der  Familie Folberth in  unserer  schönen großen  Diele  –  die  erste Zusammenkunft seit ca.25 Jahren. Es sind  46 Personen anwesend das ist  nur  ein Teil unserer Familie. Diese  umfasst, wenn wir die Nachkommen meiner väterlichen Großeltern (des  Apothekers Dr.Friedrich Folberth und seiner

Ehegattin  Josepha  von  Heydendorff)  rechnen,  gegenwärtig  144  lebende  Mitglieder.  Davon  leben  in Mediasch  73,  außerhalb  71.  Von  den  letzteren  leben  außerhalb  von  Mediasch  in  Rumänien  28,  in sterreich  11,  in  Deutschland  19,  in  englischer  Kriegsgefangenschaft  1,  nach  Russland  verschleppt bzw.  in  russischer Kriegsgefangenschaft  10.  Den  Anwesenden  erzähle  ich  einiges aus der  Geschichte unserer  wichtigsten  Ahnenlinien  Folberth  und  von  Haydendorff.  Zum  Abschluss  lese  ich  ihnen  aus dem „ Viergespann“ das Kapitel vor „Rings um ein Adelswappen“.

17. Januar 1947

Alfred  Paulini,  Oberleutnant  der  Reserve,  der  einzige  volksdeutsche  Regimentskamerad  meines Bruders  Kon,  ist  nach  vierjähriger  Gefangenschaft  aus  Russland  heimgekehrt.  Er  hat  mich  wissen lassen,  daß  er  um  Mitte  Januar  einige  Tage  bei  seinem  Vetter  in  Hermannstadt  weile    (seine eigene Familie hat ihren Wohnsitz  noch immer in Bukarest)  und  daß  er  bereit sei,  mir nähere  Auskunft über Kons Tod zu geben. Ich fahre hinüber und er erzählt mir folgendes:

„ Ich bin mit Kon zusammen  mit einem Ersatztransport zum Regiment geschickt worden. Wir stießen zu ihm in  Volnovoka,  ca.  60  km südlich  von Stalino.  In  Stalino  hat K on,  auch  in  Gemeinschaft  mit mir,  Sie überall in  den Spitälern  gesucht, weil er der Meinung war,  Sie seien im  Kaukasus verwundet worden,  und  könnten  hier  irgendwo  liegen.  Nach  Marsch  und  Bahnfahrt  und  abermaligem  Marsch ging das Regiment südöstlich von Aksai und gegenüber von Zaza in Stellung. Kon  kann  seinen  ruhigen  gefassten  Brief  am  19.  November  geschrieben  haben.  Auch  ich  schrieb damals  nach  Hause.  Sogar  am  20.  November  war  noch  eine  Weile  lang  alles  ruhig  bei  uns,  bis plötzlich der Befehl kam, Stellungswechsel nach hinten vorzunehmen. Aber  schon  am  21.  November  um  4  Uhr  in  der  Früh  stellte  es  sich  heraus,  daß  die  Straße  vor  uns gesperrt  sei, auf der vorher Kon mit seiner  Munitionskolonne  vom Bahnhof Tinguta her uns  entgegen gekommen war, und daß wir keine Bewegungsfreiheit mehr hatten. Um 6 Uhr Früh  war  unsere  Gefangennahme  und  Entwaffnung  vollzogen.  Mann  nahm  uns  außer  den Waffen  auch Feldstecher  ab, die Kartentaschen,  die Uhren  und ähnliches  und  kontrollierte  uns  durch oberflächliches  Abtasten.  Es  formierte  sich  eine  Kolonne  von  ca.10.000  Mann,  d.h.  unsere  ganze Division. An der Spitze marschierte ein Haufen von ca.450 Offizieren, in dem ich Kon zum ersten Mal wieder  traf.  Wir  schlossen  uns  zusammen  und  Kon  erzählte  mir,  daß  er  auf  der  Fahrt  mit  seiner Kolonne  vom  Bahnhof Tinguta  zur  Stellung  des  Regiments den  Leutnant  Rocsin getroffen habe, der ihn gewarnt hätte, die Fahrt weiter fortzusetzen, daß er seine Warnungen aber in den Wind geschlagen hätte,  weil  er  doch  Befehl  gehabt  habe  dem  Regiment  Munition  zuzuführen.  Kon  wusste  außerdem genau,  daß  die  eine  Batterie  (die  5.te  )  am  Tag  vorher  ca.700  Schuss  verfeuert  hatte  und  nun  ohne Munition  dastand.  Ich  bin  überzeugt,  daß  das  Wissen  um  den  Munitionsmangel  dieser  Batterie  die eigentliche Veranlassung  dafür  gebildet hat, daß  Kon  mit  so  übertriebenem  Pflichtgefühl die   Durchführung des an ihn ergangenen Befehls ins Auge fasste und in sein Verderben fuhr.

