Jüdisches Leben in Mühlbach


Dieses Thema wurde in der Vergangenheit, aus wohlbekannten Gründen, mehr oder weniger tabuisiert, doch es gehört zur realen Geschichte von Mühlbachs Vergangenheit. Ich möchte mit diesen Zeilen versuchen, mit einem bescheidenen Rückblick auf die Existenz einer Jüdischen Gemeinde in unserer Heimatstadt aufmerksam machen. Da die Informationsquellen heute nach fast 75 Jahren seit dem Zusammenleben dieser Mitbürger mit den anderen Volksgruppen der Stadt verständlicherweise sehr spärlich sind, werde ich Ihnen bloß das schildern was ich bisher in Erfahrung bringen konnte.
Mit Hilfe von Herrn Ciprian Lazar konnten wir erfahren, dass Frau Maria Farcasiu (heute 89 Jahre alt) sich aus ihrer Kindheit erinnerte, dass sich in der Daia-er Straße (heute: Calarasi) ein jüdisches Gotteshaus, eine Synagoge befand; sie hatte in dieser Gasse ihre Kindheit verbracht. Das Gebäude existiert seit langem nicht mehr, und befand sich auf den Hofstellen der heutigen Häuser Nr. 16 und 18.
Frau Farcasiu erinnert sich, dass die jüdische Bevölkerung ein genügsames und bescheidenes Leben führte, und war gut mit den Nachbarn und der restlichen Bevölkerung zurechtgekommen.
Das Gebäude der Synagoge war ein größerer Bau, bestehend aus einem einzigen Raum und einem Becken mit Wasser außerhalb des Gebäudes von ungefähr zwei Meter auf einen Meter für traditionelle, religiöse Zwecke.

Synagoge. mühlbach

Die alte Synagoge

casa de rugaciuni mozaice sebes 1939

Das Nebengebäude der alten Synagoge 1939 vor dem Abriss.

synagoge

Die beiden heutigen Häuser, wo einst die Synagoge stand.

Der Schabbat (Samstag, der wöchentliche jüdische Feier- und Ruhetag) wurde strengstens eingehalten. Jeden Samstagnachmittag war der Gang der Männer in die Synagoge zum Gebet eine Selbstverständlichkeit. Das Gebet wurde vom Rabbiner (jüdischer Geistliche) geführt. Genau so wurden alle anderen jüdischen Traditionen und Gebräuche, die fast alle aus dem jüdischen Glauben kamen, eingehalten. (Die Thora, die fünf Bücher Moses.) Ebenso, wie die koschere Beköstigung. Dazu gehörte auch die Sch´chita (das Schächten). Die Ausführung blieb dem Schochet (Schlachter) vorbehalten. Das koschere Leben bezog sich aber nicht nur auf die Speisen, so wie allgemein bekannt ist, sondern auf die gesamte Lebensweise, auf die ich jetzt nicht näher eingehen kann und möchte. Tatsache ist, dass die jüdische Bevölkerung ihre Lebensweise in stärkerer Verbindung mit ihrem Glauben führte, als manch andere Konfession.
Die Bevölkerung umfasste in etwa 50 – 60 Familien, die hauptsächlich dem Handel mit verschiedenen Gütern nachgingen, und fast alle in den Gassen rund um den Heumarkt wohnten.

Jüdischer Friedhof

Jüdischer Friedhof von Mühlbach.

Den Gottesacker (Friedhof) hatten sie außerhalb der Stadt in Richtung Roter Berg, neben den Gleisen der Bahnstrecke Mühlbach – Alvincz (Vințu de Jos).
In den Jahren 1936 -1937 wurde die Synagoge geschlossen und die meisten jüdischen Gemeindemitglieder aus mir noch unklaren Gründen nach Karlsburg (Alba- Iulia) verbannt. Die Synagoge von Karlsburg und die übrig gebliebenen Gemeindemitglieder mit ihren Nachkommen existieren auch heute in Karlsburg.

Karlsburg 3

karesburg 4

Die Synagoge von Karlsburg

שלום – Schalom

Beitrag geschrieben von: Horst Theil

Bilder: Cornelia Guju und Christof Baiersdorf und Arhive Alba. Herzlichen Dank!

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6 Gedanken zu “Jüdisches Leben in Mühlbach

  1. Eine Initiative, die ganz große Achtung verdient!

    Als Nachkomme einer einst jüdischen Familie aus Mühlbach bin ich von dieser Initiative und dem Beitrag tief gerührt! Ich freue mich, dass ich – von dieser Initiative vollkommen unabhängig – vor einigen Wochen die Karlsburger Synagoge fotografiert habe. Als mich Horst über seine Initiative benachrichtigte, konnte ich ihm die Fotos zur Verfügung stellen. Vor eiiger Zeit habe ich im Karlsburger jüdischen Friedhof fotografiert, auch diese Bilder werde ich zur Verfügung stellen; es sind auch solche von meinen Verwandten dabei. Ich fühle mich verpflichtet, auch aus der jüdischen Vergangenheit meiner eigenen Familie etwas für diesen Blog zusammenzustellen, aus meinen eigenen Erinnerungen, und den zurückgebliebenen meiner Vorfahren. Als Ergänzung zu Horsts Beitrag noch so viel, dass unsere Familie, zusammen mit vielen anderen verwandten und nicht verwandten jüdischen Familien, die jeweils zeitweilig, zum Teil langjährig in Mühlbach gelebt und tätig waren, in Zusammenhang mit der Begründung der Säge- und Forstindustrie in Mühlbach und dem Mühlbacher Gebirge (Surian Gebirge) ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eingewandert waren. Unsere, und verschiedene beruflich mit unserer Familie verbundenen jüdischen Familien wohnten in der Umgebung des Sägewerkes, der ehemaligen Suseni Straße, heute Mircea cel Mare Straße.
    Herzliche Dank Horst, und herzlichen Dank Cornelia, die Du durch die Entdeckung der uralten Ansichtskarte mit der Mühlbacher Synagoge diese ganze „Aktion“ überhaupt begründet hast, und ganz herzlichen Dank an Ciprian, der keine Mühe gescheut hat, und scheut, noch vorhandene Reste von Erinnerungen in Mühlbach zu entdecken und zu sichern!

    Christof Baiersdorf.

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    • Mein Grosseltern, Teodor und Sabina Muresan, haben an die Suseni Strasse gelebt. Mein Grossvater war befreudend mit Judische Gschaftsleute (seine Nachbaren). Die haben Bucher und Zussigkeiten, getrocknete Fruchte in kleine und grosse Orten verkauft.
      Grossvather hat immer seine Kindern einen besonderen Rat gegeben; „Immer lebe an eine Strasse wo Juden leben, ihr werded immer gesegnet sein. Ein besonderen Rat meine Mutter und ich haben immer erinnert wenn wir in Rumanien gelebt haben und viel spatter in die Vereienigten Staaten. Viele Dank Herr Baiersdorf und Allen die mit geholfen haben. Cornelia Gagiu (geb. Oprita)

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