Der Hirte vom „Roten Berg“


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Die Wiese zur Linken der Steilwand

Es war Ende der 70-er Anfang der 80-er Jahre. In dieser Zeit war das tägliche Leben in Mühlbach, so wie in ganz Siebenbürgen, keine einfache Sache. Da alles ziemlich teuer war, musste jeder sehen das er mit dem Einkommen der Familie zurecht kam. Wie ich schon bei anderer Gelegenheit erwähnte, musste man Bekanntschaften und Verbindungen in fast allen Bereichen haben, um einiger Maßen an Sachen des täglichen Lebens heranzukommen.

Das soll nicht heißen das man etwas geschenkt bekam, man musste alles bezahlen aber man musste durch Beziehungen an das gewünschte erst mal heran kommen. Dann war auch der Tauschhandel noch üblich. Ich möchte ihnen ein kleines Beispiel aus meiner Erinnerung schildern.

Eines Tages als ich wieder einmal am Zeckesch angeln war, bemerkte ich auf der anderen Seite des Zeckesch, auf den Wiesen die bis zur Hälfte des roten Berges reichten, alles weiße Punkte. Da das Angeln nicht besonders gut lief, und meine Neugierde geweckt war, beschloss ich der Sache auf den Grund zu gehen. Ich musste ein Stück Flussaufwärts fahren um an die Furt zu gelangen wo ich mit dem Moped durch den Zeckesch ans andere Ufer gelangen konnte. Ich näherte mich der Wiese zur Linken Seite der Hauptschlucht, und Stellte fest das die aus der Ferne gesehenen weißen Punkte sich als Wiesenchampignons entpuppten.

Na, dachte ich, wenn keine Fische dann wenigstens Pilze“

Ich stieg ab und suchte eine festere Stelle wo ich mein Moped aufbocken konnte. Dann sammelte ich einige Pilze bis meine Umhängetasche voll war. Ich ärgerte mich das ich nur diese, für meine Anglersachen mit hatte, den es waren sehr viel mehr Pilze als ich darin unterbringen konnte. Da der Tag noch jung war, beschloss ich Heim zu fahren und eine größere Tasche mit zu nehmen. Gesagt getan. Ich lieferte die gesammelten Pilze Daheim ab und nahm einen Rucksack mit. Die noch vorhandenen Pilze reichten noch den Rucksack zur Hälfte zu füllen, den Mittlerweile waren noch andere Leute zum Pilze sammeln erschienen.

Da ich den Roten Berg in und auswendig kannte wusste ich das ober „ dem roten“ noch ausgedehnte Wiesen waren und wahrscheinlich auch da Champignons zu finden waren. Diese Wiesen grenzten an den Daiaer Wald. Der Weg dahin führte weit zur Linken der Steilwand nach oben. Da ich aber mit dem Moped war wollte ich es nicht da unterhalb stehen lassen, und wog ab mit diesem den Weg nach Oben zu wagen. Das war nicht ungefährlich den es ging ziemlich steil nach Oben auf einer Länge von ungefähr drei bis vierhundert Meter. Da mein Moped keine Kross-Maschine war, hatte ich so meine Bedenken. Bis zu Letzt ging ich aber das Risiko ein. Ich legte den ersten Gang ein und gab Vollgas. Unter dem höllischen Lärm den der misshandelte, aufheulende Motor machte , ging es aber stetig Aufwärts. Nach unendlichen Minuten langte ich mit ach und Krach auf der Oberen Wiese an.

Nun überschlugen sich die Ereignisse, ich landete nach dem Austritt aus den Büschen, die den Weg dahin säumten, mitten in einer Herde Kälber. Die Hunde kamen kläffend, durch den Krach den ich verursachte, in meine Richtung gerannt. Es waren vier an der Zahl. Die Kälber die näher an mir waren stoben auseinander. Aus der Ferne hörte ich Lautes Pfeifen und eine Männerstimme die die Hunde zurückrufen. Nach einigen Augenblicken sah ich auch den Hirten der hinter einigen Büschen hervorkam und in meiner Richtung mit zügigen Schritten kam. Ich stellte den Motor ab und harrte dem das nun kommen sollte. Die Begrüßung war frostig. Der Mann war böse das ich seine Herde fast zu einer Stampede gebracht habe. Nach einigem hin und her legten sich die Gemüter und es begann ein normales Gespräch. Der Mann war so um die 60 – 65 Jahre alt. Er sagte mir ich solle mit ihm zur „Stîna“ kommen den er habe keine Lust den ganzen Tag da stehend zu verbringen, also folgte ich ihm. Seine Hütte konnte ich vorhin wegen den Büschen nicht sehen. Diese war nicht wirklich als Hütte zu betrachten, es war ein Gebilde aus Ästen und Laub, aber alles mit einer alten Zeltplane abgedeckt und so einiger Massen Wasser- und Windfest. Die Einrichtung bestand aus einem ebenfalls aus Ästen gefertigtem Nachtlager, einigen Wolldecken und Aluminiumgeschirr.

Neben der „Hütte“ waren noch ein eingezäunte Fläche wo zwei Schweine waren, und eine nächster mit einer Kuh.

Nach dem ich ihm erzählt hatte was ich da oben wollte begann auch er mir seine Geschichte zu erzählen. Ich erfuhr das er der Hirte vom Kollektiv, der für die Herde mit dem Jungvieh zuständig sei, war. Der praktisch den ganzen Sommer über da oben war und die Herde betreute. Die ganze Zeit des Diskussion immer wieder unterbrochen mit einem Schluck Schnaps und Zigaretten die er von mir dankend annahm.

Er bot mir zum Schluss an, wenn ich nochmal den Weg hierhin hätte, sollte ich im vielleicht eine Flasche Wein oder Schnaps und einige schachteln „Nationale“ (Zigaretten) mit bringen. Als Gegenleistung wolle er mir Frische Milch geben.

Das tat ich dann auch des öfteren, ich brachte ihm jedes mal einen Liter von meinem Hauswein und zwei Pack „Nationale“ und bekam jedes mal 5 Liter frische und nicht gerahmte Milch.

So war für meine Familie, den Sommer über, der Bedarf an frischer und guter Milch so wie an frischem Rahm gedeckt.

Dieses ist ein Beispiel der Beziehungen und Warentausch den ich am Anfang dieser Zeilen erwähnt hatte. Daraus entwickelte sich eine dauerhafte Beziehung. Die sollte erhalten bleiben bis zu meiner Ausreise nach Deutschland.

Das war auch eine Erinnerung an Mühlbach und das Leben in dieser Stadt.

Horst Theil

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Zwei Gedichte von Winfried Bretz


 

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Einwanderung der Siebenbürger Sachsen

(1141 – 1164)

Quelle: Siebenbürger.de

Auf den Spuren unserer Ahnen

Sie strebten nach Osten, nach Freiheit im Leben,

nach eig’ner Bestimmung, nach eigenem Herd,

sie wollten den Kindern ihr Bestes geben,

für eigenes Land waren die Mühen das wert.

 

Sie folgten dem Ruf und Geishas Versprechen,

von Mosel und Rhein, bis ins Ungarland,

sie mussten sich neue Wege brechen

und Burgen bauen mit Fleiß und Verstand.

 

Sie schufen ein Bollwerk gegen Türken, Tataren,

Sie brachten ihr Können, den Fleiß mit, die Ehr‘;

Sie rodeten Wälder, scheuten keine Gefahren

und setzten sich standhaft den Feinden zur Wehr.

 

Es blühten die Felder, es keimten die Saaten;

verwurzelt im Land, im Boden ihr Fleiß;

sie hielten die Treue und wurden verraten,

geschunden an Leib und Seele der Preis.

 

Erprobt in achthundert schweren Jahren

hielten sie Treue dem Volke, dem Land.

Vom Staat behandelt wie von Barbaren

enteignet, entwürdigt, vom Herde verbannt.

 

Uns ist die Erinnerung nur noch geblieben,

an Einst, an ein schönes blühendes Land;

wir ehren der Väter Sitten und Bräuche

und alles, das uns mit Einstmals verband.

 

Auch hier in der Ferne – es gibt kein Vergessen,

wir halten zusammen im Geist und sind still.

Wir ließen uns nicht durch Willkür erpressen,

ein Beispiel dafür ist Gerhard Rill.

 

Furchtlos bestand er die vielen Gefahren,

verfolgt und gehetzt – was war schon dabei.