Ich  weiß  nicht,  wieso  es  kam,  daß  Kon  ohne  Mantel  in  Gefangenschaft  geriet.  Einige  Tage  darauf erhielt er jedoch von unserem Regimentsarzt einen Wachpelz (Suba), den er fortan trug und unter dem ich  wiederholt  mit  Kon  geschlafen  habe.  Übrigens  war  es  zu  Beginn  unseres  Marsches  in  die

Gefangenschaft nicht sehr kalt. Es lag kein Schnee auf der Erde. Ab und zu nieselte es. Es waren graue neblige Tage. Ich kann mich nicht erinnern, daß die Sonne einmal geschienen hatte.

Gleich  in  der  ersten  Stunde  unseres  Marsches  ereignete  sich  ein  Zwischenfall.  Eine  motorisierte russische Kolonne  fuhr  an  uns  vorbei  Frontwerts.  Auf  einem der  Fahrzeuge  saß  ein  russischer  Soldat mit einer Maschinenpistole im Arm, deren Mündung gegen uns gerichtet war. Gerade als das Fahrzeug

an  unserem  Offiziershaufen  vorüber  rollte,  drückte  der  Soldat  ab  und  feuerte  mehrere  Schüsse  in unsere  Kolonne.  Sie  trafen  unseren  Regimentskameraden  Lt.Tataru  so  schwer,  daß  er  sofort  tot zusammenbrach.  Aber  auch  dessen  Bruder  Eugen,  der  sich  um  den  Toten  oder  noch  Schwerverwundeten zu schaffen machte,  erhielt einen Schuss in den  Oberschenkel. Weshalb der Russe geschossen hatte, ist  uns immer ein Rätsel geblieben. Eugen Tataru machte trotz  seiner Verwundung unseren Marsch noch sieben Tage mit, dann starb er ebenfalls. In  den  langen Gefangenenkolonnen  bildeten  sich  nach  und  nach  kleinere  Marschgemeinschaften, Kameradschaften,  die  fest  zusammenhielten  und  sich  gegenseitig  unterstützten.  Kon  bildete  mit  mir und  meinem  Offiziersburschen  Michael  Hamlescher  aus  Urwegen  den  ich  bei  mir  hatte  behalten können  und  der  ein  sehr braver  und  findiger  Bursche  war,  eine solche Gemeinschaft.  Später  schloss sich  uns  auch  Dani  Zimmermann  aus  Schäßburg,  Oberleutnant  d.R.  unseres  Schwester-Artillerie-Regiments,  an.  Wir  bildeten  also  zu  viert  eine  sächsische Gruppe.  Wir  drei  Offiziere  hatten  uns versuchshalber alle Rangabzeichen von den Uniformen entfernt.

Die  Bewachung  der  Gefangenenkolonnen  war  eine  sehr  oberflächliche.  An  der  Spitze  marschierten oder  ritten  oder  fuhren  einige  russische  Soldaten  und  ebenso  am  Ende.  Was  wir  auf  dem  Marsche trieben, darum kümmerten sie sich überhaupt nicht. Sie waren sich völlig  im Klaren darüber, daß  sich in der menschenleeren  Wüstenei der Kalmückensteppe, durch  die unser Weg ungefähr  dem  Laufe  der unteren Wolga folgend, jedoch ohne sie jemals zu berühren,  führte, niemand von uns dazu  entschließen werde, das Weite zu suchen. Denn das Weite hätte sichersten Tod bedeutet.

