Otto Folberts Tagebücher Band 44 April 1946 – Mai 1948 (Folge 5)


Otto Folberts Tagebücher

 Band 44

 April 1946 – Mai 1948

Quelle: Siebenbürgen-Institut – Online

In`s Reine geschrieben von:

Gerhard Feder im Juni 2001

Im Auftrag von: Paul J. Folberth

Unsere Marschstrapazen steigerten  sich in der Folge durch die jetzt eintretende große Kälte und durch die grausigen  Schneestürme  fast bis  zur Unerträglichkeit. Kon  hatte  sie  niemals ausgehalten. Endlich am  30.  Dezember  1942  trafen  wir  in  Kamischin  ein,  wo  wir  nächsten  Tag  in  einen  Eisenbahnzug verladen wurden. Damit  begann  eine  neue  Art  von Qualen  für uns.  Da  unsere  Begleitmannschaft den  größten Teil  der uns zugedachten Verpflegung gleich zu Beginn der Bahnfahrt verkauft hatte und es sich mit dem Erlös in ihrem Waggon bei Schnaps und Weibern gut gehen ließ, hungerten und froren sich viele von uns zu  Tode  während der  19-tägigen  Reise.  Uns mangelte es  an Wasser,  an Holz,  überhaupt.  Die  grimmige Kälte  hielt  an.  Ich  hatte  meinen  Platz  auf  der  zweiten  Pritschenetage  in  unmittelbarer  N he  eines Fensterchens.  Der  Platz  hatte  den  Vorteil,  daß  ich,  meinen  brennenden  Durst  zu  löschen,  das  Eis lecken  konnte,  das  sich  infolge  der  Ausdünstungen  der  zusammen  gepferchten  Körper  im  Wagen-innern  an  die  eisernen  Gitterstangen  des  Fensterchens  niederschlug.  Ich  bin  alles  weniger  als  ein sentimentaler Mensch und habe bis dahin  kaum je in meinem  Leben geweint. Damals aber weinte ich jede  Nacht  auf  meiner  Pritsche  vor  Kälte,  vor  Hunger,  vor  Schmerz.  Auf  dieser  Reise  starben  von meinen  Offizierskameraden  36,  weitere  12  starben  unmittelbar  darauf  im  Lager,  also  insgesamt  48 innerhalb einer kurzen Zeit von 161. Ich selbst kam im Lager mit einem Körpergewicht von 49 kg an. Dass  es  mir  dann  bald  darauf  besser  ging,  verdanke  ich  einem  Missverständnis.  Eines  Tages  nämlich suchte  man  unter uns  einen gewissen Major Paulian,  um  ihn als Hilfsarbeiter in die Küche zu stecken. Da er kurz zuvor gestorben war,  konnte ich  mich  mit meinem  ähnlich klingenden  Namen, als solchen ausgeben  und kam  auf  diese  Weise auf  einen Posten, der  mir  eine  bessere  Verpflegung ermöglichte. Als Sohn  eines  Restaurant Besitzers  verstand ich über  dies  etwas  vom  Kochen,  so daß  ich  auf  Grund dieser Kenntnisse  allmählich  sogar zum  Küchenchef aufstieg.  Auch  der  Umstand,  daß ich fünf Sprachen  beherrsche,    mag  seinen  Teil dazu  beigetragen  haben. Kurzum,  es  ist  mir  dann  später  recht  gut gegangen,  umso mehr,  als  sich  ab  6.  Mai  1943  mit  einem  Schlage  die  Ernährungslage  im Lager besserte.  Es  gab  plötzlich  Weißbrot,  Butter,  Milch  usw.  und  wir haben  in  der  Folge  nicht  mehr  darben müssen.“

21. Januar 1947

Mela  war auch in Hermannstadt, um  mit  Herrn  Paulini  zu sprechen.  Das ist ihr  nicht gelungen,  da  er bereits  nach  Bukarest  verreist  war.  Dafür  hat  sie  auf  der  Heimfahrt  im  Autobus  zufällig  einen rumänischen Herrn kennen gelernt, der sich im Gespräch ebenfalls als Kriegskamerad Kons entpuppte und der ihr gegenüber behauptet hat, er sei Zeuge der letzten Stunden Kons in dem einsamen Steppen gewesen. Es sei richtig, daß Kon den russischen Posten tätlich angegangen habe, aber falsch, daß er  durch Kolbenschläge  niedergemacht worden  sei. Vielmehr   habe der  Russe  Kon durch  eine  Kugel

niedergestreckt.  Leider  hat  Mela  den  Namen  dieses  Herr  nicht  feststellen  können,  so  daß  wir  wahrscheinlich nicht mehr ins Gespräch mit ihm kommen werden.

