Otto Folberts Tagebücher Band 44 April 1946 – Mai 1948 (letzte Folge)


Otto Folberts Tagebücher

 Band 44

 April 1946 – Mai 1948

Quelle: Siebenbürgen-Institut – Online

In`s Reine geschrieben von:

Gerhard Feder im Juni 2001

Im Auftrag von: Paul J. Folberth

Ostern 1948

besuchen uns  Otti und Paul – zum  zweiten Mal – obwohl sie beide in Prüfungsnöten  stecken. Wieder ergiebige, fruchtbare Gespräche – zumal auf den häufigen abendlichen Spaziergängen. Von  den Ausflügen der schönste:  der an den Hallstädter  See  am  2. Ostertag. Eisenbahnfahrt bis Steyr, von dort Marsch auf dem so genannten Soleweg mit stetem Blick auf den See nach Hallstatt. Mittagrast am Gosauzweany. Egon ist mit und holt von unten am Seerand Herrn Adleff (ehemaliger Schüler von mir)  und  Frau herauf,  der dort jetzt  Gemüse in großem Stil anbaut.  In Hallstatt das vorgeschichtliche Museum („Hallstätter Kultur“).

6.– 18. April 1948

Reise mit Otti und Klaus, später Paul Karlsruhe,  Frankfurt,  Darmstadt,  Karlsruhe,  Pforzheim,  Stuttgart,  Aalen,  Stuttgart,  Augsburg,  München, Starnberg, Staldach, Passau. (Siehe besonderes Reisetagebuch) Herrlich, einmal zu reisen, indem man von den Kindern geführt wird. Ein Traum wird Wirklichkeit. Ich begleite  meine  Söhne auf einer  ihrer  Fahrten zur  Hochschule.  Nach der  Pass – und Zollabfertigung in  Salzburg sitzen im bequemen Oriet-Express in der weich gepolsterten 2.  Klasse  die  zwei  schönen  Jungen  Otti  und  Klaus  mir  gegenüber.  Wir  haben  alle  drei  strahlende Gesichter. Wir freuen uns wie Schneekönige, daß alles so gut gegangen ist. Nach einer  wahren Sausefahrt durch  Süddeutschland erreicht Otti  um 10  Uhr nachts  als  erster  seinen Bestimmungsort  Stuttgart.  Ein bisschen  später treffen wir zwei  andern in Karlsruhe  ein.  Paul  erwartet uns am Bahnsteig und geleitet uns zu seiner bescheidenen Bude, wo wir absteigen und nächtigen. Gang durch die Ruinenstadt Karlsruhe. Wir sind erschüttert  mit Klaus. Der  ungeheuere Schuttberg im Stadtzentrum. Der „Schuttexpreß“. Jedes  zweite Haus ungefähr  ist  zerbombt    oder  ausgebrannt.   Das Schloß  zerstört,  ebenso  das  Festspielhaus,  die  Kunsthalle,  das  Theater,  die  Kirchen  und  unzählige

öffentliche Gebäude. Leider auch ein großer Teil der Technischen Hochschule. Einige notdürftig hergerichtete  Hörsäle.  Aber  die  meisten  Institute  ohne  Einrichtung.  Ich  kann  gar nicht  verstehen  wie  der Unterricht in ihnen stattfindet. Dr.Hann im chemischen  Laboratorium,  der zusammen  mit  Lederer Pursch und Paul ein  Landsmännisches Kleeblatt bildet. Leider steckt Paul gerade mitten in  Prüfungen.  Deshalb gehen wir abends bloß mit  Lederer  Pursch in die  „Gräfin  Maritza“  von  Kalman  und wohnen  einer  ausgezeichneten Aufführung  bei.  In  der  Pause  frische  ich  die  gemeinsamen  Kriegserinnerungen  mit  Lederer  Pursch  auf: Nogilew, Jassy, Krim, Kertsch, Sewastopol. In  aller  Herrgottsfrüh  Fahrt  mit  Klaus  nach  Frankfurt.  Die  Stadt  ist  zerstört  wie  Karlsruhe:  zu  65%.

