Werbung der Vergangenheit


Wie man heutzutage weis, geht nichts in der Wirtschaft ohne Werbung. Das wußten auch die Handwerker und Geschäftsleute im alten Mühlbach. Die beste Werbung wurde durch Mundpropaganda, aber auch auf Litfass – Säulen, so wie in der Lokalen Presse veröffentlicht. Mit der freundlichen Unterstützung von Herrn Otto Elekes, bin ich heute in der Lage, ihnen einige Werbeanzeigen aus dem Gemeindeblatt der Stadt Mühlbach 1925, zu zeigen.

Gemeindeblatt_16_08_1925_S4 - Kopie (2) Gemeindeblatt_16_08_1925_S4 - KopieWerbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_Bogenmeier_klein Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_F_Baumann Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_G_Fränk_klein Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_H_Hatzack_klein Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_Heitz-u-Gross_klein Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_J_Schmidt Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_Keller Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_Krauss Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_R_Breckner_klein Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_Schönhardt Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_Stoltz_klein Werbeanzeige_Gemeindeblatt_1925_Wellmann Werbeanzeige_Gemeindeblatt_F_Theutsch_1925_klein

  Aus der folgenden Bekanntmachung im Jahre 1932, und den oben zu sehenden Werbungen kann man ersehen das unsere Väter und Großväter tüchtige Leute waren, und die Stadt über ein Mannigfaltiges Angebot an Handwerkern und Geschäftsleuten verfügte. Diese waren bis weit über die Grenzen der Stadt bekannt und gefragt. Was ich ihnen heute zeigen durfte ist nur ein Teil des in Mühlbach angesiedelt gewesenen Gewerbes.

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Horst Theil

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Gerberei und Lederverarbeitung Gustav Dahinten.


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Gustav Dahinten jun.

(Gemälde öl von Karl Forek)

 

Ich möchte Ihnen in den Folgenden Zeilen eine bescheidene Schilderung vom Werdegang der Lederfabrik von Mühlbach in Siebenbürgen, die bei weitem nicht alle Einzelheiten enthält, aber als ein roter Faden gedacht ist der das wesentliche enthält. Diese Fabrik entwickelte sich im laufe der Jahrzehnte zu einem des größten Standorte der Lederverarbeitenden Industrie in ganz Rumänien.

 Die Geburtsstunde der allen Mühlbachern bekannten Lederfabrik begann im Jahre 1843 wie auch aus dem oberen Bild ersichtlich ist. Gründervater war Karl Dahinten. Der Standort war bedacht ausgewählt und zwar in der Altgasse (Saxonii vechi), gegenüber der bereits vorhandenen Gerberei Glaser, auf der rechten Seite der Strasse.

Der Vorteil war dass das Grundstück an den Mühlkanal grenzte, und daher das benötigte Wasser für die Gerberei vorhanden war. Es begann mit vier Arbeitern. Das Gerben wurde noch im „Lenzverfahren“ durchgeführt so wie es in Mühlbach üblich war. Am Anfang wurde nur Sohle hergestellt die zur Bundschuh- (Opintschen) Herstellung benötigt wurde. Die Gerberei entwickelte sich weiter und wurde von seinem Sohn Gustav übernommen. Der schickte seinen Sohn  auf die Schule nach Freiburg zum Studium, und gleichzeitig auch die neuen Verfahren im Gerberhandwerk erlernte. Nach dem Studium kehrte dieser im Jahre 1895 nach Mühlbach zurück. Er brachte viele Verbesserungen im Verfahren mit, er war es auch der den ersten Dampfkessel zur Erzeugung der Elektrizität, die für die Maschinen die er in Deutschland bestellt hatte nötig war. Das bedeutete man stieg auf das pflanzliche gerben um. Im Jahre 1906 wurden die ersten Elektrischen Antriebe montiert und man stieg auf das unter „Walze“ bekannte System um.

Der Vorteil war das jetzt der Gerbvorgang von 5 bis 8 Monaten auf 2 Wochen reduziert wurde.  Es nähert sich der erste Weltkrieg und die Anforderungen steigen rasant. Gegen ende des Krieges 1919 stieg die Belegschaft schon auf  70 Mitarbeiter.

Man baute einen zusätzlichen Gebäudeflügel an. Das Verfahren wurde erweitert und man spezialisierte sich auch auf das neue Verfahren auf mineralischer Basis (crom). Die Herstellung von Boxleder , Riedbox, Pferdeleder, Ziegenleder und Sportleder im System „Watterproof“. Im Jahre 1925 kam die technische Leitung der Gerberei unter Herrn Gustav Forek. Dieser als Chemieingenieur brachte viele technische Verbesserungen, Maschinen und Steigerung der Produktion so dass die Belegschaft von 70 auf 100 Mann anstieg. Eine Aus der Notwendigkeit  heraus gründete man 1940 eine Abteilung für Konfektionen (Schneiderei) und fertigte Ledermäntel, Lederjacken und des gleichen. Nach ende des Krieges 1945 wurde die Fabrik an einen rumänischen Staatsbürger Vasile Pala verpachtet der als Pächter bis 1948 fungierte dem Jahr wo alle Betriebe verstaatlicht wurden. Nach 1948 wurde die gewesene Gerberei Kohuth übernommen und Sportartikel hergestellt, des gleichen wurde das Gebäude der Firma Breitenstein am Holzplatz gelegen übernommen. Die Fabrik nannte sich jetzt „Simion Barnutiu“, in späteren Jahren „Caprioara“ zur Zeit ist der Betrieb geschlossen und im Insolvenzverfahren.

Dahinten Gustav

Inserat der Fa. Gustav Dahinten, Leder- und Lederwarenfabrik in Mühlbach/Sebeş – Alba, die

„Ober- und Galanterieleder sowie alle Arten Lederwaren“ erzeugt. (DZ, 4. März 1943, S.8)

Aus der Erinnerung des Herrn Dieter Forek (Enkel von Gustaf Dahinten) an Namen einiger Meister die in der Lederfabrik Dahinten vor der Nationalisierung tätig waren.

        Gerberei mit Wasserwerkstatt, Herr Preis Gustav.

        Lederabteilung und Färberei (Spritzerei) Herr Theil Michael

        Lederbearbeitung und Magazin  Herr Schemmel Albert und Herr Lenz Mathias.

        Taschnerei Herr Wollmann und Herr Schwindel.

        Konfektion Ledermäntel und Lederjacken Herr Petzel und Herr Bretz.

        Reparaturwerkstatt und Garage Herr Schmidt und als Fahrer Herr Schneider.

        Kesselhaus (Thermozentrale) Herr Albu.

        Pferde Fuhrpark Herr Getz

Aus meiner Erinnerung noch Namen von Mitbürgern die in der Lederfabrik gearbeitet haben:

        Herr Lingner

        Herr Hütter Wilhelm (Werksfeuerwehr)

        Herr Hütter Michael

        Herr Roth Walter

        Herr Maroscher Günther (Meister in der Taschnerei)

        Herr Schmidt Konrad

        Herr Foro Hans

–       Herr Barza Viktor

 Herr Gustav Dahinten, so wie die ganze Familie, waren sehr angesehen in Mühlbach und speziell von der Belegschaft und Angestellten der Fabrik. Dieses beruhte auf der Tatsache dass Sie immer ein hervorragendes Verhältnis gegenüber den Angestellten und Bürgern der Stadt pflegten.

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Weinachtsgeschenk der Firma an meinen Großvater Michael Theil 1932

„Seinem treuen Mitarbeiter Weinachten 1932“

Gezeichnet: Dr. Forek

(Damaliger Technischer Leiter der Lederfabrik)

Oma und Opa

Meine Großmutter Brunhilde Theil geb. Gestalter
und mein Großvater Michael Theil

1926

Nach dem Tot seines Sohnes Erwin im Jahre 1924, spendete er der Stadt und Kirchengemeinde Mühlbach eine Glocke, die bekannte „Erwinglocke“. Bei der Errichtung des  gemeinnützigen Salzbades, wurde die  Rohrleitung vom Salzbrunnen, rechts von der Strasse die nach Daia führt, bis zum Salzbad führ die Einspeisung von Salzhaltigem Wasser, auch von Gustav Dahinten gespendet.

Für die die nicht vertraut sind über das Handwerk des Gerbers, eine Zusammenstellung der Werkzeuge und deren Gebrauch.