Sein Ziel – das Volksgut zu schützen und wahren,

für Kinder und Enkel  bracht‘ er es herbei.

 

Er schuf ein Museum vom Wirken und Werken,

von Trachten, von Kunst, vom sächsischen Fleiß;

wird sein Bemühen bewahrt und uns stärken?

Oder ist nur das Vergessen der Preis.

 

Folgt doch den Spuren, dem wirken der Ahnen,

erzählt der Jugend, wo dieses zu sehen.

Lenkt eure Schritte in würdige Bahnen,

nicht lasst diese Spuren vom Winde verwehen!

Verfasst nach einem Museumsbesuch

Gerhard Rill – Museum  Augsburg

Winfried Bretz

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Gerhard Rill in Mitten seiner Sammlung 2011 in Augsburg

Foto: Inge Erika Roth

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Der Studententurm von Mühlbach

Fotograf unbekannt.

Studententurm in Mühlbach

In wildem Trab – die Erde dröhnt,

Es stürmen die Türken in Scharen,

Bimm! Bamm! Bimm! Bamm! Die Glocke tönt,

Schon wieder nahen Gefahren.

Zu fallen die Tore mit dumpfen Klang,

Es quietschen die Riegel der Pforten;

Sturm läuten die Glocken Bimm! Bamm! Bimm! Bamm!

Ganz nahe sind feindliche Horden.

.

Die Zunftmänner eilen bewaffnet zur Pflicht,

Zu den Türmen zum Wehrgang nach oben.

Aus der Menge ein Jüngling löst sich und spricht:

„Aus Rummes komm ich gezogen,

Bin junger Student für mein Vaterland,

Will treu meine Kraft ich geben,

Will kämpfend meine schwache Hand

Gegen die Feinde erheben!“

.

Aus der verängstigten Volkesschar

Sechs andere dazu sich stellen.

Wir sind aus der Stadt, die Studentenehr

Ruft uns zu unsrem Gesellen!

Gebt uns o, Hann, den Turm dort,

Den sonst deine Leute wehren!

Wir sieben werden von diesem Hort,

Unser jugendlich’ Herz nicht entehren!“

.

Bimm! Bamm! Bimm! Bamm! Erschallt es laut,

Eindringlich das Kirchturmgeläute!

„Eilt hin, ihr Burschen, eilt und haut

In die Flucht die gierige Meute!“

Der Ratsherr sprach es, sie eilen hin

Vorbei an allen, die gaffen;

Sie nehmen schwere Waffen mit,

Auch Nahrung zusammen sie raffen.

.

Sie stehen im Wehrturm, die Glocke schweigt,

Sie drücken sich bindend die Hand;

Sie schworen, dass keiner Schwäche zeigt,

Bis zum Tod für das Vaterland.

Schon schwirren die Sehnen,

Schon sausen die Pfeile,

Schon sinkt manch Türke ins Wasser hinein,

Zu mächtig der Ansturm, ohne Rast, in Eile.

.

Es kämpfen die Bürger mit edlem Mut,

Und mancher fällt tödlich getroffen,

Die Alten, die Jungen sind machtlos und Wut

Erfüllt sie und macht sie betroffen.

Manche Frau beklagt den toten Mann,

Manch‘ Mutter den sterbenden Sohn;

Schon leuchtet von Dächern der Feuerhahn,

Den löschenden Frauen zum Hohn.

.

„Öffnet die Tore! Wir schonen euer Leben!“

So ruft eine Stimme. Die Stadt ist in Not;

Die Türken da draußen wie Sand am Meere

Erwägt wird des Falschen Gebot.

Man öffnet die Tore, der Glockenton schweigt,

Das türkische Heer ergießt sich in Scharen,

Dringt in die Stadt, der Tag sich neigt,

Was noch lebt, wird versklavt, fortgefahren.

.

Greise und Männer liegen im Blut,

Mit Flüchen auf sterbenden Lippen;

Es bersten die Häuser in Flammen und Glut;

Die Kirche ward Stall und Gestühle zu Krippen.

Ein Turm ist standhaft noch eine Nacht …

Noch schwirren tödliche Pfeile

Und stolz klingt der Ruf: Sachs halte Wacht!

Er mahnt den Türken zur Eile.

.

Sie hoffen auf Beute und stapeln dann

Herum um die Feste die Scheite,

Herzlos legen sie Feuer an:

„Schmort nun, bei lebendigem Leibe!“

Ein grau und schwarz sich ringelnder Qualm

Steigt durch die Scharten nach oben –

„Die Hölle bricht auf“, ein Bursche spricht,

„Doch wir, wir alle ergeben uns nicht,

Wir haben dem Tod uns verschworen!“

Sie fassen einander erschlaffend am Arm

Und nochmals klingt mit letzter Kraft

Der stolze Ruf: „Sachs halte Wacht!“

Sie haben gekämpft, sie hielten Wacht,

Verschossen das Pulver, die Pfeile,

Bis der letzte Mann im Rauch erschlafft

Zusammenbricht, erstickt nach einer Weile.

.

Der Rauch verfliegt im Morgenwind,

Vom Turm folgt keine Gegenwehr,

Die Burschen liegen, da, sie sind

Getreu geblieben Schwur und Ehr!

Sie haben gekämpft, getreu dem Eid,

Sich nicht dem Türken ergeben,

Der Übermacht in diesem Streit

Sind sie zuletzt doch erlegen.

.

Dort finden die Fremden sie in der Bastei,

Die reglosen Leiber, kein Schatz ist dabei –

Da, einer regt sich, sie eilen herbei,

Ein Wunder, sie führten ihn fort in Sklaverei;

Zurück blieb Tod, Asche, Trümmer;

Die Stadt war tot – leer ohne Leute;

Die Türken – die Gewinner,

Frauen und Kinder die Beute.

.

Rauch und Ruinen blieben zurück,

Überall nur Gestank und Leichen –

Ein starkes Geschlecht mit wenig Glück

Musste der Übermacht weichen.

Und was noch lebte nach dieser Schlacht,

Wurd’ versklavt, wurde aufgerieben,

Der Knechtschaft entflohen, hat es einer geschafft,

Hat Mühlbachs Geschichte geschrieben.

.

Ein neuer Stamm bevölkert den Ort,

Der Wehrturm hat geschwärzt überdauert,

Im Winde quietscht der Wetterhahn,

Und jeder Betrachter erschauert.

Aus Rom wurde die Mär gebracht,

Von der Schlacht, vom Türkensturm

Dem Rummeser zur Ehre heißt

Die Bastei: STUDENTENTURM!

Winfried Bretz

Zusammenstellung: Horst Theil

Buchvorstellung, Autor Winfried Bretz.


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Winfried Bretz 

geb. 18. August 1936

 Liebe Mühlbacher!

In diesem Beitrag möchte ich Ihnen einen Sohn unserer Heimatstadt vorstellen. Mir ist bewusst dass die älteren Semester ihn kennen oder sich an ihn erinnern. Sein Name ist Winfried Bretz geboren den 18. August 1936  als 5.Kind von 8 Geschwistern  in Mühlbach als Sohn des Schneidermeisters Emil Bretz und Therese Bretz.  Sein Elternhaus steht in der Quergasse in Mühlbach, dem beschaulichen Städtchen am Fuße des Mühlbacher Gebirges, wo er seine Kindheit verbrachte und auch dort zur Schule ging.

Vierzehnjährig besuchte er in Klausenburg die Gewerbeschule für Polygraphie. Er arbeitete in verschiedenen Bereichen wie Leder – und Papierfabrik und besuchte nach dem Militärdienst das Abendgymnasium in seiner Heimatstadt. Im Jahre 1964 immatrikulierte er an der Universität Temeschburg, wo er erstmals in der deutschsprachigen Presse mit einem Gedicht in Erscheinung trat. Nach Jahren erschienen einige Gedichte in der Zeitschrift Volk und Kultur.

Nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Deutschlehrer in Bulkesch an der Kleinen Kokel und dem Tode seiner Ehefrau Johanna verließ er Siebenbürgen in Richtung Bundesrepublik, wo er sich in Augsburg niederließ.

Werdegang:

1950-53 Polygraphische Gewerbeschule in Klausenburg.