Kons Tod ist uns also nun durch drei verschiedene Schilderungen überliefert: Die Schilderung Manzarars  –  erfroren,  die  Schilderung  Paulinis  –  erschlagen,  die  Schilderung  dieses  Dritten  –  erschossen. Die  Verschiedenheit  der  Darstellung  findet  meiner  Meinung  nach  vor  allem  im  damaligen  Geisteszustand  der Gefangenen,  deren  Bewusstsein  infolge der großen Erschöpfung ganz  sicher  getrübt  war. Es kommt  dazu  die Ungenauigkeit der Berichterstattung über so weite Zeiträume hinweg. Schließlich sind seit Kons Tod mehr als vier Jahre vergangen. Wie  dem aber  auch  immer  sei  und wie  immer  die letzten Augenblicke Kons zu Ende  gegangen sein mögen  – eines steht  seit Paulinis  Heimkehr unumstößlich fest:  daß wir ihn  nicht mehr sehen  werden. Mutter  hatte  in  ihrer großen  Liebe  zu Kon  ihre letzte  Hoffnung  – trotz  Manzarar  – noch  nicht  aufgegeben.  Sie  übertrug  Ihre  Hoffnung  in den  letzten  Monaten  mehr  und  mehr  auch  auf  mich.  Dem  hat Paulini ein Ende gesetzt und wir müssen uns – so bitter es uns fällt – darin schicken, daß er nicht einer der  Begabtesten,  nicht einer der  Tatkräftigsten, aber  wohl einer der  treuesten  und  anständigsten Menschen,  nicht  mehr  zu  uns  zurückkehren  wird,  einer  der  ein  edles  Herz  und  ein  tiefes  Gemüt  in  sich  trug, der beste Kamerad seiner Freunde – mein Bruder Kon.

1. Februar 1947

Nach  den Erfahrungen  des  letzten  Menschenalters mit den  zwei letzten  Weltkriegen  scheint der  Sinn der  Weltgeschichte  kein  anderer  zu  sein,  als  hoch entwickelte  Kulturvölker  durch  furchtbare  Kriegs und  Notzeiten  immer  wieder  auf  das  Niveau  roher,  ungebildeter,  primitiver  Völker  herunter  zu drücken. Die Natur scheint die Primitivität zu wollen und zu bejahen, nicht den Aufstieg der Menschheit.  Der  Weg  der  Geschichte  bestünde  diesem  nach  in  einem  ewigen  Auf  und  Ab,  hervorgerufen durch  die  Kraftanstrengung  der  Völker,  sich  über  die  Naturgegebene  und  gewollte  Primitivität  zu erheben  einerseits,  und  durch  das  schicksalhafte  Zurückgestoßenwerden  in  den  rohen  Urzustand andererseits.  Je  höher  ein  Volk  steigt,  um  so  tiefer  muss  es  fallen.  Völker,  die  dauernd  auf  einer niedrigen  Stufe  der  Kultur  dahinleben,  sind  daher  auch  am  wenigsten  solchen  Erschütterungen

ausgesetzt. Im  Zusammenhang hiermit  scheint  auch  zu  stehen,  daß die Natur  die  Herrschaft der  Dummen  durch aus begünstigt. Auch dadurch nämlich  versucht sie  ihr Ziel zu erreichen,  daß  die Bäume  der Menschheit nicht  in den  Himmel wachsen. Wenn  ich bedenke,  was  für  Hornochsen  haben doch  im national-sozialistischen  Regime führende Stellen innegehabt! Und  wie sehr herrscht heute über große Teile der Welt das unter Menschentum!

1 Februar 1947,

am 44.Geburtstage Trudels Gustav Frenssen in  seinen  Grübeleien: ,,Die  keuschesten  und  scheuesten  Mädchen  sind zugleich  die feurigsten, und  also  in jeder  Beziehung,  in  Arbeit  und  Liebe  (zu  Mann  und Kindern)  die  besten,  die wertvollsten  Menschen.  Ihre  Keuschheit  und Scheuheit ist nichts  weiter als  der Schutz, den die Natur und sie selbst sich unbewusst geben, damit ihr heißes Blut sich nicht so leicht hingibt, wie es gewillt ist und möchte,  und  so  zu Schaden kommt.  Die  Lauten und  Sicheren, die man  zuweilen  trifft, die  offenherzig und ohne Scheu  von Liebe und Feuer  reden  und es nicht  fürchten, besitzen  es auch  nicht, und sind als Menschen, Frauen und Mütter weniger wert.