Auszug aus: Lederpedia, Lederwiki und Lederlexikon

Gerberwerkzeuge

Als Gerberwerkzeuge können alle diejenigen Vorrichtungen gelten, die bei der Bearbeitung der Häute und Felle sämtliche durch die Hand des Gerbers damit ausgeführten Bewegungen unmittelbar auf das Werkstück übertragen. Diese manuelle Arbeit macht entweder eine Bewegung des Werkzeuges gegen das Leder erforderlich oder umgekehrt, das letztere wird gegen das Werkzeug geführt (Stollen auf dem Stollpfahl). Durch die Hand des Arbeiters wird diese Bewegung vermittelt und zugleich dem Werkzeuge, nach Maßgabe des zu erreichenden Zweckes, eine Führung erteilt, wobei die Geschicklichkeit des Gerbers eine große Rolle spielt. Besonders in letzterer Hinsicht unterscheidet sich das stets einfache Gerät, wie es ein Gerberwerkzeug ohne Ausnahme darstellt, von der Arbeitsmaschine, die meist so sinnreich konstruiert ist, daß die von ihr geleistete Arbeit nicht von der Geschicklichkeit ihrer Bedienung abhängig ist. Wenn auch heute durch den rapiden Übergang der Gerberei zur Großindustrie der Konsum in Gerberwerkzeugen sich wesentlich verringert hat, so sind solche, selbst in den größten Lederfabriken, in denen die Maschine fast ausschließlich zur Vorherrschaft gekommen ist, nicht ganz zu entbehren. Besonders in der Wasserwerkstatt haben die Werkzeuge des Gerbers noch teilweise ihren Platz behauptet. Außerdem gibt es im Gerbereibetrieb und besonders dort wo man Lederspezialitäten herstellt, mannigfaltige Arbeiten, zu deren Verrichtung es noch keine Maschinen gibt, und die nur mittels Werkzeugen von Hand verrichtet werden können. In diesem Falle bleibt das Werkzeug noch immer eine der wichtigsten Grundlagen des Betriebes. Wie bei den Gerbereimaschinen bringt jede Vervollkommnung der Werkzeuge eine Verbilligung der Herstellungskosten des fabrizierten Leders. Aus diesem Grunde werden heute an die Qualität der Gerberwerkzeuge von Seiten der Konsumenten die höchsten Anforderungen gestellt. Für jeden Gerbereibetrieb ist es von Vorteil, wenn sämtliche Schneide Werkzeuge, wie Scherdegen, Falze usw. aus Stahlsorten gleicher Art sind und das Nachschleifen einheitlich an einer Zentralstelle vorgenommen wird. In diesem Falle lässt sich das zeitraubende individuelle Schleifen seitens der Arbeiter vermeiden und schaltet diese einfache Wiederinstandsetzung abgenützter Werkzeuge jede Qualitätsverminderung aus und schützt den Lederfabrikanten vor Verlusten. Für sämtliche Schneidewerkzeuge hat sich der schwedische Stahl als besonders geeignet erwiesen, während man nur für Legestähle usw. russische Stahlsorten bevorzugt. Um eine gute Schneide zu erhalten, ist es eine Hauptbedingung, die Werkzeuge sauber und akkurat zu schleifen. Im Allgemeinen werden sie zuerst auf einem Schleifstein vor geschliffen, dann auf einem Abziehstein von mittlerem Korn weiter behandelt und schließlich auf einem feinen Abziehstein fertig abgezogen. Werkzeuge, deren Schneide umgelegt, resp. mit einem Faden oder Draht versehen wird, müssen zuerst so fein geschliffen sein, das keine Spur vom Korn des Sandsteines darauf zu sehen ist und die geschliffene Fläche ganz blank erscheint.

Gerberbaum, Scherbaum oder Schabbaum

Der Gerberbaum, Scherbaum oder Schabbaum führt seinen Namen davon, dass er früher aus einem gerundeten Baumstamm hergestellt wurde, der in geneigter Stellung mit einem Ende auf dem Boden aufstand, während er mit seinem anderen auf zwei Füßen ruhte. In neuerer Zeit haben sich in den Lederfabriken sowohl gusseiserne und schmiedeeiserne als auch aus Föhrenholz hergestellte und mit starkem Zink beschlagene Schabbäume, ferner solche aus Zementmischung angefertigte allgemein eingeführt und gut bewährt.

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Entfleischen am Gerberbaum

Schaben und Schabeisen

Ist bei der Lederfabrikation eine der Reinmacharbeiten, die an Stelle des Scherens und Entfleischens nur bei den dünneren Fellen, jedoch nicht bei den Großviehhäuten vorgenommen wird. So werden z. B. Kalbfelle, mit Ausnahme des Kopfes, den man spaltet, nur geschabt. Das Schaben der Felle von Hand geschieht wie das Entfleischen auf dem Schabbaum mit dem Schabeisen. Dieses Werkzeug besitzt eine bogenförmige Klinge, ähnlich dem Streckeisen. Es ist jedoch stärker als dieses und erhält innen eine scharf geschliffene Schneide. Beim Schaben fährt der Arbeiter mit dem schräg liegenden Messer über die Fleischseite des Felles und beseitigt auf diese Weise die Fleischteile und Adern von der Blöße. Stellen, die sich durch Schaben nicht reinemachen lassen, werden mit dem Scherdegen ausgeschoren.

Schaben oder Fleischen bei der Rauchwarenzurichtung

Das Schaben oder Fleischen bei der Rauchwarenzurichtung ist diejenige Arbeit, welche die größte Vorsicht von Seiten des Arbeiters erfordert, jedoch bei der entsprechenden Vorbereitung des Felles sehr leicht vonstatten geht. Gewöhnlich geschieht das Schaben indem der Arbeiter auf der sog. „Fleischbank“ sitzt. Diese besteht aus einer etwa 225 cm langen und 30 cm breiten Bank mit vier Füßen, die ungefähr in einem Drittel ihrer Länge, um so viel schmäler gehalten ist, dass der Arbeiter rittlings darauf sitzen kann. Vor ihm erhebt sich in einer Entfernung von etwa 15 cm vom Ende der Bank ein hölzerner oder eiserner Galgen (Stollenhalter), an dessen oberen Teil der sog. „Stollen“ eingeschraubt und hinten mittels einer Flügelschraube festgestellt wird. Der Stollen besteht aus einem etwa 65 cm langen Rundeisen, dar an seinem einen Ende die vorher erwähnte Schraube besitzt, am anderen jedoch gespalten und zu eines Öse ausgeweitet ist, welche dazu dient, das Fleischeisen aufzunehmen. Dieses Werkzeug bildet ein 12 bis 15 cm breites und etwa 60 cm langes Messer, das mit seiner Schneide etwas nach außen gebogen, oben in den Stollen, unten in der Bank festgekeilt oder verschraubt wird.

Kürschnerbank

Der Arbeiter sitzt beim Schaben der Felle direkt vor dem senkrecht stehenden Fleischeisen, hält das Fell zwischen den Stollenhalter und das Werkzeug, wobei er den Pelz am Pumpf mit der linken Hand fasst. Mit seiner Rechten greift er so weit nach oben, dass er imstande ist, kräftige Züge auszuführen. Letztere werden beim Schaben nur mit der rechten Hand geführt, wobei sich der Arbeiter, um Kraft zu erzielen, oft mit dem ganzen Körper hineinlegen muss. Die linke Hand dient nur zum Widerhalten. Der Zug wird von rechts nach links geführt und auf diese Weise die Fleischteile sowie das Fett abgeschabt.

Haar- oder Pöhleisen

Ist in der Fasson gleich dem Streicheisen und besitzt nur etwas schmälere Klinge.

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Enthaaren auf dem Gerberbaum

Scherdegen

ist mit einseitig schräg zugeschliffener Schneide versehen. Die Scherdegen befinden sich auch in doppelschneidiger Form auf dem Markt.

Schersense

An Stelle der Scherdegen benützt man auch die Schersensen

Glätteisen

dient wie das Streich- und Putzeisen zum Ausstreichen des Kalkes aus den Blößen sowie zur Beseitigung evtl. noch stehen gebliebener Grundhaare.

Putzmesser

Benützt man hauptsächlich bei der Sämischlederfabrikation zum Abstoßen des Narbens an den Blößen.