1953-54 Druckerei Craiova,

1954-55 Arbeiter Lederfabrik Simion Barnutiu Mühlbach,

1955-57 Brigadeleiter Papierfabrik Petersdorf,

1957-59 Militärdienst Bukarest,

1959-63 Papierfabrik Petersdorf Buchbinder, Lyzeum Abendkurs,

1963-64 Hilfslehrer und Direktor Im Mühlbacher Gebirge,

1964-67 Pädagogisches Institut Temeschburg,

1967-82 Deutschlehrer Bulkesch

1983 Ausreise nach Augsburg

Verschiedene Vertreter Tätigkeit 1989,

1989- 90 Erzieher ev. Kinderheim Augsburg,

Unheilbare Stimmerkrankung seit 1990 Rentner.

Mit 14 Jahren ersten Roman (verloren gegangen), Gedichte, Geschichten.

Erste Veröffentlichungen 2014

Er schreibt Gedichte und Romane wie: Fliege mit dem Vogel; Großvaters Gedichte; Die Schwestern; Wenn sich die Tore öffnen und Kurzgeschichten. Die Quergasse.

Ich hatte das Glück Winfried Bretz persönlich kennen, und schätzen zu lernen. Wie aus seinem Werdegang ersichtlich ist, begann er schon im zarten Alter von 14 Jahren seine ersten schriftstellerischen Versuche. Das war eine Folge des Verlangens und des Wissensdurstes, der sich aus der Liebe zur Literatur entwickelte, und ihn motivierte, selber zu versuchen seine Gedanken und  Erinnerungen zu Papier zu bringen. Das ihm dann auch nach späteren Jahren gelang.

Eines seiner Werke, in dem er die Erinnerung an sein Leben zu Papier brachte, ist der autobiografische Roman „ Wenn sich die Tore öffnen“.

 Wbuch

 

Ich denke dass die Worte des Autors, die er als Vorwort zu diesem Buch niedergeschrieben hat, passend sind.

Ich Zitiere:

„Es gibt viele Wege, Wege die man beschreiten kann, Wege die sich kreuzen, und wieder auseinander gehen, um sich irgendwo zu verlieren oder wieder zu finden.

Jede Geschichte ist einzigartig, wie jedes Leben einzigartig ist. Alle Berührungspunkte sind schicksalhaft, gleichen sich in mancher Weise, um doch durch Besonderheiten aufzufallen.

Man  führt ein geordnetes Leben, wird geführt, auf ein Gleis gebracht, von dem man annimmt, dass es in eine erstrebenswerte Zukunft führt. Und alles verläuft gradlinig, bis der Punkt erreicht ist, wo sich der eingeschlagene Weg gabelt und ein neuer eingeschlagen werden muss – wo sich ein neues Tor öffnet.

Über das Geschick kann man rätseln – was ist gerecht, was ist ungerecht? Man kann fragen was wurde richtig und was wurde falsch gemacht?

Und wieder öffnet sich ein Tor, und andere Wege tun sich auf, die schon die beschrittenen Wege kreuzen oder tangieren. Manchmal tauchen Punkte auf, leuchtend, wie Sterne am Himmel und verschwinden wieder im Nebel des Vergessens. Doch gerade diese Lichtpunkte sind es, die uns zeigen, wie klein und zerbrechlich unser Werdegang, wie töricht unser Handeln ist. Die Erkenntnis unserer Fehler macht uns stark, sie gibt uns das Werkzeug in die Hand Gutes vom Bösen zu unterscheiden und doch macht man, wo es an Erkenntnis mangelt, die gleichen Fehler wieder.

Der Weg der beschritten werden soll, ist beschwerlich und das Reifen ein Prozess, den alles Leben durchläuft und doch, im Einzelnen betrachtet, ist jeder Weg einzigartig. Wen wundert es also, dass es bei gleichen Voraussetzungen immer wieder zu unterschiedlichen Verzweigungen kommt.

Darum gibt es immer wieder ein Ziel, wenn sich die Tore öffnen“.

Zitat Ende.

Der ganze Inhalt dieses Buches ist ein Spiegel seines Lebens, seiner Seele und nicht zuletzt seiner Gefühle auf den vielen Wegen seines Lebens der Nachkriegszeit die er beschritten hat.

Wie es auch im Vorwort heißt, waren viele Wendepunkte und Abschnitte zu bewältigen. Diese Wendepunkte, die auch gleich-zeitlich einen neuen Lebensabschnitt bedeuten, beschreibt der Autor sehr detailliert und gewissenhaft. Er schildert seine Zweifel und Bedenken, er hadert oft mit sich selbst, er weiß nicht ob es das Richtige oder das Falsche ist. Er geht aber tapfer auch durch das nächste offene Tor das sich so oft in seinem Leben vor ihm öffnete und sieht nicht hinter sich, wenn sich eines hinter ihm schloss. Seine Sprache in diesem, wie auch in seinen gesamten Schriften, ist eine leichte, gut verständliche, oft mit regionalen Ausdrücken und Erläuterungen, gespickt. Der Leser lernt wie beiläufig einige Städte und Regionen aus Rumänien kennen. Auch manche Bräuche werden angesprochen so wie Ausdrücke der verschiedenen Regionen in Rumänien.  Das gesamte Buch hält den Leser gefesselt und schürt die Neugier was als nächstes passiert, welchen Weg ihm noch das Schicksal bereitete.

So wie Winfried Bretz muss jeder in seinem Leben unterschiedliche Tore passieren um auf den nächsten Weg der ihm bevorsteht zu gelangen. Und immer, wenn ein Tor durchschritten wurde, weiß keiner, was der nächste Lebensabschnitt für ihn bereithält.

Liebe Leser, wenn sie eine Interessante und spannende Lektüre suchen, kann ich das Buch nur empfehlen.

Horst Theil

 Weitere Werke des Autors die erschienen sind:

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Mühlbach erzählt – Geschichte und Geschichten


Die Reihe der bisher erschienen Heimatbücher und Ortsmonographien, die das gesellschaftliche Leben in siebenbürgischen Städten und Dörfern beschreiben, wurde im November dieses Jahres durch eine Neuerscheinung erweitert: „Am Kreuzweg der Geschichte. Mühlbach im Unterwald“ ist eine umfangreiche Darstellung des wechselvollen Lebens dieser kleinen Stadt im Südwesten Siebenbürgens.

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Schon der Titel des neuen Heimatbuches weist auf die geographische Zuordnung von Mühlbach hin und macht deutlich, dass dieser Band Lesern ermöglicht, die Vergangenheit der Stadt und deren großzügig abgesteckte Umgebung zu erkunden. Die Entwicklung Mühlbachs wurde im Laufe der Jahrhunderte wesentlich durch deren Lage bestimmt. Die Weite der Landschaft vermittelt ein Gefühl der Freiheit, die am Horizont sichtbaren Berge bieten Geborgenheit an, erinnern sich Mühlbacher.

Ein von Theobald Streitfeld verfasster Text eröffnet die Reihe der Beiträge, verweist auf die einzelnen Themenbereiche und hat somit programmatische Funktion. Er beschreibt die Landschaft des Unterwaldes, deren Entwicklung und bewegte Geschichte, verweist auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt sowie auf die kulturelle Leistung ihrer Bürger im Laufe der Jahrhunderte. Diese Aspekte sind es, die in den Beiträgen des Heimatbuches im Einzelnen dargestellt und aus unterschiedlicher Sicht vertieft werden.

Der Band ist in mehrere Kapitel gegliedert, denen die Herausgeber eine entsprechende Einführung vorangestellt haben. Darin wird der Entstehungsprozess dieses Heimatbuches erläutert und in dem Kontext darauf hingewiesen, dass gemäß den Vorgaben der Initiatoren nicht allein wissenschaftliche Abhandlungen in diese Publikation aufgenommen wurden, sondern auch Dokumente, Darstellungen wirtschaftlicher Veränderung, Zeitzeugenberichte bis hin zur Auflistung von Daten. Die Leser erhalten einen bunten Strauß an Informationen, die Einblicke in viele Lebensbereiche möglich machen. Der Bogen wird von der ersten Besiedlung der Region bis in die jüngste Vergangenheit gespannt, lädt zum Verweilen bei wichtigen historischen Ereignissen ein und ermöglicht  auch den Blick auf bauliche Besonderheiten Mühlbachs. Es ist zwar die evangelische Kirche, die Besucher beeindruckt, doch welche siebenbürgische Stadt hatte ein Salzbad? Wieso es ein solches Heilbad in Mühlbach gab, kann man aus diesem Buch erfahren. Das reiche kulturelle Leben, dessen Tradition auch noch in den Zeiten der kommunistischen Diktatur nachwirkte und das trotz aller Widrigkeiten gepflegt wurde, wird seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt. Persönlichkeiten, die über Siebenbürgen hinaus bekannt waren, kamen aus Mühlbach, wie Dr. Victor Roth, dessen kunsthistorisches Werk, in Straßburg gedruckt, die Aufmerksamkeit europäischer Kunsthistoriker erregte, oder der in Venedig jung verstorbene Pianist und Komponist Carl Filtsch. Diesen wären die Namen weiterer bekannter Personen, auch von Frauen, hinzuzufügen. Die Vielfalt der Bevölkerungsstruktur, die sich auf immer neue Einwanderer zurückführen lässt, war eine der Ursachen dafür, dass trotz aller Schrecken und Zerstörungen, welche die Stadt erleiden musste, immer wieder ein Neuanfang gewagt wurde. Ausgeprägter Überlebenswille, zielstrebige Arbeitsbereitschaft der Bewohner, die mit Zuversicht und Gottvertrauen in die Zukunft blickten, machten es möglich, dass diese kleine mittelalterliche Stadt die Jahrhunderte überdauerte.