Bald  nach  unserer  Gefangennahme  kamen  wir  durch  ein  Dorf.  Es  sollte  für  längere  Zeit  die  letzte menschliche  Behausung  sein, die wir  antrafen.  In  diesem  Dorf  wurde der  Kolonne  Halt geboten  und der  Haufen  der  Offiziere  wurde  an  einige  russische  Kraftwagen  herangeführt,  die  vor  einem  Hause hielten. Kon und ich leisteten dieser Aufforderung jedoch keine Folge und blieben in der Kolonne der Mannschafssoldaten.  Später  erfuhren  wir,  daß  es  der  Marschall  Timoschenko  war,  der  die  Offiziere um sich versammelt hatte, um ihnen mitzuteilen, daß sie ohne Sorge zu sein brauchten, es würde ihnen nicht das geringste Leid geschehen, sofern sie keine Fluchtversuche unternehmen und allen russischen Anordnungen Folge leisten würden.

Von dem  Marsch in die russische  Unendlichkeit  kann  ich  nur  wenig erzählen,  da  wir  Tag und Nacht immer  die  gleichen  Eindrücke  empfingen.  Eine  eigentliche  Marschordnung  gab  es  kaum  in  unserer Kolonne.  Diese  zog  sich  vielmehr  sehr  auseinander  und  bestand  aus  größeren  und  kleineren  Trupps dahintrottender  Menschen.  Da  wir  kaum  jemals  menschliche  Behausungen  antrafen  und  vor  allem niemals solche, die uns hätten aufnehmen können, waren auch keine Rastplätze oder Rastzeiten vorgesehen, weder  bei Tag  noch  bei Nacht.  Vielmehr ergab es sich, daß  jede  Gruppe  oder  jede  Kameradschaft so lange wanderte, bis sie vor Müdigkeit hinfiel und nun, eng auf der Erde an einander gekauert, zu schlafen  versuchte.  Die  herrschende  Kälte  setzte diesen Einzelrasten natürlich  sehr bald  ein  Ende und veranlasste  die  betreffende Gruppe schon nach wenigen  Stunden freiwillig weiter zu  marschieren.

Mittlerweile war die  ganze Kolonne  an den Ruhenden vorbeigezogen und diese trachteten  nun wieder darnach,  die  Spitze  derselben  zu  erreichen.  So  bewegte  sich  die  Kolonne  sozusagen  ohne  Unterbrechung und ohne von den russischen Begleitsoldaten getrieben zu werden in einem gleichmäßigen Trott

vorwärts. Am 6. Tag stießen wir in der Steppe auf  einen Schafkolchos. Dort erhielten wir die erste Verpflegung: je 5 Mann fasste ein Brot, je 2 Offiziere dazu eine Fleischkonserve. Kon und mir  gelang es  die  Konserven  über  getrocknetem  Schafdünger,  den  wir auf dem  Fußboden  eines  Stalles  zusammenkratzten, etwas aufzuwärmen. Wir konnten sie aber nicht aufzehren, da unsere M gen schon zu  sehr zusammengeschrumpft waren und uns den Dienst versagten. Überdies wahrscheinlich auch deshalb, weil uns der Durst  zu  sehr  plagte.  Die  Kolchosbrunnen  hatten  die  ersten  Ankömmlinge  sofort  ausgesoffen,  und Schnee lag noch immer keiner auf der Erde.