Falzbock

Die gebräuchlichste Konstruktion ist die in eine hölzerne Plattform etwas schräg eingelassene Holzbohle, an der ein verstellbares Brett befestigt ist. Dort ist ungefähr in der gleichen Höhe eine Diele aus Pockholz (Lignum sanctum) angebracht. Das Pockholz ist äußerst hart und zäh, so dass es von dem vom Hautrand abfallenden Falze nur sehr schwache Einschnitte empfängt. Das Leder wird über den Falzbock, mit der Fleischseite nach oben gelegt, so dass der zu bearbeitende Teil herabhängt. Der Arbeiter steht auf der Plattform, stützt sich mit dem Körper an das obere Ende des Falzbockes und hält so durch Andrücken das Leder fest, fasst mit beiden Händen den Falz, legt ihn vor dem abzunehmenden Teil so auf, dass die Platte mit dem zum Schnitte gelangenden Grate nach oben und mit dessen Schneide an dem Leder liegt und zieht mit gleichmäßigem kräftigen Druck beider Hände gegen das Leder abwärts, und zwar so weit er den Span abzuziehen wünscht. Auf diese Weise wird Span neben Span abgenommen, bis das Leder egalisiert ist. Hierbei rückt der Arbeiter nach Bedarf das Leder immer weiter und befühlt dasselbe, indem er zwischen den Fingern Falte nimmt, ob er genügend tiefe Späne abgefalzt hat.

Falze

Der Schraubenfalz, der zum Falzen aus der Lohe bestimmt ist, besteht aus einer Falzplatte, die mit den beiden Schienen ihres Werkzeughalters verschraubt ist.

Schraubenzieher für Schraubenfalze

Diese Vorrichtung dient dazu, die Schrauben des Falzes einzudrehen oder herauszulösen. Ihre Handhabung ist unter Falzen näher beschrieben.

Blanchiereisen

Das Blanchiereisen bildet ebenso wie das Falzeisen eine Platte aus feinstem Stahl, die in ein flaches Holzheft gesteckt wird. Das letztere ist aus zwei Teilen zusammengesetzt, die mittelst Schrauben zusammengefügt werden.

Pfalz- und Blanchierstähle

dienen zur Bildung des Fadens oder Drahtes bei den Falz- und Blanchiereisen. Beide Werkzeuge bestehen aus Feinpolierten Stahlstiften, die an ihren vorderen Enden konisch zulaufen und hinten in Holzheften befestigt sind.

Legestahl

Mittels des Legestahles wird die Schneide des Blanchiereisens ganz leicht umgelegt und zwar so zart, dass der Grat gewissermaßen die Fortsetzung der geschliffenen Schneide bildet.

Scherdegen – Streichstähle

Besitzen zwei raue Seiten zum Vorstreichen und zwei glatte Seiten zum Nachstreichen der Werkzeuge.

Crouponiermesser

sind starke Messer mit feststehender Klinge, deren Spitze eine sichelförmige Ausbildung zeigt. Dieselben können sowohl zum Crouponieren, als auch zum Schneiden sämtlicher starrer Unterledersorten Verwendung finden.

Abziehsteine

werden im Gerbereibetrieb in verschiedenen Steinarten und Körnungen zum Abziehen der Schneide Werkzeuge, Spaltmesser usw. benutzt. Sie bestehen entweder aus natürlichen Steinsorten, wie Schiefer, Sandstein oder sind Kunststeine („Rubinit“). Sie müssen eine starke Abziehkraft besitzen und den Stahl gut angreifen.

Stoßeisen, Recker oder Schlicker

Jedes dieser Werkzeuge kann aus Gussstahl, Messing oder harter Bronze, Schiefer, Kautschuk oder Glas bestehen. Die eine der Längsseiten ist flach oder leicht gewölbt abgeschliffen, fein gekantet und an den Ecken abgerundet. Auf der Entgegengesetzten Seite wird die Platte in ein Holzheft gesteckt.

Glättsteine

benützt man ebenso wie das Glätteisen zum Ausstreichen des Kalkes und des Schmutzes bei den aus der Beize kommenden Blößen. Der Glättstein wird beim Gebrauch in ein Holzheft oder in ein solches aus verzinktem Eisen gesteckt und mit diesem Halter entweder verschraubt oder wie bei anderen Ausführungen mittels eines eingetriebenen Keiles festgehalten.

Grubenzangen

können beim sog. „Grubenziehen“ der in Versenken oder Versätzen eingebrachten Häute verwendet werden.

Schlichtzangen

benützt man zum Festhalten der Leder beim Schlichten, indem man die im Mittel der Lasche sitzende runde Öse über die Holzstange schiebt und das mit dem Schlichtmond zu bearbeitende Fell zwischen die Backen der Zange einklemmt. Selbstverständlich müssen Schlichtzangen stets in mehreren Exemplaren zu diesem Zwecke vorhanden sein.

Spaltzangen

haben den Zweck, den aus der Bandmesserspaltmaschine austretenden Narbenspalt zu fassen und beim weiteren Herausziehen aus der Maschine festzuhalten. Die Backen dieses Werkzeuges müssen beim Spalten aus den Farben oder aus der Lohe entweder mit Metall belegt oder die Zange ganz aus diesem Material angefertigt sein.

Kalk- oder Ascherzangen

dienen zum Aufschlagen der Häute und Felle aus den Kalkäschern usw. Der größeren Dauerhaftigkeit wegen werden dieselben ganz aus Stahl angefertigt.

Unbenannt.png55Benutzung von langen Äscherzangen / Blößenzangen

Lederscheren

sind mit stählernen Schneidbacken ausgeführt und schneiden in dieser Form sowohl das dünnste als auch das dickste Leder mit der größten Leichtigkeit.

Hand Chagrinierapparat

Ein derartiges Werkzeug besteht in der Regel aus einem mit Handgriffen versehenen Halter aus Eisen mit Metalllagern, in den sich auswechselbare Narbenrollen einsetzen lassen. Auch verstellbare Hand – Chagrinierapparate befinden sich im Gebrauch, bei denen ein Lagerarm in dem Halter mittels Flügelmutter verstellbar gemacht ist. Zur Erhöhung des Druckes kann man diese Werkzeuge durch Auflegen von Bleigewichten beschweren.

Krispelhölzer

dienen als Arm- oder Handholz zum Aufkrausen des Narbens. Für schwere Leder benutzt man das Armkrispelholz, das bedeutend größere Abmessungen als das Handholz besitzt und auf seinem Rücken außer einem Polster einen festen Zapfen trägt, der als Handhabe dient. Das Armkrispelholz wird auch noch mit einem Riemen ausgestattet, der in vorstehender Abbildung nicht ersichtlich ist. An Stelle der ganz aus Holz angefertigten Werkzeuge befinden sich auch solche in Benutzung, bei denen die konvexe Arbeitsfläche mit einem starken Messingbelag versehen ist, in dem die Zähne eingeschnitten sind.

Pantoffelhölzer

sind zum sog. „Untersiechziehen“ der Leder bestimmt. Sie befinden sich zu diesem Zwecke mit Kork oder Gummi bezogen als Hand- und Armhölzer im Gebrauch.

Schlicht- und Stollmond

Der Schlichtmond bildet eine kreisrunde konkave Stahlscheibe, deren innere Öffnung entweder mit Leder ausgepolstert oder mit Messingblech eingefasst ist. Die Schneidseite des Schlichtmondes, d. h. dessen äußerer Rand ist entweder stumpf oder scharf geschliffen und im letzteren Falle mit einem abgerundeten „Draht“ versehen. Stollmonde versieht man mit einer angeschliffenen Fase und mit Nietlöchern. Werkzeuge und Utensilien wie Loh gabeln, Lohnetze, Bürsten, Besen, Eimer usw. haben an dieser Stelle keine Aufnahme gefunden, da deren Zweck auch ohne Erläuterung schon aus ihrem Namen hervorgeht.

Stollpfahl – Stollbock

Das Stollen des Leders stellt im Prinzip die gleiche Behandlung dar wie das Schlichten, nur wird hierbei nicht das Werkzeug über das fest gespannte Leder geführt, sondern umgekehrt das frei bewegliche Leder über den feststehenden Stollmond gezogen. Der Stollmond weist die gleiche Form auf wie der Schlichtmond und ist an einem senkrecht stehenden etwa 70 — 80 cm hohen Stollpfahl befestigt. Das Leder, welches zur leichteren Bearbeitung einen gewissen Feuchtigkeitsgrad aufweisen soll, wird über die scharfe Kante des Stollmondes gezogen, indem es waagerecht an das Werkzeug herangeführt und über die Kante möglichst scharf nach unten gezogen wird. Die Spannung während des Stollens wird durch beide Hände, mit denen das Leder gehalten wird, erreicht, bei festeren Ledersorten wird mit dem Knie nachgeholfen.