Die Vielzahl der Bilder, die den Beiträgen hinzugefügt worden sind, ergänzen die dargestellten Themenbereiche.

Insgesamt bietet dieses Heimatbuch seinen Leserinnen und Lesern aus Mühlbach eine Begegnung mit ihrer Heimatstadt aus neuen Perspektiven und jenen, welche die Stadt nicht kennen, einen Anreiz, sie näher kennenzulernen.

Die Herausgeber

Gerhard Wagner, u.a. (Hgg.), „Am Kreuzweg der Geschichte. Mühlbach im Unterwald. Siebenbürgen.“, Moosburg a.d. Isar, 2014. ISBN 978-3-00-047171-1.

Das Heimatbuch wurde  beim Mühlbacher Treffen in Dinkelsbühl, am 15. 11. 2014, vorgestellt und kann  bei Gerhard Wagner, Münchenerstr. 31b, 85368 Moosburg a.d. Isar, Tel. 08761 72 76 71 / 0160 36 62 292, bestellt werden.

Wichtig.

Für alle Vorbestellungen die bis zum 15.11.2014 getätigt waren, beträgt der Preis des Heimatbuches 45 Euro inklusive Versand.

Für alle die nach dem oben genannten Datum bestellt haben, beträgt der Preis 50 Euro inklusive Versand.

Siebenbürgische Sagen


Eine kleine Sammlung von Siebenbürgischen Sagen

Quelle: Radiobruk. ro

 

Die Siebenbürgische Sagenstrasse

die schönsten Sagen aus Siebenbürgen

 Gesammelt von:

Andrei Moga

Andreea Petre

Stefania Imbuzan

Ioana Degeu

Mit der Hilfe von:

Alexander Frohn

Sorana Părăian

Inge Sommer

 Das vorliegende Buch zum „Siebenbürgischen Sagenwanderweg“ wurde so erstellt, dass der Leser mit jeder Seite das Universum seiner Einbildungskraft erweitert. Die Märchen, die hier gesammelt wurden, führen in ein Land der Tradition und der Passion für das Idyllische. Sie wurden schon seit langer Zeit nicht mehr erzählt und bringen doch Phantasie und das Prinzip des ländlichen Lebens zusammen. Wir laden Sie ein sich auf diese Weise ein wenig vom täglichen Leben zu lösen und die schönsten Sagen aus Siebenbürgen zu geniessen.

  

Der Rabenbrunnen

(eine Sage aus Petersdorf/Petresti)

 

Als Mädchen wohnte ich in einer Gasse, in der unserem Haus gegenüber ein kleines Haus stand. Es hieß, da sei der König Matthias, wenn er nach Petersdorf, kam, abgestiegen. Dort  wohnte er jedes Mal, wenn er in Petersdorf war.

Einmal, als er sich wusch, streifte er seinen schönen, goldenen Ring vom Finger, und legte ihn aufs Fensterbrett. Als er sich später daran erinnerte, fand er den Ring nicht mehr. Er suchte und suchte, doch kein Ring war zu finden.

Erst nachdem einige Zeit vergangen war, fand man den Ring. In unserem Wald gibt es eine Quelle, die heißt der „Rabenbrunnen“. Dort, an der Stelle, fand man den Ring und vermutete, ein Rabe hätte den Ring gefunden und ihn bis dorthin verschleppt, wo er ihn dann fallen ließ. Bis heute nennt man diese Quelle den „Rabenbrunnen“.

(Maria Kellinger, 1977,  gesammelt von Inge Sommer)

 

Der    Trudenweiher

(eine Sage aus Petersdorf/ Petresti)

 

Bei uns in Petersdorf gibt es eine Wiese, die heißt die ,,Drausenwis“. Und warum hat sie diesen Namen? Da soll früher eine Frau in einem kleinen Häuschen gewohnt haben, von dem man auch heute noch die Spuren sieht. Die Frau hieß Maria Draus und man sagte, die Frau wäre eine Trude gewesen. Unsere Gemeinde wollte aber keine Trude haben und man überlegte hin und her, wie man das machen sollte, wie man die Trude aus Petersdorf wegkriegt. Und man fasste einen Entschluss.

In der nächsten Stadt, in Mühlbach, nicht weit von uns, ist ein großer See, den man auch jetzt noch den ,,Trudenweiher’’ nennt. Man beschloss, die Trude hinzufahren und sie im See zu ertänken. Als man dort ankam, sagte sie: ,,Ich weiß, ich muss jetzt sterben, aber erfüllt mir noch einen letzten Wunsch. Gebt mir ein großes Sieb (Reckter).’’ Das Sieb war so groß, dass sie sich hineinsetzten konnte. ,,Ich will euch ein paar Kunststücke zeigen, die ich kann.” Sie saß in dem Sieb und versank nicht im Wasser. Da sah man, dass sie sich mit dem Sieb in die Luft erhob, immer höher. Da rief sie hinunter: ,,Adieu, ich fliege nach Australien zu meinem Trudengeier!“

(Maria Kellinger, 1977,  gesammelt von Inge Sommer)

 

Der Studententurm

(eine Sage aus Mühlbach/Sebes)

 

Im 15. Jahrhundert sind die Türken häufig in Siebenbürgen eingefallen. Im Gegensatz zu Hermannstadt, konnte man Mühlbach leicht erobern und die Stadt ist des öfteren schlimm zerstört geworden, am schlimmsten 1438.

Die Häuser wurden niedergebrannt, die Menschen getötet oder als Sklaven mitgenommen. Eine kleine Gruppe hatte sich in einem der Stadttürme verschanzt. Da konnten die Türken nicht hinein. Um diese Leute doch zu kriegen, legten die Feinde Feuer vor den Eingang und so trieb der Rauch die Verteidiger hinaus.

Einer von ihnen war ein Schüler des Mühlbacher Gymnasiums, er kam aus Rumes, einem Dorf im Unterwald. Die Türken verschleppten ihn in die Türkei. Dort diente er lange als Sklave, lernte Türkisch und die Bräuche und Sitten dieses Volkes kennen. Nach vielen Jahren gelang ihm die Flucht und er gelangte in ein Kloster in Rom. Dort schrieb er auf lateinisch ein Buch, das ,,Türkenbüchlein“. Es ist das erste schriftliche Zeugnis eines Nicht-Türken über sie. Selbst Luther lobte das Buch. Der Klostername des Mannes war Pater Georgius, und in Mühlbach nennt man ihn bis heute den Rumeser Studenten.

Der Turm, nach diesem Ereignis Studententurm genannt, steht auch heute noch in Mühlbach als Zeugnis dieser historischen Ereignisse genau gegenüber des ,,Trudenweihers“.

(erzählt von Inge Sommer, 18.12.2013)

 

Der schwarze Ritter

(eine Sage aus Kleinpold/ Apoldul de Jos)

 Vor etwa fünfhundert Jahren kam ein Bauer von der Feldarbeit nach Hause. Es war windstill und die Luft warm. Am Himmel hingen dunkle Wolken und ein Gewitter meldete sich an

Am zweiten Feld hörte er plötzlich Pferdegetrappel hinter sich, und zuerst dachte er, dass jemand aus dem Dorf geritten käme. Er blickte sich um und sah ein großes weißes Pferd mit goldenem Zaumzeug und darauf saß ein Mann in einem langen schwarzen Mantel und mit einer großen Sense in der Hand. Schnell sprang der Bauer hinter einen Baum, und Pferd und Reiter eilten vorbei und verschwanden im Kleinpolder Busch.