Am 10. Februar 1947

werden  endlich  die  Friedensverträge  mit  den  ehemaligen  ,,Satellitenstaaten“  Deutschlands  –  Italien, Ungarn, Rumänien,  Bugarien und Finnland  – in Paris unterzeichnet. Sie  sind das Ergebnis  unzähliger Kompromisslösungen zwischen den anglo-amerikanischen Staaten (England und U.S.A.) auf der einen, und Sowjetrussland auf  der andern Seite.  Die  Welt war  Monate lang Zeuge eines schweren politischen Ringens  zwischen  Ost  und  West  und  mehr  als  einmal  drohten  die  Verhandlungen  zu  scheitern.  Die Regierungen  der  Satellitenstaaten  hatten  wohl  auch  einmal  Gelegenheit,  zu  den  Friedensentwürfen Stellung zu nehmen, im Grunde genommen stellen die Verträge aber Diktate dar. Der Vertrag mit Rumänien enthält harte Demütigungen für das Land. Ein rumänisches Heer gibt es so gut  wie  nicht  mehr.  Die  Wiedergutmachungssumme,  die  das  Land  an  Russland  zu  zahlen  hat  (in Waren),  beläuft  sich  auf  300  Millionen  Dollar.  Die  Tilgungsfrist  beträgt  8  Jahre.  Wirtschaftler erklären, dass eine völlige  Verarmung Rumäniens die sichere Folge sein werde. Rumänien erhält wohl Nordsiebenbürgen  zurück,  verliert  aber  dafür  Bessarabien  und  die  Bukowina.  90  Tage  nach  Ratifizierung des Vertrages soll das Gros der  russischen Besatzung abgezogen  sein. Es  bleiben zurück bloß die  Truppen, die notwendig  sind, um  die  Verbindungslinien mit den russischen Besatzungstruppen  in Österreich aufrecht zu erhalten. Aber  die  allen Minderheiten  zustehenden Rechte  enthält  der  Vertrag  einen  wunderbaren  Artikel.  Da wir Volksdeutsche darin nicht besonders erwähnt sind, müsste er auch für uns gelten. Wir fürchten aber sehr, dass zwischen  Theorie und Praxis eine sehr  große Kluft  bestehen  bleiben  wird und haben  wenig Vertrauen zu den schönen Worten.

12. Februar 1947

Eine  gewisse  Verbesserung  unserer  Lage  ist  seit  einiger  auf  dem  Gebiet  der  Kirche  und  Schule  zu verzeichnen. Der Zustand von 1940 ist hier wieder hergestellt worden d.h. unsere Kirche ist als Schule erhaltende  Behörde  und  unsere  Schule  als  konfessionelle  Schule  wieder  anerkannt  worden.  Unsere

Schulen haben ihr Öffenlichkeitsrecht wieder zurück erlangt. Die Schuljahre 1944/45 und 1945/46 mit ihren Prüfungen sind anerkannt worden. Auch  ist  ein  Ministerialerlass  erschienen,  nach  dem  Schulgebäude  in  der  Zukunft  nur  noch  Schul- zwecken dienen  dürfen.  In  vielen sächsischen  Schulgebäuden  sitzen  freilich  fremde  Schulen  drinnen und werden sie nicht so schnell räumen. Als  Erleichterung  unserer Lage  ist auch  anzuführen,  daß  die  Evakuierungen auf  unsern  Dörfern  d.h. der  Häusertausch  zwischen  Sachsen  und  Zigeunern  bzw.  Sachsen  und  Rumänen  eingestellt  worden sind.  Evakuierungen,  die  nach  dem  1.Januar  1947  durchgeführt  worden  sind  (z.B.  in  Scharosch  bei Elisabethstadt), sollen rückgängig gemacht werden. Nichtsdestotrotz  macht  das  Absinken  der  Staatswirtschaft  im  allgemeinen  und die  sächsische  Volkswirtschaft  im  besonderen  rapide  Fortschritte.  Die  Lawine  der  Inflation  rollt  unaufhaltsam  über  uns hinweg.  Die  Fixangestellten  nagen  bereits  am  Hungertuch.  Mein Professorengehalt  beispielsweise macht  jetzt nur  noch  einen  kleinen  Bruchteil  dessen  aus, was wir  zu  unserem  Lebensunterhalt  brauchen.