Der Handstollen :              

Das Handstollen wird im allgemeinen nur noch bei kleinflächigen sehr speziellen Lederarten, vorwiegend bei Handschuhleder Glacé vorgenommen, während größere Lederflächen auf den rascher arbeitenden Stollmaschinen behandelt werden

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Benutzung des Gerberhakens

Horst Theil

Quellen:

Ion Raica Sebesul 2002 , Herr Dieter Forek, Lederpedia, Lederwiki und Lederlexikon

Dank  an Herr Gerhard Wagner für die Mitwirkung.

Die Hann’sche Fassbinderdynastie. Schicksale in bewegten Zeiten


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Die Hann’sche Fassbinderdynastie

Schicksale in bewegten Zeiten

Die Geschichte der Familie Hann ist mit der Fassbinderei eng verbunden. Durch unermüdlichen Fleiß und Einsatz entstand über mehrere Generationen hinweg trotz harter Schicksalsschläge ein ansehnlicher Betrieb.

Wie urkundlich erwähnt, war Andreas Hann (geb. 1802) bereits vor fast 200 Jahren in Mühlbach als Fassbindermeister tätig. Er lebte im Elternhaus Ecke Quergasse/Neugasse in der „Durlacher Vorstadt“. Als er, ein stattlicher junger Mann, zum zwölfjährigen Militärdienst eingezogen werden sollte, was nur am Geburtsort stattfinden durfte, kam es zu einem besonderen Vorfall: Mehrfach war es ihm gelungen, sich vor den „Häschern“ geschickt zu verstecken. Als diese wieder einmal in Mühlbach auftauchten, hielt er sich in der Scheune des Elternhauses verborgen – er wurde jedoch verraten. Angeblich durften die Häscher keine Gewalt anwenden, und so umlagerten sie das Scheunentor in der Hoffnung, Hunger und Durst würden Andreas Hann zur Aufgabe zwingen. Doch es kam anders: Als die Häscher bei brütender Sommerhitze eingeschlafen waren, griff Andreas Hann einen Heubaum, kämpfte sich den Weg frei und flüchtete nach Petersdorf.

Dort arbeitete er weiter als Fassbinder. Sein Sohn, ebenfalls Andreas getauft, fiel jedoch schon als Kind unglücklich von einem Baum und zog sich dabei eine schwere Rückenverletzung zu, die ihn für den Rest seines Lebens bei der Arbeit behinderte. Seine Familie verarmte. Als einziges Kind wurde im Jahre 1866 in Petersdorf der Sohn Leonhard geboren – mit ihm beginnt ein neues Kapitel der Familiengeschichte.

Leonhard musste bereits als Kind zum Familienunterhalt beitragen. Er besuchte nur vier Dorfschulklassen, zeichnete sich aber als sehr guter Schüler aus. Bereits im zarten Alter von dreizehn Jahren erlernte er in Mühlbach das Fassbinderhandwerk. Nach dreijähriger Lehrzeit versuchte er, sich in Tirgu-Mures und Budapest als Geselle weiterzubilden. Die Hilferufe der Eltern zwangen ihn jedoch, die Wanderzeit abzubrechen. Er kehrte zurück und gründete in Petersdorf eine eigene Fassbinderei. Dank fleißiger Arbeit ging es relativ rasch bergauf: Schon 1886 stellte er seinen Eltern ein selbstgefertigtes, mit Wein gefülltes 50 l Fass unter den Weihnachtsbaum, größere Fässer folgten. Er beschränkte sich jedoch nicht auf die Fassbinderei, sondern wirkte auch sehr aktiv in Kirche und Gemeinderat mit. Dabei setzte er sich entscheidend für den Bau des Gemeindehauses in Petersdorf ein.

1896 heiratete er die elf Jahre jüngere Hermine Janda, Tochter des aus Österreich stammenden Werkführers der Papierfabrik Petersdorf. Sechs Kinder entstammen dieser Ehe. Um ihnen eine bessere Schulausbildung zu ermöglichen und wegen der Notwendigkeit den Betrieb zu vergrößern, wurden Familiensitz und Werkstatt nach Mühlbach in das neu erworbene Haus in der Äußeren Sikulorumgasse 67 verlegt (Bild 2). Aus Liebe zum Heimatort erhielt jedoch ein Seitengebäude ein Türmchen, von dem aus Petersdorf zumindest mit dem Blick erreichbar war.

 porträt Hann  Haus hann

Bild 1: Leonhard Hann                                         Bild 2: Haus Äussere Sikulorumgasse 67

Der Erwerb des Eckhauses Äußere Sikulorumgasse 71 mit der Gaststätte „Blaue Kugel“ ermöglichte im Jahre 1921, das Geschäft um einen Weingroßhandel zu erweitern (Bild 3 und 4).

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Bild 3: Haus Äußere Sikulorumgsse 71               Bild 4: Flaschenetikett aus dem Weinhandel

Nach dem Willen des Vaters sollte die Fassbindertradition vom ältesten Sohn Leonhard weitergeführt werden. Dieser verstarb jedoch 1920, und so musste der jüngste Sohn Rudolf die Aufgabe übernehmen. Er erlernte das  anspruchsvolle Handwerk von 1921-1923 im väterlichen Betrieb, unter strenger Aufsicht des Vaters und den praktischen Anleitungen von Bert Mezarosch, der treuen Seele des Betriebes. Die für Siebenbürger traditionellen Lehr- und Wanderjahre führten Rudolf für zwei Jahre nach Österreich und Deutschland. Zurückgekehrt versuchte er, die in Deutschland erworbenen Fachkennt-nisse in moderner maschineller Holzverarbeitung in den Betrieb einzubringen.

Nach der Heirat mit Gertrud Andree, Tochter des Johann Andree, ebenfalls Fassbinder-meister und Gaststättenbesitzer („Zur Eisenbahn“ in der Bahnhofstrasse), verließ Rudolf im Jahre 1932 die väterliche Firma. Im Betrieb des Schwiegervaters fertigt er 1936 sein erstes großes Walkfass (21.000 l) für die damalige Gerberei Gustav Dahinten. Nach dem Tod des Vaters 1937 übernahm Rudolf die väterliche Fassbinderei und Weingroßhandlung. In neu errichteten Werkshallen, mit aus Deutschland importierten Spezialgeräten, wurde der Betrieb auf maschinelle Holzverarbeitung umgestellt.

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Bild 5

Nun konnten auch Großfässer von 3-4 m Durchmesser und bis zu 4 m Höhe gefertigt werden, wie sie für die Weinverarbeitung, Essigherstellung und für chemische Fabriken (z.B. Fa. Fronius in Hermannstadt) benötigt wurden. Im Betrieb waren zeitweise bis zu zwölf Facharbeiter beschäftigt, Lehrlinge eingeschlossen. Sie kamen vorwiegend aus umliegenden Dörfern wie Petersdorf und Kelling (Bilder 5+6+7).

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Bilder 6 und Bild 7

Der Einmarsch der Sowjetarmee 1944 hatte einschneidende Folgen. Obwohl wegen der Basedowschen Krankheit frisch operiert, wurde Rudolf im Januar 1945 zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt, aus gesundheitlichen Gründen jedoch schon nach elf Monaten wieder entlassen. In dieser schwierigen Zeit wird der Betrieb von Ehefrau Gertrud, mit viel Umsicht, Geschick und Fleiß, erfolgreich weitergeführt.

Im Betrieb wurde 1948 noch ein großes Walkfass für die Lederfabrik gefertigt, ein weiters 145.000 l großes Weinfass wurde beschlagnahmt und in der Karlsburger Festung gelagert.

Mitte 1950 enteignete der rumänische Staat das Eckhaus Sikulorumgasse 71 (umbenannt in Str. Lenin) einschließlich des verbliebenen großen Weinvorrats im Keller. Die jüngste Tochter Else Fabritius und ihre beiden Söhne Dietmar und Gert, mußten  das Haus räumen, um einer rumänischen Grundschule Platz zu machen. Zum Jahresende wurde dann auch der restliche Betrieb verstaatlicht. Dies bedeutete das Ende der siebenbürgischen Firmengeschichte „Hanndogar“. Rudolf blieb bis zu seiner Pensio-nierung 1975 als technischer Leiter in seinem ehemaligen Betrieb angestellt.