In den Hufspuren auf dem Feldweg aber begann sich Blut zu sammeln. So wie in kleinen Pfützen nach dem Regen. Entsetzt lief der Bauer nach Hause.

Damals deutete man diese Begebenheit so: Es werden schwere Zeiten kommen, und in den Gemeinden am Zekesch und im  Unterwald wird viel Blut fließen. Das traf dann auch um das Jahr 1600 ein…

(Claus Stephani, ,,Die Sonnenpferde“, Seite 149)

 

Der Schlangenbeschwörer

(eine Sage aus Großau/Cristian)

 

Am Großauer ,,Kallbärch“ (Kalleberg) liegen die gemeindeeigenen Weingärten, daneben, dem Wald ,,Schaichelt“ zu, erstreckt sich das Gelände, in dem sich zwei mit Rohr bewachsene Weiher befinden. Der eine Tümpel soll sehr tief sein. Mehrere Bauern, die hier im Heu waren, wollten einmal seine Tiefe mit dem Wiesbaum messen, aber sie fanden keinen Grund. Früher traute sich das Vieh an dieses versumpfte Wasserauge nicht heran, aus Angst, dass es darin versinken könnte.

In diesem unendlich tiefen Weiher lebten einst große Schlangen, welche im Weinberg arbeitenden Müttern die an der Hacke zurückgelassenen Säuglinge in den Sumpf entführten. Als immer mehr Kinder geraubt wurden, versanken die Großauer in Trauer. Ihr Leid sprach sich in ganz Siebenbürgen herum.

Ein heiliger Mann, der davon hörte, machte sich auf und kam in die Gemeinde, um an Ort und Stelle zu erfahren, was hier geschehe. Da er die genaue Anzahl der Schlangen wissen wollte, erkündigte er sich danach bei jedem Einwohner, der ihm begegnete. Er bekam stets die gleiche Antwort: Acht Schlangen lebten im Weiher. Wenn die Sonne heiß scheine, stiegen sie aus dem Teich und sonnten sich. An ihren silbrig-weiß glitzernden Bäuchen hätte man sie erkannt und nie mehr als acht gezählt.

Auf seine Anweisung hin bauten die Männer der Gemeinde in der Nähe des Moores einen Ziegelbrennofen. Darin entfachten sie mit Papier ein Feuer. Die Gemeindebewohner, die alle gekommen waren, um das Wunder, das geschehen sollte, zu sehen, standen in kurzer Entfernung davon. Doch glaubte keiner, dass das Papier, das im Ofen brannte und große Hitze ausstrahlte, die gefährlichen Schlangen aus dem Weiher herauszulocken vermöchte. ,,Die lassen sich ja nicht besprechen wie ein vernüftiger Mann!“ sagte der eine zum andern.

Da erscholl das Wort des Mannes. Wenn sich mehr als acht Schlangen dort aufhielten, teilte er den Leuten mit, würde es um ihn geschehen sein, denn er beschwöre nur ihrer acht. Dann begann er aus einem Gebetbuch zu lesen. Plötzlich erschienen aus dem Tümpel der Reihe nach, eine von der anderen denselben Abstand bewahrend, die acht Schlangen. Sie wanden sich an dem Mann vorbei, schlängelten sich zum glüheißen Ofen und verschwanden darin.

Als die letzte der Schlangen verbrannt war, hoben die Großauer ein Jubelschrei an. Sie bedankten sich bei ihrem Retter, dem sie

Gesundheit und ein langes Leben wünschten, damit er noch öfters gute Tagen vollbringen könne.

Aber schon im nächsten Augenblick verschlug es ihnen die Sprache. Im Sumpf erschien eine neue Schlange, die trug auf dem Kopf eine Krone. Sogleich umringten einige forsche Männer den weisen Mann, um ihn vor der Gefahr, die ihm drohte, zu schützen. Doch er wollte vor dem schrecklichen Unheil, das über ihn hereinbraach, nicht fliehen, auch dann nicht, als die ganze Gemeinde eine undurchdringliche Wand um ihn gebildet hatte.

,,Nein, das darf ich nicht tun!“ sprach er, als die Männer mit ihm davonlaufen wollten. ,,Das Gebot verlangt es so!“

Die Schlangenkönigin kam ruhig und gemächlich auf den Mann zu, hängte sich bei ihm ein und schritt gemeinsam mit ihm ins Feuer, wo sie beide verbrannten.

(Friedrich Schuster, ,,Der weisse Büffelstier“, Seiten 96-98)

 

Ein Alzner vor dem Sultan

(eine Sage aus Alzen/Altana)

 

Vor langer Zeit mußten die Alzner Sachsen dem türkischen Sultan jährlich einen Tribut zahlen. Mit dem eingesammelten Geld zog ein Mann aus der Gemeinde jedes Jahr, der Reihe nach, von Nachbar zu Nachbar. Oft kehrten die ausgezogenen Männer, die den langen und beschwerlichen Weg zum Sultan zu Fuß zurücklegen mußten, nicht mehr zurück.

In einem Jahr kam die Reihe an einen Mann, der vier Kinder hatte. Ehe er sich auf den weiten Weg machte, aß er noch einmal zu Abend mit seiner Familie. Frau und Kinder aber waren voller Trauer.

Nach vielen Tagen kam der Alzner wohlbehalten in der Türkei an. Er trat vor den Sultan und überreichte ihm das mitgebrachte Geld. Der Herrscher des türkischen Reiches stellte ihm dabei verschiedene Fragen, die der Mann befriedigend zu beantworten hatte. Der Alzner dachte bei sich: Werde ich auf die Fragen bejahende Antworten gegen, läßt der Sultan mir den Kopf abhauen, werde ich aber verneinend antworten, wird mir dasselbe Los zuteil. Also beantwortete er die Fragen so gut er konnte , indem er weder bejahende noch verneinende Antworten gab.

Als der Mann schon meinte, es sei um sein Leben geschehen, rief der Sultan einen Diener, dem er befahl, den Alzner abzufüren. Er wurde in eine Kammer gesteckt und daraus erst wieder hervorgeholt, als der Herrscher ihm weitere Fragen stellen wollte. Als er auch diesmal annehmbare Antworten gegeben hatte, wurde er, ohne etwas über sein weiteres Geschick zu erfahren, wieder in sein Zimmer gebracht.

Inzwischen war ein ganzes Jahr vergangen, dem Alzner hatte es in dieser Zeit an nichts gemangelt. Das Essen, das er bekam, war gut, und alles was er sonst brauchte, wurde ihm zur Verfügung gestellt.

Eines Tages wurde er wieder vor den Thron geladen. Diesmal teilte ihm der Sultan mit, dass er mit seinen Antworten zufrieden sei und ihn nun belohnen möchte. Er solle mit dem Diener in die Schatzkammer gehen und sich eines der drei Säcklein, die dort stünden, auswählen. In einem befinde sich Goldgeld, im zweiten Silbergeld, und im dritten Kupfergeld.

Der Sachse traute den Worten nicht recht, er vermeinte, dass ihm eine Falle gestellt wurde. Er überlegte: Wenn der Sultan ihn warscheinlich umbringen lassen werde, spiele es auch keine Rolle, welches der Säcklein er nehme. Sobald er in der Kammer war, griff er nach dem Gold. Der Sultan sprach: ,,Nimm dir das Säcklein und gehe damit nach Hause!“

Doch der Alzner glaubte noch immer nicht, dass der Türke ihn so einfach laufen lassen werde. Auf dem Weg zurück drehte er sich immer wieder um und lauschte, ob die Leute des Sultans ihn dennoch verfolgten, um ihm Leben und Geld zu nehmen. Ein ganzes Jahr brauchte er, bis er zuhause ankam.