Nach  weiteren  4-5 Tagen  erhielten  wir  das  zweite  Mal Verpflegung,  diesmal  bestand  sie jedoch bloß aus Brot. Ungefähr  14  Tage  nach  Antritt  unseres  Marsches  näherten  wir  uns  einem  am  Wolgaufer  gelegenen schönen großen Dorf. Sofort erkannten wir es an seiner Bau art als eine deutsche Siedlung. Wie freuten uns,  als  wir  seiner  ansichtig  wurden!  Unsere  Lebensgeister  erwachten  wieder. Wie  enttäuscht  waren wir  aber,  als  wir  gleich  darauf feststellten,  daß  seine  Einwohner  schon  vor  längerer  Zeit  bis  auf  die letzte  Seele  verschleppt  worden  waren  und daß  alle  seine  Häuser  unbewohnt  und  verlassen  standen. Wir haben infolgedessen nicht einmal seinen Namen erfahren können. Nur einen Genuss bescherte uns dieser  Ort:  wir  konnten  uns  endlich  einmal,  wenn  auch  bloß  mit  Wolgawasser,  satt  trinken.  Dazu fassten  wir  hier  je 10 Mann  ein  Brot.  Ich  brauche  hier  nicht  zu  erwähnen,  daß  uns  Genussmittel  wie Zigaretten selbstverständlich schon in den ersten Marschtagen ausgegangen waren Um  4  Uhr  nachmittags  dieses  Tages  wurden  wir  am  Landeplatz  dieses  Dorfes  auf  einen  Wolgaschlepper mit Motorantrieb  verladen. Wie groß dieser Schleppkahn  gewesen  ist, können Sie sich  vielleicht vorstellen, wenn ich Ihnen  sage, daß  unsere ganze Kolonne, also  ungefähr 10.000 Mann,  darin Platz fanden. Wir standen allerdings so zusammengepfercht, daß niemand auch nur sitzen konnte. Wir zwei mit Kon standen beiläufig in der Mitte des Kahnes, wogegen  wir nichts zu einwenden hatten, als gerade  jetzt  ein  eisiger  Wind  aufkam  und  wir  auf  unserem  Platz  infolge  der  dicht gedrängten  Menschenleiber  um  uns,  etwas  geschützter  waren  als  die  Kameraden  am  Rande.  Die  Wolga  war  nicht zugefroren, jedoch führte sie Eisschollen. Diese  berfahrt  über  die  Wolga  wurde  uns  nicht  allein  der  Abwechslung  halber,  sondern  auch  aus einem  anderen  Grunde  zu  einem  unvergeßlichen  Erlebnis.  Als  wir  nämlich  nach  bereits  eingebrochener Dunkelheit mitten auf dem mächtigen Strom schwammen, blieb der Schlepper plötzlich  stehen und da  wir nicht wußten, aus  welchem Grunde er sich nicht mehr vorwärts  bewegte, bemächtigte sich unser im Nu eine panikartige Verzweiflung. Kurz vorher hatte das Gerücht die Runde durch das Menschenknäul gemacht, die sechs deutschen Soldaten, die wir in dem Dorfe vorgefunden und die als erste den Schlepper bestiegen hatten,  seien ins Wasser geworfen  worden. Jetzt,  als der Schlepper mitten  im Strom  hielt,  wanderte die Befürchtung  von  Mund  zu  Mund, nun würden  Anstalten getroffen,  um uns allesamt  zu  ersäufen.  Es dauerte lange,  bis  wir drauf kamen,  daß  wir auf  eine  Sandbank  aufgelaufen waren  und  noch  viel  länger  dauerte  es,  bis die russische Besatzung des  Schleppkahnes diesen  wieder bewegungsfähig  und  fahrtbereit  machte.  Erst  um  2  Uhr  nachts  erreichten  wir  das  östliche  Ufer  und gingen aus dem Kahn. Eine Schreckensnacht lag hinter uns. Von  dem  Augenblick  angefangen,  wo  wir  das  östliche  Ufer  der  Wolga  betreten  hatten,  wurden  wir kaum noch bewacht. Wir hätten uns frei nach allen Richtungen hin bewegen können. Aber es war klar, daß  wir alle nach dem russischen  Dorfe hin  drängten, das in  einiger Entfernung  vom Ufer  lag und wo wir in der kalten Nacht  uns eine Unterkunft erhofften. Tatsächlich fanden wir dort auch ihre sieben in einem  kleinen  Stall  ein  Obdach und darin  für einige Stunden Schlaf.  Wir hatten  großes  Glück,  dabei nicht bestohlen zu werden, denn andern Gruppen ist es hier schlecht ergangen. Von der wenigen Habe die sie noch mitführten, ist ihnen ein beträchtlicher Teil hier abhanden gekommen. Ohne  in diesem  Orte irgendwie  gelabt  worden  zu  sein,  setzten  wir  am  nächsten  Tag  unsern  Marsch, jetzt also durch  die Kirgisensteppe, in nordöstlicher Richtung weiter fort.  Diese Steppe ist wenn möglich  noch  trostloser  und  unwirtlicher  als  die  Kalmückensteppe.  Gottseidank  fing  es  drei  Tage  nach unserm Wolgaübergang  endlich  an  zu  schneien.  Endlich ja! Denn  nun  konnten  wir  wenigsten  unsern Durst mit Schnee löschen, wovon wir reichlich Gebrauch machten. Um diese Zeit glaube ich, war es, daß unser Regimentskommandeur Jurka schlapp machte und nur auf Kon und mich gestützt sich fortschleppen konnte. Wir kamen bald zu einem Haus, wo wir 40 Offiziere notdürftig  Unterkunft  fanden.  Ich  kann  ihnen  nicht  mehr  sagen,  ob  wir  uns  hier  Stunden  oder  Tage lang  aufhielten,  denn  mein  Gedächtnis  hat  die  jetzt  folgenden  Eindrücke  nur  unvollkommen  aufbewahrt, wie  wir ja alles  infolge  der  großen  Erschöpfung  nur  noch  in einem  bestimmten  Sinne bewusst lebten.  Ich  weiß,  daß  Jurka  sich  hier  erholte  und  wieder  halbwegs  zu  Kräften  kam,  während  Kons Willenskraft  auf  dem  weiteren  Marsche  rapid  abnahm.  Ich  wehrte  mich  mit  dem  Aufgebot  meiner letzten Energie dagegen, mich  von Kon  anstecken zu  lassen und  bearbeitete ihn mit allen Mitteln, um auch  ihn  wieder aufzupulvern. Jedoch vergebens. Ich mußte ihn nun oft, indem ich  seinen einen Arm über  meine  Schulter  schlang  hinter  mir  herziehen  –  kein  ungewöhnlicher  Anblick  in  der  langen Kolone –  sonst  hätte  ich  die  Verbindung  mit  ihm  verloren.  Erstrecht  bewegten  wir  uns  ständig  am Ende der Kolonne und es gelang uns fortan nicht mehr , ihre Spitze zu erreichen. Den Schluß  des  traurigen  Zuges bildeten  zwei  russische  Milizsoldaten.  Diese  hatten für  die Schwerkranken, die nicht mehr marschfähig waren, irgendwoher einen Schlitten aufgetrieben. Sie hatten auch Kon gelegentlich aufsitzen lassen. Dieser aber sträubte sich dagegen und rief ihnen  zu : ,,Schießt mich lieber nieder, dann ist es wenigstens aus!“