Der Dom,  der Römer,  die  Oper, die Börse, Goethes  Geburtshaus und das  Goethemuseum  am  großen Hirschgaben  –  alles  liegt  in  Trümmern.  Die  Altstadt  scheint  besonders  schwer  getroffen  worden  zu sein. Der  Hirschgraben beispielsweise eine schmale  Hohlgasse, die durch Schuttberge führt. Der Aufbau  hat  nur  sehr  spärlich  eingesetzt  am  Goethehaus  und  an  der  Paulskirche.  Diese  ist  mit  hohen Stahlrohrgerüsten umkleidet. Allenthalben dröhnt Arbeitslärm rings um sie herum. Überhaupt ist Frankfurt trotz seinen Verwüstungn  eine verkehrsreiche Stadt geblieben: Hauptstadt der Bizone.  Sehr  viele, sehr elegante  amerikanische Autos,  zumal in der  Nähe  der Taunusanlagen,  wo in einem  ehemaligen  NS-Gauhaus  (oder  so  was)  der  Sitz  der  Bizonenregierung  zu  sein  scheint.  Zahlreiche Negerchauffeure in den amerikanischen Wagen. Klaus  staunt über  die Masse der  großen  Bankhäuser und Bankpalais,  die  es hier  einmal gegeben  hat. Jetzt  stehen  nunmehr  die  Reste  ihrer  prunkvollen  Fassaden.  Die  Bauten  selbst  sind  fast  alle  ausgebrannt. Das Herz krampft sich zusammen bei dem grausigen Anblick. Was Jahrhunderte an  Reichtum gehortet  und  zusammengetragen  haben, ist  in  wenigen  Tagen,  oft  Stunden  völlig  vernichtet  worden.

Man kann sich gar nicht vorstellen, daß diese Trümmer einmal alle verschwinden könnten. Sie wegzuschaffen  beansprucht  ja  beinahe  soviel  Arbeitskraft  als  notwendig  war,  aus  ihrem  Baumaterial  die Stadt zu errichten. Stundenlang  warten  wir vergebens  auf  Herrn  Johannes  Schulze,  an  den  wir  von  Herrn  Wiedermann empfohlen  worden  sind.  Unsere  gestrige  telefonische Ansage  hat nicht geklappt.  Er  ist gerade  heute als  Trauzeuge  beschäftigt.  Endlich  gegen  Mittag  ist  er  da.  Wir  essen  mit  ihm  zusammen  in  seinem Büro.  Hatte  schon  in  Leipzig  eine  der  größten  Pelzfirmen.  Noch  vor Übergabe  von  Sachsen  an  die Russen,  floh er nach  Hessen. Beurteilt die  heutige Lage für die neue Pelzindustrie sehr günstig:  große Handelsstadt,  Nähe  der chemischen  Industrien  Deutschlands  usw. Er ist Pelzändler  und  mitbeteiligt an Dietesheim,  wo  Dr.Mertens  eine  Rauchwarenzurichterei und F rber ei errichtet hat.  Dr.Mertens  ist der Mann, den wir suchen und brauchen. Das was K afka in  sterreich, ist Dr.Mertens in Deutschland: der führende Fachmann auf dem Gebiete der  Pelzveredlung.  Um  3  Uhr  nachmittags  sitzen  wir  Gott sei dank  auch  ihm  gegenüber  und   erfahren alles von ihm,  was wir  wissen möchten:  Dr.Mertens  stammt aus  St.Petersburg,  das gleiche  Schicksal wie wir, nur 27 Jahre vor uns (1920!).

1.

Die Pelzveredlung ist eine aussichtsreiche Sache, eigentlich überall in der Welt.

Besonders günstig Südamerika, da reiche Rohstoffe vorhanden und Pelz dort viel getragen wird.

2.

Zur  Errichtung  einer  eigenen  Veredlungsanlage  benötigt  man  verhältnismäßig  wenig  Kapital,

3.

schon 200.000 Friedensmark genügen, um einen stattlichen Betrieb einzurichten.

4.

Die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten:

a)

Pelzhandel und Veredlung (Schulze und Mertens)

b)

Pelzhandel, Veredlung, Konfektion (Faggersteiner)

Pelsveredlung und Erzeugung feines Leders für Handschuhe, Protesen (Ferentzi und Keßler)

c)

Besonders letztere Kombination h lt Dr.Mertens für sehr gut, da der Einkauf sich bedeutend günstiger

gestaltet.

5.

Die deutsche  Rauchwarenindustrie stand an erster Stelle und wird sich wahrscheinlich behaupten.