Am 7. Februar 1947

jährte  sich  der  Tag,  da  wir  nach  dem  unglücklichen  Ausgang  des  Krieges  die  erste  Nachricht  von unserem  Otti  in  Form  einer  Karte  erhielten.  Von  Paul  hatten  wir  auf  Umwegen  über  andere  bereits erfahren,  daß  er wahrscheinlich  noch  am  Leben  sei.  Von ihm  traf die  erste  schriftliche  Nachricht im April  ein.  Seither  stehen  wir  in  regem  Briefwechsel  mit den  Jungen.  Ich  allein  habe  ihnen  während dieser Zeit 52 an beide gemeinsam gerichtete nummerierte Briefe geschrieben, dazu noch einige jedem besonders. Auch Trudl schreibt ihnen fast jede Woche. Von den Zweien ist Paul der fleißigere d.h. der ausführlichere  Briefschreiber.  Er  unterrichtet  uns über alle Vorkommnisse seines Lebens. Sein letzter Brief  trägt  die  Nummer 49.  Aber auch  von  Otti  haben  wir  fast  so  viele,  wenn auch  kürzer  gehaltene Schreiben  erhalten.  Die  Laufzeit der  Briefe  beträgt  2-4 Wochen.  Es gingen so  gut wie  keine bis jetzt verloren.

Am 15. Februar 1947

d.h.  nach  Abschluss  des  ersten  Semesters  dieses  Schuljahres  46/47  lassen  wir  Hans  aus  Blaj  wieder nach  Hause  kommen,  obwohl  es  ihm  dort  in  jeder  Beziehung  –  mit  Ausnahme  des  gelegentlichen Heimwehes – sehr gut  gegangen ist. Aber es  können  im  Laufe  dieses Frühjahres Umstände eintreten, die seine Anwesenheit hier angezeigt erscheinen lassen.

20. Februar 1947

Der  Winter will  nicht  weichen. Immer noch bedeckt Schnee  die  Erde,  wenn auch  alter,  schmutziger, nasser Schnee.  In Mitteleuropa  ist  es  merkwürdigerweise  viel  kälter als  hier. Deutschland,  das hungernde, frierende Deutschland wird jetzt schon von einer 4. Kältewelle heimgesucht. Die Temperaturen fallen in der Nacht bis auf 15 und 18 Grad minus und steigen bei Tage bloß auf –3  oder –5. Die Kälte fordert  unzählige Opfer. Selbst England ist von Schnee und Eis bedeckt. Infolge großer Kohlenknappheit  sind  auch dort viele Industriebetriebe stillgelegt worden.  Stromabschaltungen  sind  an  der  Tagesordnung. Die Straßen bleiben in der Nacht verdunkelt wie im Krieg.

10. März 1947

Beginn der Konferenz der vier Außenminister von Nordamerika,  England, Frankreich und Russland in Moskau,  auf  der  ein  Staatsvertrag  für  sterreich  und  Vorarbeiten  für  einen  Friedensvertrag  mit Deutschland  zur  Verhandlung  gelangen.  Marshall,  Bevin,  Bidault  und  Molotow  sitzen  am  Verhandlungstisch und die ganze Welt horcht gespannt auf  ihre Gespräche, denn es geht offenbar mehr als um die Zukunft Deutschlands  und  Österreichs, es geht um die Frage  ob wir einen Dritten Weltkrieg erleben sollen oder nicht.

11. März 1947.

Binder Willy wird verhaftet und nach Bukarest geschafft.

12. März 1947

Präsident  Truman h lt  vor  dem  amerikanischen  Kongress  eine  Rede,  in  der  er  Griechenland  und  der Türkei wirksame Hilfe zusagt.

Ende März 1947

Die nach dem  langen, kalten, sowie Niederschlag  reichen  Winter  eingetretene Schneeschmelze hat  in Nordwest-  und  Nordosteuropa  große  Überschwemmungen  hervorgerufen,  besonders  in  England  und in  Norddeutschland.  Hier  mussten  zahlreiche  Landstriche  von  der  Bevölkerung  geräumt  werden,  so z.B. im Oderbruch. In Deutschland reiht sich eine Katastrophe an die andere: Der militärische Zusammenbruch, die Besatzung,  die Zerstückelung  des  Landes  in  vier  Zonen,  der  Hunger,  der  ganz  ungewohnt  strenge  Winter, jetzt  die  Überschwemmungen.  Kein  Wunder,  daß  nun,  zumal  im  dicht  bevölkerten  Ruhr-Rhein Gebiet Hungerrevolten und große Arbeiterdemonstrationen an der Tagesordnung sind.

30. März 1947

Auf  unseren  Dörfern  sind  die  44-er,  soweit  sie  im  Laufe  der  letzten  Zeit  einzeln  heimgekehrt  sind, zusammengetrieben und ins berüchtigte Lager nach Großwardein geschafft worden.