Sechs oder sieben Tage nach dem Wolgaübergang fiel nun dicker Schnee und es wurde sehr kalt. Kon erlitt mehrere Schwächeanfälle. Als er  wieder einmal zusammensackte, erbarmte sich seiner ein er  der russischen Begleitsoldaten und  verabreichte  ihm ein  braunes  Pulver.  Wahrscheinlich war  es Koffein.

Es  wirkte  auch  vorübergehend.  Trotzdem  kam  ich,  dessen  Kräfte  nun  ebenfalls  in  beängstigender Weise  abzunehmen  begannen,  am  Abend  dieses  Tages  mit  Kon  auseinander.  Er  blieb  am  Ende  der Kolonne zurück, während ich mich ein Stück Weges vorarbeiten konnte. Am nächsten Morgen vernahm ich zum letzten Mal Kons Stimme. Er rief  vom Ende der Kolonne her wiederholt  nach  vorn,  wo  wir  marschierten:  ,,Vasile!  Fred!“  Vasile  ist  der  Vorname  unseres  Regimentskameraden, des damaligen Leutnants und jetzigen Majors Manzarar. Als ich mich umkehrte, um zu sehen, was los sei, gewahrte ich, wie sich Kon, auf zwei rumänische Offiziere gestützt, anschickte, aus der Kolonne nach halbrechts  auszuscheren  und Richtung auf ein auf freiem Felde  stehendes  Haus zu  nehmen.  Der  russische  Posten  ging  mit,  ein  Zeichen  dafür,  daß  Kon  im  Einverständnis  mit  ihm handelte.  Es sprach  sich in der Kolonne  herum,  ein Auto werde die Marschunfähigen  aus jenem Haus abholen und uns nachführen.