Frankreich dürfte etwas nachhinken, dafür ist Amerika (USA) ausgezeichnet geworden. Südameri-

ka kennt er nicht. „Pannonia“ erstklassig in der Lammfellveredlung.

6.

Klaus soll:

a)

zun chst bei Ferentzi und Keßler praktizieren.

b)

entweder nach Freiberg oder Darmstadt gehen.

c)

bei Dr.Markgraf IGFarben, Ludwigshafen, arbeiten.

d)

im  Hinblick  auf  Brasilien  als  Gerbereichemiker  nach  Frankreich  gehen,  da  in  Südamerika vermutlich stark nach französischen Methoden  gearbeitet wird.

Noch am Spätnachmittag fahren wir nach Darmstadt, um den dortigen Boden zu sondieren. Mein Gott, auch  diese  Großstadt  ein  einziger  Trümmerhaufen.  Aber  zum  Unterschied  von  Frankfurt  fast  ohne Leben. Grauenhaft  die  Leere, die Totenstille der  Ruinenviertel  im  Abendregen. Die  Verhältnisse  auf der  Technischen  Hochschule  sehr  schwierige.  Auch  die  Technische  Hochschule  größtenteils  Schutt und Trümmer. Professoren und Studenten hungern und quälen sich zu Tode. Es dürfte nichts für Klaus sein.  Spät  in  der Nacht  treffen  wir übermüdet  bei  Paul  in Karlsruhe  ein.  Aber mit  dem  Bewußtsein, Wesentlichstes für Klaus geklärt zu haben. Zu Mittag Abfahrt von Karlsruhe  nach Pforzheim zu  Haßmanns. Pforzheim – die am  fürchterlichsten zerstörte  Stadt  dieser Reise. Sie  war fast  unversehrt  geblieben  bis zum 23.  Februar 1945. Da  –  in  der Abenddämmerung  dieses Tages – erfüllte  sich ihr  Schicksal. Der Luftangriff dauerte  bloß eine halbe Stunde.  Hüllte  die  Stadt  in  ein  Flammenmeer.  Es  hatte  Phosphor  vom  Himmel  geregnet.  42.000 Menschen fanden  den  Flammentod.  15.000  liegen  noch  heute  unter den  Trümmern.  Ganze Familien völlig  ausgerottet.  Heimkehrer,  die  weder  Haus  noch  Verwandte  antreffen.  Als  erste  sollen  die Franzosen die Stadt besetzt haben.  Häuserblocks, in denen sie  ehemalige Bijouterie – oder Uhrfabriken vermuteten,  umstellten  sie  und  gruben  in  den  Trümmern,  bis  sie  auf  die  Stahlkammern  stießen.

Erbrachen sie und stahlen das Geschmeide. Herzliches  Wiedersehen  mit  Herrn  Haßmann.  Seine  liebe  Frau,  seine  freundliche  Schwägerin.  Die gute Jause  mit  Kaffee  und  Kuchen.  Rasch  ist die  Stunde  vorbei  und wir  eilen  wieder  zum  Bahnhof. Paul bleibt hier zurück. Klaus und ich fahren weiter nach Stuttgart. Der  erste  Eindruck:  dies  ist  eine  deutsche  Großstadt,  die  trotz  ihrer  Zerstörungen  noch  aufgebaut werden kann. Und  er  bestätigt  sich auch  im  weiteren  Verlauf  mehr  und mehr. Otti  treffen  wir in  der steilen Römerstraße, wenige Schritte vor seiner Wohnung. Eine ganze Weile schon geht er vor uns her und  wir  rätseln  mit  Klaus,  ob  der  schöne  stramme  Junge  nun  Otti  sei  oder  nicht.  Seine  freundliche Bude hoch über der Stadt. Gespräche und Essen und kurzer Besuch bei seinen Hausleuten. Dann sinke ich wieder  müde  ins  Bett, wo ich zusammen  mit Otti  warm  und  tief schlafe.  Klaus  kommt  bei  Erich Krestel unter. Wie schön es  ist, sich  von seinen Söhnen führen  zu lassen! Hier ist es  nun  Otti, der  mit  seinen guten Lokalkenntnissen uns  dient und  uns  eifrig  alles  bemerkenswerte zu  zeigen bemüht ist. Wir  sehen das zerstörte  Zentrum  der  Stadt:  die  Reste  des  Rathauses,  der  Stiftskirche,  des  alten  und  des  neuen Schlosses,  des  ehemaligen  D.A.I.  der  „Deutschen  im  Ausland“,  der  Landesbibliothek,  des  „kleinen Hauses“  usw.  Dann  wandern  wir  weiter,  vorbei  am  Bahnhof,  zum  Viertel  der  Technischen  Hochschule,  das auch  stark  gelitten hat,  zu Ottis Institut.  Anschließend  Straßenbahnfahrt durch  die  Innenstadt  (Königsstraße),  Degerloch,  Möhringen,  zurück zur  Zahnradbahn,  hinauf  zur  Wielandshöhe,  wo wir zusammen mit Erich Krestel zu Mittag essen. Stuttgart  kommt größer vor denn je. Und  wirkt wieder aufs beste sowohl auf mich wie auf Klaus. Ich bin glücklich, daß Otti hier ist.