25. April 1947

Die  Konferenz  der  vier  Außenminister  von  Amerika,  England,  Frankreich  und  Russland,  die  am  10. März in Moskau begann und den Friedensschluss mit Deutschland und  sterreich vorbereiten sollte, ist ergebnislos zu Ende gegangen und auf eine  Zusammenkunft der vier Mächte verschoben worden, die im  November  dieses Jahres  in  London tagen soll. Weiteres namenloses  Elend  vieler,  vieler Millionen von Menschen wird die Folge sein. Oder gar ein neuer Krieg?

27. April 1947

Letzte  Nacht hatte ich  einen  merkwürdigen  Traum.  Aus  weiter  ebener  Landschaft  nahte  sich mir ein wild  galoppierendes Pferd. Als ich  näher  hinsehe,  bemerke ich, daß  sowohl  Mähne  wie Schweif des edlen  Tieres in  Flammen  stehen  und daß  es  offenbar  aus  Angst  vor  diesen  Flammen,  die  sich  näher und  näher  an  Kopf  und  Körper  heran  fressen,  in  rasende  Flucht  gestürzt  hat.  Bei  dem  herrschenden Tageslicht  sind die Flammenfahnen eigentlich  kaum zu sehen, aber  das  Tier kommt  mir so  nahe,  daß ich  sie  deutlich  prasseln  höre  und  das  entsetzte  Auge  des  gehetzten  Pferdes  beobachten  kann.  Ich selbst  stehe  auf  einer  Art  Steinterrasse,  die,  wie  sich  später  herausstellte,  zu  einem  Gebäude  gehört ähnlich unserer St.L.Roth–Schule. Um diese Terrasse und dieses Gebäude jagt das brennende Pferd in kurzen und weiteren Abständen mehrmals im Kreise herum. Schließlich erwache ich.

5. Mai 1947

Die  St.L.Roth–Schule  wird  gesetzwidrig  durch  gewaltsames  Eindringen  von  einer  Gewerbelehrlings Schule  besetzt, die nun  hinfort in  den Abendstunden  in unserem Gebäude Unterricht halten wird. Der Besetzung sind wochenlange Verhandlungen  vorausgegangen, deren Ergebnis noch nicht feststand, in denen die Bukarester Behörden aber klar Stellung für uns, die lokalen Behörden gegen uns bezogen.

11. Mai 1947

Helmi trifft von seiner Erkundungsreise nach Westeuropa und Südamerika (Brasilien)ein und berichtet der Familie. Dr. Otmar  Richter  und  Frau  Gisela  sind  für  drei  Tage  unsere  G ste.  Otmar  h lt  im  Kreise  unserer Lagerkameraden und deren Frauen einen Vortrag über „Holland im 17. Jahrhundert“. Gestern machten wir mit ihnen  und Freunden einen Ausflug  nach Baaßen. Wir  hatten herrliches Wetter und tranken im Kelterschopfen der Familie Karres einen herrlichen Tropfen.

20. Mai 1947

Von  unseren  Russland verschleppten  treffen  erschütternde  Nachrichten  ein.  Es  sind  wieder  mehrere Rücktransporte statt nach Rumänien nach Deutschland geleitet worden.  Es  stellt  sich  heraus, daß  die Bedauernswerten  in  einem körperlich  so  heruntergekommenen  Zustand  auf  die  Reise  geschickt  werden,  daß  bereits  während derselben  ein  beträchtlicher  Hundertsatz  zugrunde  geht. Aus Mediasch  beispielsweise Schneider Karl, ein jüngerer Bruder unseres Kränzchen  Freundes Schneider Hans. Andere erreichen  Deutschland so  geschwächt, daß sie nicht  einmal mehr die Kraft  aufbringen,  an  ihre Angehörigen Briefe zu schreiben. Heute nun treffen in Mediasch mehrere  Karten aus dem Umsiedlungslager Neuwiese bei Heuerswerda in der  russischen  Zone  von solchen Heimkehrern  ein, denen  man nach mehr als zweijähriger  Arbeitszeit, in Rumänien die Heimkehr verwehrt, indem man sie  nach  Deutschland geschickt  hat. Sie enthalten u.a.  die traurige Kunde, daß eine ganze  Anzahl  bereits in den Lagern gestorben sind. Von unseren Bekannten: Henter Butz, Herr Alesi von „Westen“, Herr Meszaros Fa. Oberth, Frl. Dietrich u.a. Die  Nachricht vom  Tode  des Henter  Butz  erhält seine Frau gleichzeitig mit einem Brief von  ihm,  den er vor einem halben Jahr schrieb. Ich weiß nicht, ob es nicht überhaupt der einzige war, der sie erreicht hat. Denn so schlecht ist die Postverbindung zwischen den Deportierten und ihren Angehörigen. Frau Ady Henter hat natürlich auch, wie alle Familien, rumänische Einquartierung. Ein junger rumänischer  Arzt  wohnt  Tür  an  Tür  mit  ihr  unter  einem  Dach.  Er  soll  ein  rücksichtsloser  Patron  sein,  der laute Gastereien  im  Zimmer  nebenan  veranstaltet,  das Radio  nächtelang  spielen  lässt, und a uch  in  der Nacht, nachdem die Todesnachricht von Butz eingetroffen war, bis 4 Uhr in der Früh in ungeniertester Weise Damenbesuch empfangen hatte. Sehr bezeichnende Zustände für die heutige Zeit.