Von den Kindern (drei Söhne und eine Tochter) erlernte keines den Fassbinderberuf. Im sehr liebevoll geprägten Elternhaus wurde größter Wert auf eine gründliche Schulbildung gelegt – Bildung sei das Einzige, was nicht genommen oder enteignet werden könne, unterstrich der Vater immer wieder. Als Eltern hielten er und Gertrud die in den Wirren der Zeit mannigfachen Schwierigkeiten und Probleme nach Möglichkeit von den Kindern fern, so dass diese eine weitgehend unbeschwerte und glückliche Jugend verbringen konnten.

1967 verließ der jüngste Sohn Karlheinz die Heimat in Richtung Bundesrepuplik Deutschland. 1973 folgten die drei Geschwister Rudi, Hansgeorg und Karin mit ihren Familien. 1976 entschieden sich auch die Eltern, schweren Herzens, das Land ebenfalls zu verlassen (Bild 8).

Eine private Sammlung aus 197 alten Handwerksgeräten und Bauernutensilien aus den Jahren 1786-1891, die schon Leonhard Hann angelegt und Rudolf weitergeführt hatte (Bilder 9, 10 und 11), wurde von ihm, im Zuge der Umsiedlung, dem Stadtmuseum Mühlbach übergeben – leider mit der für Rumänien in jener Zeit häufigen Folge, dass die Ausstellungsobjekte heute großenteils nicht mehr auffindbar sind.

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                                                                          Fotos 9, 10 und 11:  Ausschnitte aus dem Museum

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Foto 12.

 Rudolf Hann vor der Ausreise 1976,  mit dem  alten Firmenschild  

Für das zur Verfügung gestellte Material danke an Herr Gerhard Wagner!

Der Hanfanbau


Der Hanfanbau

 

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Obwohl der Hanfanbau nur einen winzigen Teil der Wirtschaft darstellte möchte ich ihn in diese Kategorie einstufen.

Da das anbauen von Hanf auch der Vergangenheit angehört möchte ich Ihnen in diesem Beitrag einiges über dieses gewesene Agrarprodukt in Erinnerung bringen.

Der Hanfanbau wurde seit Ältesten Zeiten in Siebenbürgen betrieben. In Mühlbach wurde er vorwiegend in der Zeckesch – Aue angepflanzt. Das primäre Anbaugebiet in Siebenbürgen waren die Auen des Mieresch, der großen und der kleinen Kockel, wo das Klima milder und feuchter war.

In Mühlbach wurde der Hanf auch gerne als Begrenzung der einzelnen Felder genutzt.

Ich erinnere mich, dass an den heißen Augusttagen die Häuserfronten in der Altgasse voll mit Bündeln von Hanfstängeln waren.

Diese wurden von den Besitzern hier hin zum trocknen aufgestellt.

Der Hanf wurde nach dem Ernten in Bündel gebunden. Danach musste man ihn zum „Bleichen“ c.a. 2 bis 3 Wochen im Wasser halten, um den Pflanzenanteil, außer der eigentlichen Hanffaser verrotten zu lassen. Dieses erreichten unsere Bauern, indem sie den Hanf an seichten Stellen in den Zeckesch legten. Dieser wurde dann mit Aststangen und mit Steinen beschwert und so am Grund des Wassers gehalten. In dieser Zeit konnte man die Fische im Gewässer mit der Hand fangen, da diese benommen waren. Das kam von den Giften die sich aus den Hanfpflanzen im Wasser lösten.

Nach dem der Hanf aus dem Wasser geholt wurde, stellte man ihn zum besagten trocknen. Anschließend wurde er im Hof gebrochen um danach in der Hanfkrämerei alle restlichen Pflanzenreste aus der Faser zu kämmen. Nach diesem Vorgang konnte man den Hanf spinnen und weben. Gesponnen und gewebt wurde von den Bäuerinnen in Handarbeit daheim. Es wurden grobe Handtücher, Säcke, Überzüge für Strohsäcke und dergleichen aus Hanf gefertigt. Einen Teil davon trugen die Bauern zum Seiler um einige neue Seile machen zu lassen.

Im Anschluss einige Bilder aus dem Hanfanbau:

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Beitrag geschrieben und zusammengestellt von: Horst Theil

Bilderquelle: Wildfind.com

 

 

Rotgerberei Glaser


Der Gewerbebetrieb der Rotgerberei Josef Glaser, Mühlbach

                        ( Aufgezeichnet von Erich Glaser, 01.07.1966 )

 

 

Ob mein Urgroßvater, Johann Glaser, der Begründer war, oder irgendein Vorfahre, ist mir unbekannt. Tatsache ist, dass er das stattliche Haus in der Altgasse baute und es als Wohnhaus und zu einem Gewerbebetrieb ausstattete.

Es liegt gegenüber der ehemaligen Lederfabrik Gustav Dahinten und gehört heute der Familie

Schoppelt.

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Genannter Urgroßvater gehörte zur Einwanderergruppe die 1748/49 aus Baden – Durlach (Deutschland) zu dem Zwecke gerufen worden war, um in der verödeten Altgasse deutsches

Leben aufzufrischen.

Mein Großvater starb 79-jährig als ich  20 Jahre alt war, so dass die Kenntnisse der  Verhältnisse, die ich im Nachfolgenden schildere, authentisch sind.

Der erste Betrieb war recht bescheiden und wickelte sich im Keller und Parterre des Hauses ab. Dort hatte Josef Glaser, geb.1822, seine Lehrzeit verbracht und zog dann als Geselle zu Fuß in die Fremde, um die erworbenen Fachkenntnisse zu erweitern.

Sein Weg führte ihn zunächst nach Oberungarn und dann weiter bis Triest an der Adria.

Nach Mühlbach etwa 1846 heimgekehrt, war er bestrebt, sein Wissen zu verwerten.

Im Interesse des Betriebes trachtete er an fließendes Wasser heran zu kommen und so war der

Mühlbachkanal an der Haupt- und Reichsstraße sowie das Eckhaus in der Griechengasse für seine Pläne wie geschaffen.

Haus Glaser

Mühlkanal

Hier wohnten levantinische Händler, Griechen, Mazedonier, die Salz- und Trockenfische sowie Kolonialwaren aus dem Orient feilboten und hiesige Gewerbeprodukte aller Art ins Türkische Reich exportierten

Der Handel war im Abstieg begriffen und so gelang es meinem Großvater, das Haus des

Falcoianu an der Ecke, neben dem Bach, mit dem Erlös des verkauften Hauses in der Altgasse günstig zu erwerben.

Darauf ließ er von zwei Hermannstädter Zimmerleuten 1855 den großen Schopfen in zwei Etagen bauen. Das Fundament an der Nordseite aus Stein und Ziegel, den Rest aus

Holz, oft in Balkenlage dreifach übereinander, für das Gewerbe und auch für Materialien aller Art, mit einem Fassungsraum von etlichen Waggon Rohäuten, Knoppern, gemahlener Eichenrinde sowie Zubehör. Ebenso für Abfälle wie Haare, Hörner, Leimleder, die an andere Gewerbebetriebe weitergegeben wurden.

Die Bauart des Schopfens, von den Meistern Texter und Dietrich aus Hermannstadt, verdient volles Lob! Das Gefüge wurde nur von Zwacken und Nägeln aus Hartholz zusammen gehalten. Dessen ungeachtet war es nach 100 Jahren, als ich den Schopfen im Jahre 1954 an Nicolae Masca verkaufte, noch ganz in Ordnung (er wurde von mir zwecks Umbau in ein Wohnhaus und einen Färbereibetrieb für 16.000 Lei Inflationsgeld verkauft).

Der Käufer starb 1960 und heute dient diese erste Anlage der nach und nach erweiterten

Gerberei als Wohnung.

Der Weitblick des jungen Handwerkers war bewunderungswürdig. Die große Zunft der

Sächsischen Tschismenmacher sah er als Grundlage für den Absatz von Oberleder und Sohle an.

Da Schleuderarbeit in den Zünften streng verpönt war, hielt Großvater viel darauf, nur Ware

erster Güte herzustellen, wodurch er sich in kurzer Zeit den besten Ruf erwarb.

Sein zweitwichtigstes Erzeugnis bildete das Sohlenleder für Bundschuhe, die damals  von der

rumänischen Bevölkerung allgemein getragen wurden.