Gegen  Abend Fahrt nach Aalen, wo uns Ferentzi  Paul am Bahnhof erwartet und uns  zu einem kleinen festlichen Abendessen (mit Eis als  Nachspeise) in seine Behausung führt. Schon diesen Abend treffen wir auch  Hans  an  und lernen die  Frauen  beider  (Reichdeutsche)  kennen. Sehr,  sehr  nette  Aufnahme. Das rechte Präludium zu Klausens Eintritt. Wir  schlafen  (Otti,  Klaus  und  ich)  im  „Bären“,  besichtigen  nachher  die  in  einer  Remontenkaserne untergebrachte kleine  Pelzveredlungsfabrik.  Ordnung und Sauberkeit  in den  Räumen. Gut, daß  heute Sonntag ist,  so haben beide Vettern reichlich Zeit für uns und bleiben  auch tatsächlich die ganze Zeit mit uns zusammen. Die Aussprache im Büro über Klausens bevorstehenden Start in Aalen  ist  beiderseits  sehr  ergiebig  und  vom  besten  Geist  erfüllt.  Die  Beiden  imponieren  mir  mehr  und  mehr.  Auch ihnen  gefällt,  daß  wir  vorher  in  Frankfurt  waren  und  überhaupt  so  gründliche  Vorarbeit  geleistet haben. Wir brauchen daher nicht um den Brei herum zu reden. In  allen wesentlichen Dingen stimmen wir mit einander überein.

Mittagessen beim Bankier Wiedemann, dem Schwiegervater von Hans Keßler. Hans selbst wohnt mit seiner jungen Frau  in einer kleinen aber geschmackvoll eingerichteten Mansarde des gleichen Hauses. Trotz guten  Willens etwas  steif.  Nach einer Handvoll  Schlaf,  Spaziergang  mit  Herrn  Wiedemann und den  zwei  Vettern bis vor die  Stadt. Anschließend Kaffe bei Hans und  Aussprache über die Geldangelegenheiten, die wir ebenfalls zur allseitigen Zufriedenheit regeln.

Abendgang  vor die Stadt nach der andern Seite. Jetzt erst gewinne ich einen entsprechenden Eindruck von der Größe der Stadt, den ausgedehnten  Industrieanlagen  in ihrer N he, der  sympathischen Hügellandschaft  usw.  usf.  Wir  haben  alle  den  Eindruck:  Klausens  Start  in  dem  neuen  Beruf  könnte  günstigere Begleitumstände kaum haben. Ich hoffe sehr, daß er sich mit den Vettern vor allem menschlich ausgezeichnet  vertragen  wird,  da  in  beiden  das  gute  Hienzenblut  wirklich  zu  sein  scheint.  Ich  bin äußerst  glücklich,  die  Feststellung  machen  zu  können.  Otti  ist  stolz  auf  diesen  Erfolg,  den  letzten Endes er angebahnt hat.  Und  Klaus freut sich, Hand ans Werk  legen  und seine Lebensarbeit beginnen zu können. Vor Glück und Freude wache ich nächsten Morgen bereits um 4 Uhr auf. Fahrt mit  Otti  zurück  nach  Stuttgart. Nachmittags Besuch  bei  Frau  Csaki und  ihrer Tochter  Brigitte. Abends  versuchen  wir  vergebens  Einlaßkarten  in  das  Operhaus  zu  bekommen.  Gehen  dann  in  die Kammerspiele, wo wir Strindbergs „Totentanz“ in einer sehr guten Aufführung sehen.