8. Juni 1947

Alles in der Natur scheint gegen den Krieg zu sprechen: die Verschiedenheiten der Rassen, der Individuen, der Begabungen, der Temperamente und – die verschiedene Verteilung des Glücks auf die Menschen.  Und  alle  diese  von  der  Natur  gewollten  Verschiedenheiten  versucht  man  sich  durch  gleichmäßige Besitzverteilung  auszulöschen!

9. Juni 1947

Im Mon.  Of. Nr. 121 vom 30.  Mai  1947 ist ein Gesetz erschienen,  durch das allen Personen,  die  seit dem Jahr 1940 im Ausland weilen bzw. in einer militärischen oder paramilitärischen Formation gegen die  Alliierten  gekämpft  haben,  das  rumänische  Staatsbürgerrecht  aberkannt  wird.  Genau  gesagt,  das Gesetz  nimmt  an,  daß sie auf  Grund ihrer  Haltung  auf das Staatsbürgerrecht  selbst Verzicht  geleistet haben.

21. Juni 1947

Schlussfeier  des  Schuljahres  1946/47  an  der  Stephan-Ludwig-Roth-Schule.  Sollte  es  mein  letztes Schuljahr gewesen  sein? Wenn ja, bin ich 24 Jahre im  Schuldienst gestanden.  In diesem letzten Jahre  war  ich  Klassenlehrer  der  Oktava,  zu  deren  Schülern  auch  mein  dritter Sohn  Klaus  gehörte.  Es  war

eine  besonders  gute  Klasse.  Von  16  Schülern  fiel  keiner  durch,  8  bestanden  die  Klasse  mit  einer Jahresdurchschnittsnote  von über 8, also mit Vorzug. Als bester ging Klaus mit der  Durchschnittsnote 8,71  durchs  Ziel.  Unerklärlicher  Weise  verschweigt  Rektor  Draser  in  seinem  Jahresbericht  dieses seltene Vorkommnis und verabschiedet die scheidenden Schüler auch gar nicht.

27. Juni 1947. Kollegenabend bei mir.

29. Juni 1947. Peter und Paulstag im Kothen.

Auf den 30. Juni 1947

ist der  Beginn  des  diesjährigen  Bakkalaureates angesetzt. Werden  unsere  Schüler vor einer deutschen Bakk.  Kommission  die  Prüfung  ablegen  können  oder  nicht?  war  die  Frage,  die  uns  seit  Beginn  des Schuljahres  beschäftigte.  Unterrichtsminister Voitec  hatte  im  Frühjahr  das  „deutsche  Bakk“  Schulrat Rösler  versprochen.  Aber  Zweifel  daran  tauchten  immer  wieder  auf.  Trotzdem  erfolgte  die  Vorbereitung  der  Kandidaten  auf  das  „deutsche“  Bakk  hin.  Als  die  Frage  bis  zum  letzten  Tag  ungeklärt bleibt, entschließe ich  mich, zugleich mit Kollegen Duldner, unsere Söhne  vor einer  staatlichen  Kommission  prüfen  zu  lassen,  um  der  Gefahr  aus  dem  Wege  zu  gehen,  daß  sie  überhaupt  ohne  Prüfung bleiben.  Wir  fahren  nach  Dumbraveni,  allerhand  Risiko  auf  uns  nehmend.  Das  Wagnis  gelingt glänzend.  Klaus  besteht  mit  8,10,  Duldner  Julius  (der  2  Jahre  in  Russland  war)  mit  7,50.  Nachher erfahren wir, daß es zur deutschen Kommission gar nicht kommt, sondern daß alle sächsischen Jungen von einer Staatskommission (in Hermannstadt)  geprüft werden.