Die hohe Qualität seiner Erzeugnisse war so bekannt, dass heute noch alte Gebirgsbauern

erzählen, die Glaserischen Opintschen seien fast unverwüstlich gewesen.

Der Grund lag in dem langen Herstellungsverfahren, bzw. dem lang dauernden Bad in der

Tanninlauge.

Die ausgebreiteten Ochsenhäute wurden in Tannenholzgruben gelegt, nachdem sie vorher einige Zeit mit Lohbrühe (zerstampfte Eichenrinde wurde in einem großen Kupferkessel, in

welchem 6 Mann sicher Platz gefunden hätten, in kochendem Wasser ausgelaugt) durchgewalkt und dann je nach Jahreszeit fünf bis acht Monate in Knoppermehl mit einmal aufgekochtem Wasser überbrüht worden waren. Dadurch wurden vom Tanningehalt

75 % auf das Leder übertragen.

Das Verfahren war somit langwierig und erforderte viel menschliche Kraft sowie den Einsatz  kostspieliger Anlagen.

Um das Jahr 1885 wurde der Betrieb vergrößert, wofür eine zweite Geldanleihe nötig war.

Die erste Anleihe um 1872 in der Höhe von 1000 Golddukaten, bei einer 5% Verzinsung in Gold, war bei dem Hermannstädter Kaufmann Friedrich Baumann getätigt worden.

Damit war das baufällige Haus des Falcoianu abgerissen- und in der heutigen Form erbaut worden, mit einem Stockwerk und im Parterre mit einem ansehnlichen Verkaufsladen.

Dem Laden kam zustatten, dass er an der Reichsstraße Kronstadt – Hermannstadt – Mühlbach, mit Verbindung zu Arad und Klausenburg, lag. Außerhalb der Stadtmauern befindlich, wurde deshalb an Wochenmärkten in den Räumlichkeiten einer Rasierstube, neben den Fleisch- Bänken gelegen, zusätzlich noch ein Verkaufsstand eingerichtet.

Die neue Anleihe, gleichfalls bei Friedrich Baumann vorgenommen, war kleiner und in der damaligen Landeswährung, Gulden abgeschlossen worden.

Mit dem Geld wurde das damals noch freistehende Stadtgelände rings um das Eckhaus angekauft und das heute dort stehende Haus als Wohnung für die Tochter, verheiratete

Zoltner, vorgesehen (der Schwiegersohn Wilhelm Zoltner war an der Lederhandlung mitbeteiligt). Die große Wohnung im Eckhaus wurde für den einzigen Sohn, ebenfalls Josef, frei.

Ferner wurde das ganze Grundstück mit einer soliden, 2 m hohen Mauer umgeben, auf welchem nun auch die großen Räume für die Herstellung von Oberleder geschaffen werden konnten.

Als Besonderheit befand sich da eine 4 x 1.5 m große Marmortafel, die für die Lederfertigung

benötigt wurde und die erst 1927, nach dem frühen Tod des erst  42-jährigen dritten Sohnes von  Josef Glaser junior, Arnold, an die aufstrebende Lederfabrik Gustav Dahinten überging ( (vermerkt im Kassabuch II. v. Josef Glaser, 1909, Seite 72,  Hausbuch 1928: 1000 Lei  Preis –

Angabe, d.h. kaum 20% vom Wert).

Beide Anleihen bei Friedrich Baumann sind im Jahre 1900 samt Zinsen rückerstattet worden.

Bei Tilgung des Restbetrags nahm mich mein Vater zum Geldverleiher mit, der mir in seiner vornehmen Einfachheit einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hat.

Zur Hälfte war das Gelingen des Unternehmens diesem Mann zuzuschreiben, der Vertrauen in den Fleiß und die Tatkraft meines Großvaters hatte, was gerechtfertigt war.

Man hatte nunmehr Zutritt zum Wasser des Mühlkanals, der unter anderem der Erlen-Mühle, der doppelseitig betriebenen, großen evangelischen Kirchenmühle und weiter unten auch noch der städtischen Mühle, sowie zu geringerem Teil der Stampfmühle für Lohrinde der Gerberei Dahinten diente.

Unterhalb der Brücke befand sich der Werkplatz für die zweitgrößte Gerberei der Stadt.

Oberhalb der Kirchenmühle erhielt Josef Glaser sen. das fast unentgeltliche Nutzrecht

eines Teiles vom Bachufer als Werkplatz, für die Anlegung eines Brunnens und eines

unterirdischen Abflusskanals aus der Gerberei, der heute noch besteht.

Aus den Magazinen des früheren Hausbesitzers wurden Arbeitsräume für die Gerberei eingerichtet, und der Betrieb begann hier in einem viel größeren Umfang als in der Altgasse.

Neben den Gewerberäumlichkeiten war im Erdgeschoss des neuen Hauses ein großes Verkaufslokal für Lederhandel geschaffen- und vom Schwiegersohn Wilhelm Zoltner, von Beruf Glas- und Porzellankaufmann, mit viel Umsicht geführt worden (wie bereits berichtet).

Hier gab es Schuster- und Kürschnerzubehör und auch Bundschuhe für die Bevölkerung vom Lande.

Das Geschäft wurde in dieser Form bis 1878 geführt, als Josef Glaser jun. aus seiner Lehr- und Übungspraxis heimkehrte (zuletzt war er in einem großen Import- und Speditionshaus in Trier tätig). Der junge Glaser übernahm die Lederhandlung, während der Schwager Zoltner

ins neu gebaute Haus zog, wo er den geräumige Keller für Weinhandel nutzte. Aus dem Ledereibetrieb war er ausgetreten.

Josef Glaser jun. heiratete 1878 die Tochter des Hermannstädter Kaufmanns Samuel Stengel, der auf dem Großen Ring als Vorgänger der späteren Firma Weindel, bzw. bis 1888, ein Galanterie- und Kinderspielwarengeschäft betrieb. Der Ehe entsprossen drei Söhne, von denen zwei im väterlichen Betrieb ihre Ausbildung erhielten, während ich, der Schreiber

dieser Zeilen, nach dem Besuch des Untergymnasiums in Mühlbach auf die Handelsakademie in Graz geschickt wurde, die damals höchststehende Fachschule für kaufmännische

Beamtenberuf in Banken, Gesellschaften und Fabriken.

Der Lederbetrieb gedieh zusehends und beschäftigte:

1      Zurichter für Oberleder (ein Ungar)

6-8  Gerber (2 Deutsche, Rest Ungarn)

2      Lehrlinge (Deutsche)

4      ungelernte Arbeiter (2 Deutsche, 2 Rumänen)

1-3  Hilfskräfte

In der Lederhandlung arbeiteten:

1-2  Kommis

1      Lehrling

Zusammen ergab das eine Zahl von 16 – 21 Beschäftigten.

Leiter des Gerbereibetriebs war Josef Glaser senior von 1854 – 1901 (d.h. 47 Jahre lang) bis zu seinem Tode im 79. Lebensjahr.

In der Lederhandlung war dessen Sohn, Josef Glaser junior, von 1878 – 1914 (d.h. 35 Jahre lang) Betriebsleiter. Von 1915 bis 1934 lebte er dann als Privatier.

Parallel zum Gerbereibetrieb gedieh im Unternehmen Glaser auch ein loser Weinhandel, was darauf zurückzuführen ist, dass die Winzer des Unterwaldes oft gezwungen waren, im Herbst den Most abzustoßen, um sich für den Winter einzudecken, oder sonstigen Verpflichtungen

nachzukommen.

Der Most wurde in den eigenen Kellern vergoren und ein Jahr darauf  entweder als Schnittwein nach Wien exportiert, oder Kommissionsweise zu mäßigen Preisen, aber mit sicherem Gewinn veräußert.

Hinsichtlich der Güte der Glaserischen Erzeugnisse wurde mir oft und manchmal sogar zufällig besonderes Lob ausgesprochen.

So machte ich 1905 in Bukarest die Bekanntschaft eines gleichaltrigen jungen  Mannes

namens Sapatino. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn eines griechischen Gerbers in Bukarest war, der im Zwischenhandel Rindlederhäute für Stiefel des Herstellers Ludwig Miess in Kronstadt kaufte, wobei er stets dann den ganzen Posten übernahm, wenn die Häute den Stempel trugen: „Josef Glaser, Rotgerberei, Mühlbach/Siebenbürgen“.

Er hatte Kunden, die auf diese Erzeugnisse besonders großen Wert legten.