Stuttgart – Augsburg. Besuch bei Tante Johanna. Gespr ch mit ihr über Gertl und deren Zukunft. Gertl soll  bis  zum  Herbst in unserer Nähe bleiben und dann in die N he ihrer Mutter kommen.  Sie soll sich auf eigene Füße stellen. Ihre Mutter denkt an Mitbeteiligung und Mitarbeit an einer Pension. Die Industrie hier  ist  zu  50%, die  Wohnhäuser zu  70% zerstört.  Aber der  Aufbau allenthalben eingesetzt.  Die Zerstörungen die Ursache  dafür, daß  wenigstens ein Teil der  großzügigen Stadtbebauungspläne Adolf Hitlers ausgeführt werden.

München  dürfte  ungefähr  im  gleichen  Ausmaße  zerstört  sein.  Die  Frauenkirche  ist  ausgebrannt,  das Chor scheinbar durch Volltreffer zerstört. Doch die hohen Backsteinmauern und die Türme sind erhalten geblieben und schon ist das Hauptschiff von einem neuen roten Ziegeldach überdeckt. Einkäufe  in  der  Käufingerstraße.  Hurra,  das Rathaus  steht!  Auch  der  größte Teil  der  Feldherrnhalle. Zwischen beiden wohne ich der Umlegung einer Hausruine mittels Kranwagen und Drahtseil bei. Abends  treffe  ich  bei  Zillich  in  Starnberg  ein.  Ruhe  in  der  Nacht  wunderbar  in  seiner  Bibliothek. Träume davon,  daß ich  bei ihm  in meinem alten Almanach oder Jahrbuch meine sämtlichen Gedichte gedruckt vorfinde. Starnberg hat sich ungemein verändert, das  heißt vergrößert. Vor  27 Jahren, da wir uns mit Trudl  hier verlobten, hatte  es beinahe noch  dörflichen  Charakter.  Jetzt  merkt  man  ihm die Nähe einer Großstadt allzudeutlich an. Das Haus von Frl. von Enhuber finde ich überhaupt nicht mehr. Zillich  ist  am  Vormittag  zu  einer  Rudolf-Alexander-Schröder-Feier ins  Rathaus nach  München  geladen. Ich stehe spät auf und bummle ein wenig durch Starnberg. Nachmittag mit Frau Maria nach München.  Abends  in  der „Schaubude“.  Gastspiel  einer  Düsseldorfer  Kabarettruppe  „Das  Kommödchen“. Ausgezeichnet.  Besonders  die  vielen  Zeitbezogenheiten,  Ich  treffe  dort  Erwin  Tittes,  Christa  Keller, ihren Mann und ihren Bruder Harold. Vereinbare meinen Besuch bei ihnen in Staltach. Vor 14  Tagen  sind am Starnberger See  zwei  Enkelknaben  des Begründers  des  Deutschen  Museums, Oskar  von  Miller,  verunglückt.  Die  12-14  jährigen  hatten  ein  Segelboot  geschenkt  erhalten.  Bei  der ersten Ausfahrt kenterte es. Die Knaben ertranken. Ihre Leichen sind noch immer nicht geborgen. Spaziergang  mit  Zillich  durch  Starnberg.  Wohnung  Schlandt.  Fischzucht.  Auf  der  Waldbank  vor Zillichs Haus schließlich Gespräch über Thema Krauss. Seine großen Verbindungen zum Amerika der Zukunft.  Nachmittag  ist  Brigitte  Csaki  da.  Das  unerquickliche  Gespräch  über  Dr.Appel.  Endlich können wir unsern Faden wieder aufnehmen. Die Zukunft unseres Volksspitters. Das  Groteske  an  Zillich:  daß  ein  Schriftsteller  so  am Äußeren  Erfolg  hängt.  Jede  Aussage  von  ihm verrät  das.  Hauptsache  bei  ihm  ist  nicht  die  Wirkung,  sondern  der  Applaus.  Ein  weiteres  Zeichen dafür: er gibt an. Oft in einer kindischen Art. Sein „Charakterkopf“, im Theater mit Monokel in einem Auge.  Seine  romantischen  Mäntel.  Seine  Vorliebe  für  die  Uniform.  Hausrock -Fotografien.  Dauernd protzt er mit seinem  Erfolg bei Frauen. Überhaupt  spielt  das  Sexuelle in seinen Gesprächen  nach  wie