Anfang Juli 1947

Der amerikanische  Außenminister  Marshall tritt  mit  einem Plan vor  die  Öffentlichkeit,  den Auf-  und Ausbau der zerstörten Weltwirtschaft mit amerikanischer Finanzhilfe in Angriff zunehmen. Alle Staaten der Welt werden  eingeladen, daran teilzunehmen. England (Außenminister Bevin) und Frankreich (Außenminister Bidault) sagen sofort zu und laden Russland (Molotov) zu einer ersten Vorbesprechung nach Paris ein. Durch Russlands kategorisches Nein, das Molotov in Paris spricht, durchzuckt die Welt eine  neue  Bangigkeit.  Aber  die  Westmächte  lassen  sich  nicht  einschüchtern  und  entschließen  sich dazu, den Marshallplan durchzuführen auch ohne Russland und die von ihm abh ngige Mächtegruppe: Polen, Finnland, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Tschechoslowakei. Die große Gefahr, daß die Welt nun noch klarer in zwei Teile zerfallen wird.

5. Juli 1947

schließe  ich in Anwesenheit von Mela mit  der kommunistischen  Parteileitung (Pologea u. Herskovits) eine mündliche Konvention, nach der a) Pol. Kommissar Poras von mir zu Mela übersiedelt, b) zu  uns übersiedelt meine Mutter, c) das ganze Haus Marktplatz 17 wird der K Partei eingeräumt, d) wenn wir weg ziehen, übersiedelt auch Mela zu uns,  Rothgasse  17,  wo  der  Rest  der Familie dann ungeschoren bleiben  soll,  e)  das  Haus  Grafengasse  10  wird  ebenfalls  der  Partei    eingeräumt  und  dieser  das  Verkaufsrecht auf dieses Haus zugesichert.

12. Juli 1947

Herr Negrea zieht aus unserm Gastzimmer aus, ohne uns die Schlüssel zu übergeben. Das Rätsel des Homunkulus klärt sich auf.

15. Juli 1947

Polizeikommissar zieht endlich aus unserer Wohnung aus, nachdem er uns 10 Tage an der Nase herum geführt  und  Mutter mit  ihren  Möbeln  und  Sieben Sachen  in  unserm  Hof und in der Diele  hat  warten lassen. Es  waren  bittere  Tage  voller Spannungen,  Drohungen  und dunkler Gefahrenmomente.  Mutter richtet  sich  das  vordere  Zimmer recht gemütlich  ein, wodurch  eine meiner größten Sorgen schwindet. Auch in materieller Hinsicht sorgen wir für sie, so daß sie Mela nicht zu sehr zur Last fallen wird. Nur an Gold lassen wir ihr 15 Münzen zur freien Verfügung zurück.

26. Juli 1947

Ich fahre nach Hermannstadt: 1. weil wir unsere Beteiligung an der Schuster A.G. liquidieren  wollen, 2. um  einige Tage  vor  unserer  Abreise von Mediasch  zu verschwinden. Wir  befürchten nämlich alle, ich könnte kurz vor unserer Abreise plötzlich wieder verhaftet werden,  wodurch unser ganzer Plan ins Wasser fallen würde.

29. Juli 1947

Erwin  Wittstock besucht mich, um zu erfahren, wie man das macht, einen Reisepass zu erlangen. Alle Welt  beneidet  uns  jetzt um  unsere Pässe.  Unsere  Abreise  beschäftigt die siebenbürgische  Öffentlichkeit in einem ungewöhnlichen Ausmaße.

1. August 1947

verkaufe  ich  unsern  Anteil  an  der  Schuster  A.G.  –  nach  langen  schwierigen  und  zum  Teil  sehr  aufregenden  Verhandlungen  mit  der  Albina  –  schließlich  Herrn  Deputan  für  300  Goldmünzen.  Davon erhalte ich gleich 200 und zwar in Form von rumänischen Goldmünzen und 610 Dollar. Mutter besucht mich und nimmt von mir Abschied.