Bei Ausflügen in die Mühlbacher Berge waren es dann wiederum die Gebirgsbauern von Sugag bis Poiana und darüber hinaus bis nach Jinrod und Tilisca, die sich immer wieder lobend über die Dauerhaftigkeit der Glaserischen Opintschen aussprachen. Nun konnte ich verstehen, warum mein Großvater und mein Vater den ganzen Tag unermüdlich hinter ihren Leuten standen und jeden einzelnen Handgriff in der Produktion persönlich überwachten. Nur so konnten sie sich für die hohe Qualität ihrer Produkte verbürgen.

Der Großvater besaß darüber hinaus auch volkswirtschaftlichen Sinn, den er für sein Geschäft Vorteil bringend zu nutzen verstand.

Mühlbach war ursprünglich eine rein sächsische Stadt und keine Person einer anderen Nationalität durfte sich in der Innenstadt ansiedeln.

Zur Bearbeitung des Grundbesitzes wurden aber in zunehmendem Maße Rumänen aus den

umliegenden Dörfern herangezogen, die in der Vorstadt angesiedelt wurden.

Bei deren Kinderreichtum nahm die rumänische Bevölkerung rasch zu. Dieser Entwicklung Rechnung tragend, erweiterte der Großvater umgehend die Herstellung von Bundschuhen.

Wie aus der Statistik hervorgeht, lebten im Jahr 1740 in Mühlbach 2000 Sachsen und nur 901 Rumänen, im Jahre 1885 neben 1700 Sachsen aber schon 2050 Rumänen, die dann bis 1900 insgesamt eine Zahl von 4600 Seelen erreichten.

Die Jahrhundertwende sah die größte Blütezeit unseres Betriebes, die bis zum Ersten Weltkrieg bzw. bis 1914 anhielt.

Eine Übervorteilung oder Ausbeutung des Konsumenten konnte in jener Zeit nicht stattfinden, denn die Konkurrenz sorgte für angemessene Preise.

Jahrelang blieben diese stabil, genau so wie die Löhne und sonstigen Dienstleistungen.

Die Preise der Lebensmittel regelten sich durch Angebot und Nachfrage.

Die Inventare meines Vaters über das Vermögen der Familie sind sehr aufschlussreich, da sie nicht nur ein Bild über das ständige Wachstum desselben vermitteln, sondern auch Rückschlüsse über die anstrengende Arbeit, die geleistet werden musste, zulassen.

Von den Einrichtungsgegenständen der Gerberei werden genannt:

1 Lohmühle für Eichenrinde

1 Handkarrenwalze

1 Gerbfass mit Handbetrieb

3 Holzgefäße auf der Werkbrücke für Rindshäute(ca.3m Durchmesser)

4-6 alte Weinfässer, für die zweite Auslaugung des Tannins im Wasser

6 hölzerne Gerbfässer für Kalbleder, handbetrieben

6 große Hohlböcke

4 kleinere Holzfässer (Bottiche) zum Kalken der Häute (für Enthaaren und Schwellen)

14 mit Holz ausgekleidete Betonziehlöcher, wo die Häute zweimal täglich in Gerblauge

gewendet werden mussten.

2 große und 2 kleine Erdgruben mit Zement ausgelegt für Knoppergerbung,

1 Marmortisch, 5 hölzerne Arbeitstische für Oberleder,

7 große Arbeitsräume im Parterre beider Häuser(Griechengasse Nr. 6 und 8) sowie die Dachböden und Schopfen in der heutigen 23.August-Straße mit einem größeren Schuppen für Lohrinde.

Ebenfalls da befand sich die Wagenremise für die Kalesche und den Frachtwagen für Fahrten zu den Wochenmärkten in Winz, Karlsburg, Tövis, Sascior, Reussmarkt und Hermannstadt.

Diese besuchte mein Vater persönlich, begleitet von einem Komis und es wurden oft Geld-

einnahmen von je 1000 Gulden und mehr erzielt.

Ferner gab es auf dem Anwesen noch den Stall für zwei Pferde, die repräsentativ waren und

für gewöhnlich in der Umgebung von Reps gekauft wurden.

Als Kutscher und Betreuer der Pferde hielt sich Familie Glaser fast 30 Jahre lang den Mühlbacher Rumänen Petre Olteanu. Er war ein stattlicher Mann, der den Militärdienst bei den Husaren abgeleistet hatte und seine Ehre daran setzte, Pferde, Riemenzeug, Equipage und nicht zuletzt sich selber in Glanz  zu präsentieren, wenn Ausfahrten vorgenommen wurden.

Er war den Kindern besonders zugetan und die ganze Familie hat seinen frühen Tod aufrichtig bedauert.

Da Großvater Jahrzehnte lang auch das Amt des Kirchenvaters bekleidete, gab es öfters die Gelegenheit, neue eingestellte Pfarrer mit der Kutsche abzuholen oder Professoren, die auf dem Lande zu Pfarrern bestellt wurden, an ihren Bestimmungsort zu begleiten. Dabei hatte der Kutscher die Gelegenheit, sich in bestem Licht zu zeigen.

Bezüglich des Personalstandes erwähnte ich bereits, dass insgesamt 21 Arbeiter in der Gerberei und Lederhandlung beschäftigt wurden, von denen acht Gerber den Grundstock bildeten, als wichtigste Mitarbeiter. Bereits in jungen Jahren angestellt, heirateten und blieben sie  meistens bis ins Alter dem Betrieb treu. Doch auch beim übrigen Personal kamen nur selten Wechsel vor.

Der älteste Gerber, ein Ungar, trug einen langen Patriarchenbart und war gewiss 25 Jahre bei uns angestellt. Im fortgeschrittenen Alter verrichtete er dann allerdings nur leichtere Arbeiten.

Selbst den 50-jährigen Anti hielt Großvater bei der Stange, obwohl er mehr im Straßengraben lag als der Arbeit nachzugehen und wiederholte Male gekündigt hatte!

Mehrere der Arbeiter bauten sich eigene Häuser.

Noch aus der Zeit der Zünfte her war es üblich, dass die unverheirateten Gesellen vom Meister verpflegt wurden und das geschah auch bei Großvater bis etwa 1883, dann blieb nur

noch  der alltägliche Zuschuss von je 1 Liter Wein pro Person. Man war damals der Meinung,

dass die starke Beanspruchung der Arbeitskraft nur durch Wein regeneriert werden könne.

Als ich noch Quartaner war, oblag mir die Zuteilung der 16 Literflaschen, so lange bis diese Gabe mit Geld abgelöst wurde.

Die ungelernten Arbeiter erhielten ein Monatsgehalt von 22 Gulden  und fanden damit ihr

Auskommen. Sie waren in der Lage, sich anständig zu kleiden und auch für den Winter ein Schwein zu mästen.

Bei der Beerdigung meines Großvaters 1901 warf der älteste Geselle auf seinen Sarg einen gegerbten  Lederschurz. So wollte es der Brauch.

Als mein Bruder Emil 72-jährig, 1951 starb und im selben Grabe beigesetzt wurde, fand sich der Lederschurz unversehrt vor.

Im Jahre 1918 zog sich Josef Glaser vom Geschäft zurück und übergab die Gerberei  an seinen jüngsten Sohn, Arnold, gegen Miete der ganzen Einrichtung und Überlassung eines gewissen Betriebskapitals.

Es stellt sich nun die Frage, wie ein so erfolgreiches Unternehmen zugrunde gehen konnte?

Arnold hatte nur zwei Klassen des Untergymnasiums besucht, war dann Lehrling in der

Gerberei und zog später zur theoretischen Ausbildung auf die einzige Fachschule für Gerbereiwesen nach  Freiburg in Sachsen.

Wahrscheinlich genügte sein Grundwissen nicht, denn er erwarb keine nachhaltigen Fachkenntnisse. Auch seine praktischen Erfahrungen in oberungarischen Lederfabriken er-

weckten bei ihm keinen besonderen Willen zu Tatkraft. Heimgekehrt dachte er leider nicht daran, den Betrieb umzugestalten und zu modernisieren. Die Verhältnisse hatten sich geändert  und die einstigen Erzeugnisse seines Großvaters waren nicht mehr gefragt.

Der erste Weltkrieg 1914 -1918 hatte den Bundschuh als Fußbekleidung der rumänischen Bevölkerung ausgeschaltet. Einige Zeit konnten sich die Tschismenmacher noch durch Anfertigung von Schnürschuhen (Bokantschen) behaupten, bis sich dann die österreichische Großindustrie auch dieser Produkte bemächtigte.