Mit dem Geld baute sich der Mann ein großes Haus. Da die Gemeinde in jener Zeit nur aus kleinen Häusern bestand, war seines das größte und schönste. In der Alzener Kirchenburg besaß er, wie jede andere Familie auch, einen Raum, wo er Weizen und Feldfrüchte für schwere Belagerungszeiten aufbewahrte. Einmal brach in diesen Fruchtkammern Feuer aus. Als die Frau des Heimgekehrten davon hörte, kam sie angelaufen und rief verzweifelt: ,,Meine Knäuel, meine Garnknäueln verbrennen!“

Da ihre Vorratskammer, in der sie das Garn sichergestellt hatte, noch nicht vom Feuer verwüstet war, ergriff sie die Knäuel und trug sie eilig in ihrer Schürze weg. Niemand hatte bis dahin gewusst, dass im Innern dieser Garnknäuel Gold steckte.  Nachdem sich der Mann das Haus gebaut hatte, war ihm noch Geld übriggeblieben. Damit man es ihnen nicht stehle, hatte seine Frau Garn darauf gewickelt und dieses in die Burg getragen.

(Friedrich Schuster, ,,Der weiße Büffelstier“, Seiten 71-72)

 

Die tapfere Ursula

(eine Sage aus Agnetheln/Agnita)

 Die Türken hatten die Agnethelner Siedlung eingenommen. Außer einer Kürschnerfrau, die sich auf dem Feld verspätet hatte, waren alle Bewohner in die feste Kirchenburg geflüchtet. Während der Feind die Ortschaft plünderte, schlich sich die Frau in ihre Wohnung, wo sie sich sicherer wähnte als draußen auf dem offenen Gelände.

,,Was soll ich jetzt tun?“ fragte sie sich, als sie zuhause angekommen war. Die Möglichkeit, von den Türken entdeckt und gefangengenommen zu werden bestand nämlich auch hier.

Da griff sie nach einem zerlumpten Pelz aus der Werkstatt ihres Mannes, zog ihn über, hing sich eine große Kuhschelle an den Leib und verhüllte ihr Gesicht. Mit einer Karbatsche (Riemenpeitsche) in der Hand verliess sie danach das Haus. Knallend und schellend lief sie in dieser Aufmachung durch die Gassen. Als die Türken sie gewahrten, vermeinten sie, der Leibhaftige in Person käme auf sie zu. Sie erschracken und liefen davon.

Die Frau, die durch ihren närrischen Einfall die Türken vertrieben hatte, hieß Ursula.

Seither laufen alljährlich die Männer, wie einst das kühne Weib, vermummt und eine Peitsche in der Hand schwingend, durch die Agnethelner Gassen. In Anlehnung an ihren Namen nennen sich die Verkleideten Urzeln.

(Friedrich Schuster, ,,Der weisse Büffelstier“, Seite 146)

 

Der Hundertbüchler Riese

(eine Sage aus Hundertbücheln/Movile)

 

Auf dem Neustädter, Seligstädter und Hundertbüchler Hattert befinden sich hundert Hügel, nach denen die eine Ortschaft auch ihren Namen erhalten hat. Wie diese Bodenerhebungen, die verschiedenartig geformt sind, entstanden, erklären die Hundertbüchler auf folgende Art:

In alter Zeit wohnte in der Gegend ein Riese. Eines Tages entschloß er sich zum Bau einer Burg. In der großen Schürze, die er anhatte, trug er das Baumaterial zusammen. Nach einiger Zeit, in der er hart gearbeitet hatte, riß in seine Leinenschürze ein Loch ein und überall, wohin ein Klumpen mit Erde, Sand und Steinen fiel, entstand ein Büchel. Als der Mann den Riß bemerkte, erzürnte er so heftig über den Schaden, den er sich angetan hatte, daß er den Inhalt der Schürze ausleerte und den Burgbau aufgab.

Aus der Erdmasse, die er ausschüttete, entstand der hundertste Hügel, der Kirchenhügel. Darauf bauten die Hundertbüchler später ihre Kichenburg.

Ein sehr großer Hügel, den die Leute „Des Måtthes sen Häffel“ (Des Matthias sein Hügel) nennen, liegt auf Neustädter Gemarkung. Hierhin hatte der Riese das Baumaterial, das er dem Harbach entnahm, gebracht, um auf dem aufgehäuften Berg seine Riesenburg zu errichten.

Nach dem mißlungenen Versuch, sich hier eine Burg zu bauen, verließ der Riese für immer das Gebiet. Was außer den Hügeln noch an ihn erinnert, ist der große Hundertbüchler Menschenschlag. Die Alten beaupteten nämlich, daß die Bewohner der Gemeinde Abkömmlinge des Riesen seien.

(Friedrich Schuster „DER WEISSE BÜFFELSTIER“, Seiten 85-87)

 

Der Henndorfer Schatz

(eine Sage aus Henndorf/Bradeni)

 

Auf dem Henndorfer ,,Skrëibärch“ (Gräfenberg), im oberen Teil des Harbachtals, stand in alter Zeit ein Schloss, darin wohnte der Graf Kirr. Hinter dem Berg besaß der Edelmann einen großen Wald, den ,,Kirpesch“. Aus dem Grafenschloss führte ein unterirdischer Gang bis in die doppelt ummauerte, mit einem Brunnen versehene Wehrkirche der Gemeinde. Auf diesem Weg rettete sich der Graf, wenn die Tataren seinen Sitz stürmten.

Es wird erzählt, dass der Graf der Kirchengemeinde eine goldene Henne mit zwölf Kücken geschenkt habe, und dass von diesem Schatz der Name der Gemeinde herrühre. Während eines Tatarenüberfalls wurden diese Wertstücke vergraben, und später, trotz allen Suchens, nicht mehr gefunden.

Als vor Jahren ein sehr alter Mann im Sterben lag, offenbarte er das nur ihm bekannte Geheimnis: der Goldschatz liege an jener Stelle vergraben, wo der Schatten des Turmknopfes am Nachmittag hinfalle. Aber zu welcher Stunde, sagte er nicht mehr.

Vor weniger Zeit hat man einen Teil des unterirdischen Ganges gefunden. Inzwischen ist auch dieser Abschnitt eingestürzt. Oben auf dem etwa anderhalb Kilometer entfernten ,,Skrëibärch“ sind öfters Ziegeln von dem ehemaligen Schloss des Grafen entdeckt worden.

(Friedrich Schuster, ,,DER WEISSE BÜFFELSTIER“, Seite 101)

 

Pumpernickel

(eine Sage aus Bekokten/Barcut)

 

Eine arme Bekoktener Witwe wusste oft nicht, womit sie ihre fünf Kinder sättigen sollte. Eines Tages, als sie in arger Verlegenheit war, stahl sie Brot. Doch sie wurde gefasst und dem Ortsgericht übergeben, das sie zum Tode verurteilte. So streng waren in jener Zeit die Gesetze.

Die Frau bat um Gnade, man solle doch Nachsicht üben, da sie um ihrer Kinder Willen gestohlen habe, die am Verhungern gewesen seien. Der Richter hörte sie an und entschied, sie nur dann zu begnadigen, wenn sie den Gerichtsherrn eine so schwere Denkaufgabe zu stellen vermöge, das diese sie nicht lösen könnten.

Am festgesetzten Tag trat die arme Witwe mit schlurfenden Schritten in den Gerichtsaal; vor den Gerichtsherrn blieb sie stehen und sagte: ,,Auf Pumpernickel steh ich!“ Dann ging sie einige Schritte weiter und sprach: ,, Auf Pumpernickel geh ich!“ Nun begann sie zu hüpfen und rief: ,, Auf Pumpernickel hüpf ich!“ Dann fragte sie: ,,Ratet meine Herren, was kann es sein?“

Die Gerichtsherren sahen sich an, dachten lange nach, rätselten hin und her, doch auf die gestellte Frage konnten sie keine Antwort geben. Nun, sie solle endlich die Lösung sagen, forderte der Richter die findige Frau auf. Nur dann wolle sie die Lösung des Rätsels preisgeben, wenn man ihre Strafe auch tatsächlich erlasse, entgegnete sie, da sie den Gerichtsherrn nicht ganz vertraute. Als diese ihren Entscheid erneut bekräftigten, erzählte sie, dass sie sich aus dem Balg (?) ihres Hündchens mit Namen Pumpernickel Schuhe gemacht habe, in denen sie nun vor Gerichts getreten sei.