Am 2. August 1947

fahre  ich  über Mühlbach  – Besuch  bei  Ridelis –  nach Alvincz.  Viktor  liegt krank  im Bett, Ilse  kann sich  kaum  auf  den  Füßen  halten  –  ein  bezeichnendes  Bild  des  sterbenden  Sachsentums.  Der  Stadtpfarrer von Mühlbach weiß nicht, von was er im kommenden Winter leben wird. Der  Taxifahrer,  der mich  nach Alvincz  bringt,  ist  besoffen.  Ebenso  seine zwei  Kumpanen, die vorne mitfahren. Kaum  sind wir 2  km unterwegs,  fängt der  Motor an zu dampfen, das  Kühlwasser ist ausgeronnen.  Leute  in  der  N he  werden  geweckt,  damit  aus  ihrem  Hof  Wasser  geholt  werden  kann. Endlich sind wir auf der  Station:  der Zug hat 60 Minuten Verspätung. Es  ist  Mitternacht. Vollmond. Die  Zeit  vergeht  rasch,  denn  gerade  finden  sich  Harom  Szal  Ceigng  in  der  Bahnhofswirtschaft  ein (ein  Primgeiger,  ein  Zimbelspieler  und  ein  Akkordeonspieler)  und  musizieren  in  der unbeschwingtesten Weise. Ich nehme es als ein gutes Zeichen. Und wirklich trifft Trudl ungefähr um  2 mit Klaus, Hans und Dorothee und unendlich vielem Gepäck ein und ich steige zu ihr in den Schlafwagen. Heimat, lebe Wohl!

3. August 1947

Die unerhört strenge Kotrolle in Curtici. Unser Gepäck wird nicht weniger als 2 Stunden durchstöbert. Klausens  Fotoapparat  und  meine  schöne  Schreibmaschine  wird  uns  abgenommen.  Abends  in  Wien. Gespräch mit Kary.

4. August 1947

Der eiserne Vorhang an der Eusdorfer Brücke.  Der russische Posten ist stur wie nur ein Asiate es sein kann.  Wir  müssen  raus  und  befinden  uns  bei  Sonnenaufgang  mit  Sack  und  Pack  und  der  kleinen Dorothee  auf einer grünen Wiese neben dem  Schienenstrang. Doch schon 3 Stunden später gelingt  es uns mit List und Tücke und sehr viel Glück dennoch durchzuschlüpfen: an der nahe gelegenen Straßenbrücke von Eusdorf. Als der russische Posten den Schlagbaum hochzieht und wir auf einem LKW die Brücke passieren, schlagen wir uns alle vier das Kreuz. Nun  geht’s  rasch  weiter. In  Linz  erwischen wir  den Mittagszug nach  Salzburg, abends  8  Uhr treffen wir in Böckstein ein, allerdings mehr tot als  lebendig. Nur  die kleine  Dorthee wäre gerne noch weiter gefahren.

11.– 19. August 1947

Meine  erste Erkundungsfahrt nach Vöcklabruck (Egon),  Altmünster (Frostrat  Fröhlich), Traunkirchen (Graffius Herberth). Meine Aufgabe ist Winterquartiere zu suchen und die Schulverhältnisse zu erkunden,  außerdem  die  Verbindung  mit  den  Landsleuten  herzustellen.  Von  den  letzteren  lerne  ich  auf dieser Reise 3 Gruppen kennen: a) die Gruppe bei Vöcklabruck geführt von Dr. Keinzel, die Gruppe in Altmünzter, geschart um  Forstrat Fröhlich, b)c) die Gruppe in Traunkirchen und Ebensee (Prof. Kelp und Ing. Herberth Graffius).

22.– 27. August 1947

Meine  zweite  Fahrt nach Altmünster. Aber  zuerst geht es nach Linz, um  die Schulangelegenheit  beim Landesschulamt  zu  sondieren.  Besuch  bei  Ing.Fritz  Kelp  und  Frau.  Schiffshotel  „Franz  Schubert“. Holzhäuserfirma Schaffer. Finster u. Co., Schubertstraße 25. In  Altmünster,  Sonntag  den  24.  August,  großes  Musik-  und  Trachtenfest.  20  Musikkapellen.  Die Ansprache  des  Festredners  im  Schloßgarten.  Der  Nußbaumer Hof.  Zwei Tage  darauf  löst  mich  Hermann ab und ich fahre nach Golling, unsern zwei großen Jungen entgegen.

28. August 1947

Der  glücklichste  Tag,  die  schönste  Nacht  .  .  .  wir  liegen  zu  sechst  im  Heu  der  Almhütte  unter  dem Purtscheller  Haus  und  das  große  Erzählen  beginnt.  Otti  hat  sich  sehr  verändert.  Er  hat  ein  scharf geschnittenes  Gesicht,  ja  beinahe  schon  männliche  Züge  bekommen.  Die  Sprache,  ob  deutsch  oder sächsisch,  sprudelt  aus  ihm  hervor.  Er  hat  sich  geistig  stark  entwickelt  und  ist  ganz  von  seinem Studium erfüllt.

– FORTSETZUNG FOLGT –

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