vor eine große Rolle, obwohl er sehr gealtert ist. Viel grauer als ich. Und noch weniger Haare. Ein ausgeglühtes  Herz.  Hat er  überhaupt je  Herz  gehabt?  Aber  Schwung  und viel  Zivilcourage hatte er. Und nahm vor allem jeden Erfolg als verdient ohne besondere Dankbarkeit für sich in Anspruch. Er zeigt  mir  die  vielen  Ausgaben  seiner  Bücher,  besonders  in  fremden  Sprachen,  seine  Ehrendiplome, sein Fotoalben. Die Dichtertreffen, Reisen usw. Er ist auffallend eitel. Leider.

Jetzt spürt  er,  da sein  Weizen  wieder  anfangen könnte  zu  blühen. Vor  kurzem soll  er  jahrelang unter schwersten Depressionen, ja Verzagtheiten gelitten haben. Damals hatte es seine Frau sehr schwer mit ihm. In diesen Jahren der Not, ohne Geld, ohne Ruhm, ohne Erfolg bedeutete er für sie nicht nur keine Stütze,  sondern  im  Gegenteil  eine  große  Belastung.  Er  flüchtete  in  die  Wälder,  sie  mußte  Brot  und Kartoffeln betteln für die Kinder. Jetzt beginnt er, wie gesagt, wieder  anzugeben. Ich  habe  den  Eindruck,  daß  er  unter  seinen  vielen  schriftstellender  oder  geistig  hoch  stehenden Bekannten  auch keinen einzigen Freund  besitzt.  Er  selbst  gibt  zu,  am  besten  noch  mit  Alverodes  zu stehen. Andere Schriftsteller am Starnberger See: Ina Seidel, Billinger, Dwiezer (Gut in Oberbayern). Das  Land  ohne  Zeitungen.  Ursache  der  Papiernot.  Daher  ein  Land  fast  ohne  Politik.  Keine  Sensationen mehr. Teilnahme  an  einer  Sitzung  der  Spruchkammer  in  Starnberg.  Die  drei  Richter  werden  mit  „Hohes Gericht“  angesprochen,  der  Staatsanwalt  heißt  „Ankläger“,  der  Angeklagte  „Betroffener“.  Dieser „Betroffene“ wird entlastet. Tutzinger Hof. Fahrt  nach  Staltach.  Harold  Steinburg  erwartet  mich  und führt  mich zu  Christa auf  Gut  Eurach. Ein sehr bescheidenes Bauernhaus. Die Osterseen. Stefans Pläne.

1. Mai 1948

Auflösung der  Familienwohn- und Verpflegsgemeinschaft  im  Kurhotel in Gmunden.  Wir übersiedeln mit Trudl, Hans und Dorothee nach Altmünster 48, in die Villa der Gräfin Tscheafgotsche.

Am 5. Mai 1948

feiern  wir dort  glücklich  wieder  unter  uns  zu  sein  und  so  etwas  wie  eine  Privatwohnung –  nach  der dreivierteljährigen Hotelperiode!  –  zu besitzen,  unsere  Silberne Hochzeit. Trotz  unseres  Flüchtlings Daseins  erfüllt  uns  an  diesem  Tage  doch  ein  Gefühl  innigster  Dankbarkeit  dem  Allmächtigsten gegenüber, der  unsere Ehe bis jetzt so sichtbarlich gesegnet hat. Denn wir erfreuen uns  beide,  sowohl Trudl als  ich,  ungebrochener Gesundheit  und  haben  nicht  nur selbst die schlimmsten Stürme der Zeit heil an Körper  und Seele  überstanden,  sondern auch unsere fünf  Kinder  sind uns alle erhalten geblieben,  obwohl die zwei Großen, vom Strudel  des  unglücklichen  Kriegsausganges  erfaßt,  unsern elterlichen Augen bereits entschwunden waren. Es ist wahr, wir haben die Heimat verloren – aber nur  äußerlich. In Wirklichkeit tragen wir sie tiefer in uns als dies der Fall w re, wenn wir noch immer durch die kommunistischen Fesseln an sie geschmiedet wären. Das ist vermutlich auch die Ursache dafür, daß wir kaum unter Heimweh leiden. Zumal  ich bin  bis jetzt  fast  völlig  frei  davon  geblieben.  Auch  dafür  Dank  de m  Herrn   der  Welt  und  unseres Schicksals!