Nachmittags  erreichten  wir  ein  Dorf,  in  dem  ein  Haus  mit  Pritschen  in  zwei  Etagen  unserer  harrte. Ungefähr 2 Stunden nach unserer Ankunft dort fuhr wirklich ein Auto vor, aus dem Schwerkranke und Marsch  Unfähige ausgeladen  wurden.  Ich drängte  mich sofort  heran, stellte  aber zu meinem  Leidwesen  fest,  daß Kon  unter  ihnen  fehlte. Von  einem rumänischen Leutnant  aus  Bacau,  dessen  Name mir entfallen ist, erfuhr  ich  dann, daß  Kon in dem  Haus  einen Schwächeanfall nach  dem  anderen erlitten habe, ja daß er in einer Art von Tobsuchtsanfall den russischen Posten tätlich angegangen habe. Dieser habe Kon schließlich mit dem Gewehrkolben niedergemacht. Auch hat mir der Regimentsarzt vom 18. Dorobanzen Regiment gesagt,  er  habe  Kon mit  zerschmetterten  Rippen gefunden. Er sei  in der  Nähe des  Hauses  in  einer  80  cm  tiefen  Grube  begraben  worden.  Letzteres weiß  ich  von  solchen,  die  sehr unwillig  waren,  auf  Geheiß  des  russischen  Postens  dieses  Grab  schaufeln  zu  müssen,  da  die  Erde damals  schon  steinhart  gefroren  war  und  es  für  sie  eine  große  Anstrengung  bedeutete.  Niemand  hat ihm den  Ehering abgenommen.  Ja er soll  sogar,  wie mir  versichert  worden ist,  in  seinem Pelz  begraben worden sein!“

,,Wann also ungef hr ist mein Bruder gestorben?“ fragte ich Herrn Paulini. ,,Ich schätze, daß es zwischen dem 10. und 16. Dezember 1942 gewesen sein könnte.“ ,,Herr Manzara hat uns den 19.- 21 Dezember genannt.“ ,,Ich sagte ihnen schon, Herr Professor, daß wir damals infolge der ungeheuren Erschöpfung alle nicht mehr  bei  klarem  Bewußtsein  waren.  Mein  Gedächtnis  Beispiel weise  kann  die  Eindrücke  ganzer Wochen einfach nicht  mehr  reproduzieren.  Sie sind wie ausgelöscht.  Ich kann mich  also  auch  irren – aber ebenso Herr Manzara.“ ,, Und wo ungefähr liegt mein Bruder begraben?“

,, Sagen wir 100 km östlich der Wolga. Eine n here Ortsangabe zu machen, ist mir unmöglich.“ ,, Und wie ist es Ihnen selbst später ergangen, Herr Paulini ?“

,,Drei Tage  nach  dem  Tode  Kons erreichten  wir  das  Auffanglager   50 oder 58. Ich  kann mich  auf die Nummer nicht  mehr  genau  erinnern.  Dort fanden  wir  bereits  2000 deutsche  Landzer vor, die in Bunkern und Erdhöhlen hausten. In diesem Lager verbrachten wir Weihnachten 1942. Als man uns wieder in Marsch setzen wollte, stellte es sich heraus, daß vom Offiziershaufen unserer Division nur noch 161 in  der  Lage  waren,  weiter  zu marschieren.  (Meine  Zahlenangaben  beschränke  ich  absichtlich  auf diesen  Offiziershaufen, da ich über die große Masse der Gefangenen keine Übersicht hatte.) Ich selbst gehörte  zu  denen,  die  weiter  marschierten.  Ich  war  ja  viel  jünger  als Kon  und  hatte  mich  in  diesem Auffanglager  auch  etwas  erholt.  Zu  meinem Glück!  Denn  der  zurückbleibende  Rest meiner Kameraden ist in diesem Lager durch bald darauf Ausbrechenden Typhus und Ruhr fast ausnahmslos zugrunde gegangen.

– FORTSETZUNG FOLGT –

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