(Friedrich Schuster, ,,DER WEISSE BÜFFELSTIER“, Seiten 38-39)

 

Die irregegangenen Kinder

(eine Sage aus Scharosch/Saros pe Tirnave)

 Die Scharoscher von der Großen Kokel erzählen, dass der Rattenfänger von Hameln mit der ihm folgenden Kinderschar durch das Kokeltal gezogen sei. In jeder Gemeinde, in die der Spielmann kam, liefen ihm Kinder nach. Als er schon durch eine ganze Reihe von sächsischen Ortschaften gewandert war, kam er eines Tages in eine junge Siedlung, die am rechten Ufer der Großen Kokel lag. Hier führte er Jungen und Mädchen zum bewaldetem Berg ,,Mojerusch“, wo sich eine bis dahin nicht vorhandene Türe auftat, durch die der Mann samt den Kindern verschwand.  Aus der jungen sächsischen Siedlung, die der Rattenfänger zuletzt besucht hatte, lief ein kleines Mädchen mit, das seither nie wieder gesehen ward. Weil dieses Mädchen, und alle Kinder die dem Mann gefolgt waren, irregingen, erhielt die Gemeinde, bei der sie im Berg veschwunden waren, den Namen ,,Irrgang“ (rum.: Ernea?). Später starben hier die Sachsen aus, die Benennung der Ortschaft aber ist geblieben.

(Friedrich Schuster, ,,DER WEISSE BÜFFELSTIER“, Seite 95)

 

Der goldene Karrenpflug

(eine Sage aus Felmern/Felmer)

 In den Jahren, als die Sachsen noch in vereinzelten Höfen auf dem Felmerner und Woldorfer Hattert siedelten, errichteten sie eine Kirche, die den Namen ,,Måtheskirch“ (Mattiaskirche) erhielt. Später wurde der Bau mit einer Ringmauer versehen. Ob es die erste, oder gar die zweite Kirche war, die die Einsiedler gebaut hatten, ist nicht bekannt.

Zum Kirchenschatz der Mattiaskirche gehörte neben dem Altargerät auch ein kleiner, goldener Pflug mit Karre. Das kostbare Stück wurde in einem verborgenen Kellerraum aufbewahrt, der sich in einem hohen Hügel, unweit der Kirche befand. Den Schlüssel zum Kellergewölbe verwahrte der Burghüter. Den Mann aber ergriffen die Türken, als sie einmal in der Gegend brandschatzten, und verschleppten ihn in die Türkei, von wo er nicht mehr zurückkehrte. Mit ihm ging auch der Schlüssel verloren.

Nach den Türken wütete die Cholera, an der alle alten Siedler starben. Von den wenigen jungen Menschen, die am Leben geblieben waren, wusste keiner, wo sich der versteckte Keller befand.

Als die beiden Siedlungen zu geschlossenen großen Gemeinden gewachsen waren, wurde die Matthiaskirche, die auf dem hügligen Gelände zwischen den zwei Niederlassungen stand, von den Bewohnern beider Ortschaften besucht. Um das Jahr 1700, als Friede im Land herrschte, wurde die befestigte Kirche von einem Volk, das die Urgoßeltern Schomanyen nennten, gewaltsam abgetragen. Aus den Steinen, die weggeschafft wurden, baute der fremde Stamm die Repser Burg.

Der Hattert, auf dem sich der Kirchenbau einst befand, heißt heute noch ,,Måtheskirch“. Die Stelle, wo er stand, kann heute nicht mehr erkannt werden. Sie befindet sich in der Nähe des bewaldeten hohen Hügels, worin noch immer der goldene Karrenpflug liegen soll.

(Friedrich Schuster, ,,DER WEISSE BÜFFELSTIER“, Seiten 21-22)

 

Die Riesenschlange

(eine Sage aus Königsberg/Crihalma)

 Zwischen dem Galter und dem Königsberger Hattert erhebt sich das hohe ,,Kiarlyrëich“ (Königsberg). Hierher kam einmal König Matthias auf die Jagd. Bei einer Quelle mit kaltem Wasser hielt er an, um daraus zu trinken. Als er sich niederbeugte, schoß plötzlich eine Riesenschlange, die hier auf der Beute lauerte, auf ihn zu. Noch ehe sie den trinkenden König erreichte, hatte sie ein wachsamer Mann aus dem Jagdgefolge erspäht. Er sprang vom Pferd und stellte sich der Schlange in den Weg. In dem Kampf, der sich entfesselte, gelang es ihm, das Tier durch einen Schwerthieb inzwei zu hauen.

,,Ich habe Euer Majestät das Leben gerettet!“ sprach darauf der Mann zum König. Der hatte noch gar nicht wahrgenommen, was in der Zeit, während er Wasser trank, geschehen war.

Weil er ihn vor der Schlange behüttet hatte, beschenkte der König seinen Gefolgsmann mit all den Ortschaften, die dieser an einem Tag umreiten konnte. Der machte sich am anderen Tag schon auf,

überquerte den Alt und umritt bis zum Abend sieben Gemeinden. Beim Rakosch überschritt er wieder den Fluss, um sich dem am rechten Altufer liegenden Galter Hattert zuwenden zu können. Als er sich vor der Gemeinde befand, brach die Nacht herein, so dass sein Vorhaben, auch die Galter zu seinen Untertanen zu machen, misslang. Die Galter blieben sonach freie sächsische Bauern,  im Gegensatz zu den anderen Ortschaften, die leibeigen wurden.

Der Gefolgsmann des Königs wurde darauf zum Ritter geschlagen. Der Herrscher erlaubte ihm, in seinem Adelswappen die Schlange zu führen, als Erinnerung an seine Tat. Er war ein Vorfahre der Adelsfamilie Bethlen.

(Friedrich Schuster, ,,DER WEISSE BÜFFELSTIER“, Seite 18)

 

Der Rundstein im Alt

(eine Sage aus Galt/Ungra)

 Im Galter Altabschnitt liegt tief im Wasser ein großer, runder Stein, auf dem soll folgende Inschrift stehen: „Wenn ihr mich seht, dann müßt ihr weinen!“ Noch hat kein Mensch den Stein je aus dem Fluß herausragen sehen, doch in manchen dürren Jahren, wenn der Wasserstand sehr niedrig war, soll man ihn gleich unter dem Wasserspiegel erblikt haben. In jenen trockenen Jahren, wo auf Feldern und Äckern alles verdorrte, sollen – dem Sinn der Inschrift gemäß – die Menschen vor Hunger geweint haben.

Das letzte Jahr, wo man den Stein durch das trübe Altwasser gesehen hat, war 1946. Infolge der Trockenheit war der Wasserspiegel so tief gesunken, dass der Stein nur noch wenige Zentimeter unter dem Wasser lag.

(Friedrich Schuster „DER WEISSE BÜFFELSTIER“, Seite 83)

 

Die Sage von den Bienen, die einst ein Dorf retteten

(eine Sage aus Reps/Rupea)

 Es  geschah  vor vielen  Jahren  und zwar  zur Zeit  als  die  Tataren  unser  Land durchstreiften und alles eroberten und plünderten, was in ihrem Weg stand. Zu dieser Zeit trug sich in einem Dorf in der Nähe meines Heimatortes, Reps, ein lustiges Erlebnis zu.  Und  zwar  gab  es  im  Dorf  Schweischer  eine  kleine  Bäckerei,  wo  auch  ehrliche Bäckerlehrlinge ihre Lehre machten.

Zwei von den Lehrlingen mussten einmal früh am Morgen das Brot und andere  Backwaren austragen. Nach getaner Arbeit  sollten sie wieder  in  die  Backstube  zurückkehren,  aber  das  taten sie  nicht.  Wie  halt  die Jugendlichen so sind, gingen sie zur Kirchenburg, die mit einer großen Mauer umgeben war. Dort stiegen sie auf die Mauer und unterhielten sich. Als dann der Tag anbrachund das Land in dichten Nebel getaucht war, sahen sie einige dunkle Gestalten, die sichder Kirchenburg näherten. Erst nach einer Zeit sahen sie, dass das Feinde waren, die die Kirchenburg angreifen wollten.  In ihrem großen Schrecken wussten die Jungen nicht was sie tun sollten, sollten sie Alarm schlagen, da das ganze Volk noch schlief? DieZeit war zu kurz.  Da entdeckten sie unweit  einige Bienenkörbe, die voll  mit Bienen waren. In ihrer Verzweifung schleppten sie die Körbe herbei und warfen sie von  der Burgmauer auf die Feinde.

Die Bienen  verbreiteten sich und in ihrer Wut fielen sie über die Feinde her und zerstachen sie, so dass die Feinde die Flucht ergriffen und denOrt schnell verließen. In dieser großen Aufregung und in diesem großen Lärm wachten auch die Dorfbewohner auf und eilten zur Burgmauer. Sie staunten und lobten die zwei Bäckerlehrlinge,  die  mit  Hilfe  der  kleinen  Bienen  ihre  Kirchenburg  und  dieDorfbewohner gerettet hatten.