Brief Trudls [ohne Datum, aber wahrscheinlich im Juni 1946 geschrieben]

Mein lieber Otto! Ich  habe mich  in  den  letzten Tagen viel mit Deinem 50. Geburtstag  beschäftigt und auch  darüber  nachgedacht,  wie es  wäre  wen ich  Dir einmal eine kleine  Geburtstagsrede  halten  sollte. Ich  nehme  nämlich  an,  an  meinem  50.  Geburtstag  wirst  Du  sicher  einige  Worte  an  mich  richten. Kannst  Du  Dich  noch  erinnern  als  Du  anfingst  dem  Karres  Trudchen  französische  Privatstunden  zu geben?  Welch  kleines schüchternes  Mädchen war ich damals und doch haben wir beide  bald  gefühlt dies ist der richtige Lebenspartner mit dem willst du durchs Leben gehen und mit keinem andern. Und wenn man  mich heute  nach 24-jähriger Ehe  fragen  würde,  wen willst du, ich  würde doch wieder  nur Dich  wählen.  Obwohl  es  bei  uns  nicht  immer  nur  Sonnenschein  gibt,  es  gibt  auch  ab  und  zu  ein kleines Gewitter,  und  das  Donnern  besorge dann gewöhnlich  ich, aber  ich  tröste  mich  damit, daß  der Mensch  ewig  blauen  Himmel  nicht  dauernd  aushält  und  er  auch  nicht  immer  Limonade  trinken möchte. Bald bevölkerte unsern jungen Hausstand eine frohe Kinderschar. Zuerst kam Otto und fast zu schnell unser Paulchen, dann Klaus und  Hans und wie Du sagst zum Schluß als Punkt auf das „i“ die kleine  Dorothee.  Was  für  ein  guter  besorgter  Vater  bist  Du  geworden,  die  4  Buben  nützen  es  auch weidlich aus, und kommen  mit allen Nöten zu Dir gelaufen. Und die beiden Großen, die nicht mehr in Dein Zimmer stürmen können, schreiben ihrem Vater die schönsten Briefe. Fast packt mich manchmal etwas  wie  Eifersucht,  doch auch ich bin ja noch zu manchem etwas nütze, wenn Badehosen zerreisen, oder  einer  eine  eitrige  Zeh  hat,  dann  wird  die  Mutter  Sturm  herbei  geschrieen.  Ich  komme  auch gewöhnlich  gleich.  Nur  etwas  kann  ich  nicht  vertragen,  wenn  man  mich  in  meinem  Mittagsschlaf weckt,  dann werde ich ungemütlich. Doch was  sehe ich, dies wird ja keine  Rede zum 50. Geburtstag, also los streng deinen Gehirnkasten  an, was  pflegt  man zu  Geburtstagsfeiern dem Geburtstagskind zu sagen. Zuerst wünscht man ihm viel Glück. Das tue ich auch pflugs, denn immer schon hat man Glück brauchen  können  aber  heutzutage  ganz  besonders.  Zunächst  wünsche  ich  unserm  Geburtstagskind Gesundheit und ein langes Leben und möge es uns  vergönnt sein dies  hier in unserm schönen Siebenbürgen  in  unserm  lieben  Heim  und  im  Kreise  unserer  Lieben  zu  verbringen.  Möge  ein  gütiges Geschick  und  davor  bewahren  heimatlose  Flüchtlinge  zu  werden.  Möge  der  Herrgott  uns  die  Freude schenken  für  unsere  Kinder  hier  stets  eine  Heimstatt  zu  erhalten  wohin  sie  aus des  Lebens  Stürmen stets wie  in  einen  ruhigen  Hafen  zurückkehren  können. Du hast vor  einigen Tagen gesagt  alles kann man  uns  Deutschen  nehmen,  aber  die  Freude  an  einem  schönen  Familienleben  nicht.  Erheben  wir unser Glas und trinken wir auf unser liebes Geburtstagskind und auf unsere beiden lieben Jungen Otto und  Pauli  die  an  diesem  Abend  sicher  mit  ihren  Gedanken  hier  bei  uns  weilen.  Gebe  Gott,  daß  sie auch bald gesund in unserer Mitte weilen können.

Ins Reine geschrieben

von Gerhard Feder

im Juni des Jahres 2001

im Auftrag von

Paul J. Folberth

 – ENDE –

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