 

Der Büßer

 (eine Sage aus Keisd/Saschiz)

 Zwei junge Männer hatten dieselbe Frau gern. Beide waren aber verkommene Menschen und gerieten ihretwegen immer wieder in heftigen Streit. Um ihre Gunst zu erwerben, begannen sie eine frevelhafte Tat. Eines Tages wurden sie jedoch gefasst, vor den Richter gebracht und zum Tode verurteilt. Nun bat sich die Frau vom Ortsrichter einen Verurteilten aus. Weil sie gütig und fromm war und der Gemeinde viel Gutes getan hatte, gewährte er ihr die Bitte. Die verurteilten Männer, verlangte sie fernerhin, sollten sich aber den Galgen selbst errichten. Denjenigen aber, der als erstes damit fertig werde, den wollte sie heiraten. Von dieser Vereinbarung durften die beiden aber nichts erfahren.

Als die Männer nun an ihrem Galgen zimmerten, verzögerte der eine die Arbeit, während der andere das Tempo beschleunigte. Der eine versuchte dadurch den Zeitpunkt seiner Hinrichtung hinauszuschieben, der andere aber, der innerlich büßte, nahm die harte Strafe als gerecht hin. Diesen , den letzten, wählte sich folglich die Frau zu ihrem Gemahl.

Der andere Mann wurde gehängt. Einige Tage nach der Hinrichtung wurde der  Leichnam vom Seil abgeschnitten um begraben zu werden. Unter dem Galgen, wo er hinfiel, enstand ein tiefes Loch. Darüber erschracken die Leute mächtig. Seither gestatten es die Keisder nicht mehr, auf ihrem Galgenberg Menschen durch den Strang hinzurichten.

Die Stellen, an denen die Gehängten begraben worden sind, erkennt man auf dem Berg auch heute noch. Hier und da sprießen auf den überwachsenen Gräbern Gartenblumen.

(Friedrich Schuster, ,,Der weisse Büffelstier“, Seiten 19-20)

 

Das Riesenspielzeug

(eine Sage aus Noul sasesc)

 Ein  Riese, der so groß war, dass er von einem Berg auf den anderen schritt, hat vor langen Zeiten in der Neudorfer Umgebung gelebt. An einem Tag, als er den Fuß von ,,Hiönchbärch“ (Hiönchberg) auf das ,,Dadderrëich“ (Radder Hang) setzte, erblickte er im dazwischenliegenden Tal, im ,,Fulkessaifken“(Fulkesgraben), einen mit vier Rossen ackernden Bauern. Der Riese blieb stehen, sah sich die erschrockenen, winzigen Geschöpfe an, griff dann sanft nach ihnen und hob sie in seine Schürze. So trug er den Bauern, die Pflugschar und die davor gespannten Pferde in das Riesenschloss und brachte sie seinen Jungen. Als aber der Riesenjunge das ihm geschenkte neue Spielzeug herumzuschieben begann, wurde der Vater böse. ,,Die darfst du nicht misshandeln, von denen leben wir!” mahnte er den mutwilligen Sohn.  Nun hob er den Bauern und seine Rosse wieder in die Schürze und brachte sie zurück aufs Feld, wo er ihnen die Freiheit gab. Der Bauer machte sich auch gleich an die Arbeit und pflügte seinen Acker fertig. Wo das Riesenschloss sich befand, dass wusste der heimgekehrte Mann nachher nicht mehr. In seiner Angst hatte er sich den Weg und die Richtung, die der Riese eingeschlagen hatte, nicht gemerkt.

,,Än den Hillen“ (In den Hillen) auf dem ,,Hiuhen Rëich“ (Hohen Hang) befinden sich viele ,,Hunnengraiwer“ (Hünengräber) , die denen auf dem Kastenholzer und Gierelsauer Hattert ähnlich sind. Hier wurden vor uralten Zeiten Hünen, große, starke Menschen, begraben. Sie siedelten in der Gegend und starben alle, als eimal die Pest wütete. Andere Hünen kamen nach ihnen nicht mehr in das Gebiet.

(Friedrich Schuster, ,,Der weiße Büffelstier“, Seiten 84-85)

 

Der Törnener Kirchenturm

(eine Sage aus Törnen/Pauca)

 Einmal hat es auch in Törnen einen Kirchturm gegeben. Mit der Zeit ist darauf so viel Gras gewachsen, dass die Bauern sich schon fragten, was zu machen sei.

Einige sagten: ,,Wir steigen auf das Dach und mähen, da haben wir auch schönes Heu.“

Die anderen aber meinten: ,,Na, wie wollt ihr das machen, auf dem Dach kann man ja nicht mähen“.

Da kam eines Tages ein Fremder ins Dorf und sagte: ,,Zieht doch ein Büffeltier hinauf auf das Dach, damit es das Gras fressen kann“.

Nun haben sich die Törnener gefreut. Als sie aber das Büffelrind hochzogen, brach der Turm zusammen — die Mauern waren schon sehr alt und haben das Gewicht nicht ausgehalten.

(Claus Stephani, ,,Die Sonnenpferde“, Seite 39)

 

Ruhe im Froschteich

(eine Sage aus Gergeschdorf/Ungurei)

 In früheren Zeiten gab es im Bächlein, das durch Gergeschdorf fließt, viele Frösche. In warmen Sommernächten quackten sie bis spät in der Nacht; doch die Bauern störte das nicht, sie waren müde von der schweren Feldarbeit und hatten einen tiefen Schlaf.

Anders war es jedoch an den Sonntagen, wenn man das Froschkonzert sogar während des Gottesdienstes hörte, denn die Kirche stand damals schon dicht neben dem Bächlein. Da pflegte der Prediger zu sagen: ,,Die Frösche sind wohl auch Geschöpfe Gottes, aber wenn ich auf der Kanzel stehe, möchte ich sie, bei Gott, nicht mehr hören!’’

So hatte er eines Tages einen guten Einfall: Er stellte einen Zigeuner als Froschwächter an. Der musste nun jeden Sonntagvormittag, wenn die Sachsen in der Kirche waren, über die Frösche ,,wachen’’: quackten sie, so schlug er mit einer Fisolenstange (Bohnenstange) aufs Wasser und rief : ,,He, schweigt!”

Nun war, so sagt man, Ruhe im Froschteich.

(Claus Stephani, ,,Die Sonnenpferde“, Seite 28)

 

Die ,,Goldgrube“

(eine Sage aus Weingartskirchen/ Vingard)

  In der Nähe von den Weingartskirchen gibt es zwischen zwei Hügeln einen Graben, der im Volksmund ,,Goldgrube“ heißt. In alten Zeiten soll hier ein Grafenschloss gestanden haben.

Als die Türken einmal ins Land einfielen, musste auch der Graf mit seinem Gesinde in die nahen Wälder flüchten. Vorher jedoch vergrub er Schmuck und Goldstücke neben einer alten Eiche, die hinter seinem Schloss stand.

Die Türken brannten das Anwesen nieder, und auch von der Eiche blieb nichts mehr übrig. Der Graf hatte nun keine Zeit, den Schatz zu heben, und als er eines Tages starb, wusste niemand mehr davon.

Seither hat man schon öfters in der ,,Goldgrube“ nach jenem Schatz gesucht, doch fand man immer nur alte Tonscherben und Knochen.

Vor einigen Jahren begann man wieder zu graben, und diesmal hatte das ,,Golfieber“ die ganze Gemeinde erfasst: Den ganzen Tag über hackten und schaufelten Männer und Frauen an jener Stelle, wo man den Schatz vermutete.

Hier hatten nun zwei Spaßmacher einen Küchentopf vergraben, und in der Nacht stieß ein Bauer plötzlich auf den Topf und rief:, ,Hej, da ist was!“

Während die anderen hinzueilten, um den ,,Schatz“ zu sehen, erschienen plötzlich zwei weiße Gestalten und jagten den Leuten einen solchen Schreck ein, dass sie alles liegen ließen und davonliefen. Die beiden Spaßmacher hatten sich als ,,Gespenster“ verkleidet und so dem Schatzsuchen ein Ende bereitet.

(Claus Stephani, ,,Die Sonnenpferde“, Seite 82)