Die Gerbereien, die sich den neuen Verhältnissen nicht anpassten, wurden lahm gelegt und diejenigen, die sich umzustellen vermochten, erzeugten feinere und bessere Ledersorten. Sie änderten die Verfahrensweisen und stellten Militär- und Sportschuhe her.

Bei Arnold Glaser war folglich der Zusammenbruch des Betriebs vorauszusehen und nur der

unbescholtene Name Glaser verhalf ihm zu einigen Bankkrediten und gewährte ihm einem kleinen Zeitaufschub.

Damals schon zeichnete sich am Horizont die herannahende Wirtschaftskrise von 1930 –1934 ab, und wer ein Darlehen angenommen hatte, war bei einer Verzinsung von 35% nicht mehr

in der Lage, sich zu retten. Jede Kalkulation war unmöglich.

Als 1927 der tragische Tod Arnold Glasers erfolgte (Ansteckung mit Scharlach von seinem kleinen Sohn), mussten sehr hohe Schulden gedeckt werden.

Dieses war nur durch den Verkauf des Zoltnerschen Hauses, welches Arnold erworben hatte,

möglich. Es wurde vom Notar Cismasiu um 700.000 Lei erstanden.

Nach Abdeckung aller Bankverpflichtungen blieb dann zwar noch ein Betrag von 200.000 Lei

übrig, doch hatte der Vater Arnolds nicht mehr die Kraft, aus den Ruinen neues Leben zu erwecken.

Das Unternehmen Glaser wurde daher liquidiert und nur die Lederhandlung(ohne eigenes Leder) konnte noch bis ca. zwei Jahre nach dem Tode des Inhabers, Emil Glaser, gehalten werden.

Mühlbach, 01. Juli 1966

Gezeichnet:

Erich Glaser, geb. 1881, Rentner seit 1958, nach 17

Dienstjahren als Direktor der Kaffee-Surrogatfabrik

Heinrich Franck & Söhne, Linz, Filiale Bukarest

Für das zur Verfügung gestellte Material danke an Herr Gerhard Wagner!

Bilder: FB. Gruppe Mühlbach – Sebes

Tischlerei Teutsch


Der erste Standort des Handwerkbetriebes war am Kleinen Platz im Hof des Wohnhauses und im Erdgeschoss eines Turmes der alten Befestigungsanlage Mühlbachs (Turm neben dem westlichen Burgtor). Andreas Heitz erwähnt in seiner Schrift von 1905 „Alt-Mühlbach“  dass „Friedrich Teutsch die Überreste eines viereckigen mächtigen Turmes in letzter Zeit in eine friedliche Werkstatt verwandelt hat“. Anfang des 20. Jahrhunderts werden unter Bürgermeister Schöpp  eine Reihe größerer öffentlicher Bauten fertiggestellt: neues Rathaus, Kaserne, Salzbad, Spital, Post, Turnhalle. Von dieser ausgeprägten Stadtentwicklung hat sicherlich auch die Tischlerei Teutsch mit Schwerpunkt Fenster- und Türenbau, wirtschaftliche Vorteile ggehabt, so dass die anfangs kleine Werkstatt durch einen Anbau erweitert  werden konnte. Die Inbetriebnahme des Elektrizitätswerks 1906 ermöglichte die Verwendung  neuer, stromgetriebener Maschinen.

Der plötzliche Tod des  Gründers Friedrich Teutsch war die erste Zänsur in der Geschichte des Betriebes. Der erst 20-jährige Sohn Fritz Teutsch konnte rasch die Gewerbeschule in München (Meister) beenden und eine Weiterbildung in Stettin abschließen. – dann musste er die Leitung der Werkstatt übernehmen. Ihm zur Seite stand sein Schwager Oskar Heitz für kaufmännische Themen. Die Tischlerei hieß nun „Friedrich Teutsch´s Erben“  und neue Ideen waren notwendig um die folgende schwierige Zeit  zu  überstehen. Fritz Teutsch hatte dank seiner im Ausland erworbenen Kenntnisse die Möglichkeit die Fertigung  hochwertiger Möbel  zu beginnen und die Idee eines Baustoffhandels begann sich zu konkretisieren. In der Postgasse (heute Dorin-Pavel-Str.) wurden einige Gärten entlang der Stadtmauer erworben, hier neue Betriebs-  und Lagerräume für Kalk, Zement, Bauholz, Ziegeln usw. geschaffen.

Werbeanzeige_Gemeindeblatt_F_Theutsch_1925_kleinWerbeanzeige im Gemeindeblatt 1925

1926 war es soweit, die Tischlerei konnte umziehen, der Holz- und Baustoffhandel eröffnen. In einem Lageplan von 1926 ist nur ein einziges Gebäude eingezeichnet, also muss der Umzug etwas später erfolgt sein.

Die günstige Lage brachte viele Kunden aus den Dörfern des gesamten Mühlbachtals. Am Kleinen Platz blieb nur das neu gegründete Bestattungsunternehmen „Concordia“. Letzteres konnte  außer Särgen alles für eine Beerdigung Notwendige anbieten, mit eigenem Leichenwagen, schwarzen Zugpferden, Ausstattung des Sterbehauses usw.

Zu dieser Zeit umfasste der Betrieb außer den Inhabern ca. 10 Mitarbeiter, dazu sporadisch unqualifizierte Tagelöhner für Transporte, Lagerarbeiten usw. Die Gesamtfläche des Standorts Postgasse betrug 2300 qm, davon ca. 1100 qm belegt mit Betriebsräumen. Die wichtigsten Konkurrenten in Mühlbach waren damals  Karl Leibli am Holzplatz, Breitenstein in der Quergasse sowie ein rumänisches Unternehmen.

Die gute Geschäftslage in den 30-er Jahren setzte sich auch Anfang der 40-er fort.  Oskar Heitz starb 1941 und Fritz Teutsch musste den Betrieb allein weiterführen. Trotz der Kriegswirren war er optimistisch und plante für die Zukunft. Neue Großaufträge der rumänischen Armee verhinderten seine  Einberufung zum Militärdienst. Die neue Maschinenhalle war gerade fertig und die Maschinen in Betrieb genommen da begann der Anfang vom Ende. Fritz Teutsch wurde nach dem 23. August verhaftet, ins Lager nach Tg. Jiu verschleppt und anschließend im Rahmen der „Wiederaufbau-Aktion“ wie zigtausende Landsleute  im Januar 1945 in die Sowjetunion deportiert. Die Möbelfertigung wurde eingestellt, die Familie hielt sich durch Verkauf der Restbestände über Wasser.

Nach knapp vier Jahren schwerster Arbeit im Swerdlowsker Goldbergwerk und unsäglicher Entbehrungen kam er im Juni 1948 gesundheitlich angeschlagen nachhause.   Gerade rechtzeitig um die Enteignung seines Betriebes zu erleben und das Übergabeprotokoll an den rumänischen Staat zu unterschreiben. Die Maschinen wurden für einen Betrieb aus Abrud beschlagnahmt.

Was nun? Die Familie mit drei Kindern musste ernährt werden. Nach der Enteignung des Betriebes in der Postgasse blieb Fritz Teutsch nur die Möglichkeit als Selbstständiger, ohne Angestellte, das Bestattungsunternehmen in verkleinerter Form, in den ursprünglichen Räumen am Kleinen Platz, weiterzuführen. Schikanen der Securitate, immer höhere Steuern und die ständigen Probleme bei der Materialbeschaffung zermürbten ihn – er „durfte“ 1962 mit seinem Werkzeug in die ortsansässige „Intreprinderea de Industrie Locala Sebes“  als einfacher Arbeiter eintreten und zuerst in den eigenen Räumen mit einem Kollegen Särge fertigen. Später wurde die Sargfertigung in die Postgasse in den enteigneten Betrieb verlagert. Das war nun das endgültige Aus der „Tischlerei Teutsch“.

In Anerkennung seiner Ausbildung in Stettin erhielt Fritz Teutsch 1968 den Posten des Qualitätsleiters, ein Jahr später wurde er Fertigungsleiter, 1971 konnte er in den verdienten Ruhestand.

Heute wächst Unkraut im Hof des Baustoffhandels, das Bürohaus ist verfallen, die Lagerhallen und Fertigungsräume werden von diversen Firmen sporadisch benutzt. In der alten Maschinenhalle war zeitweise eine Ölpresse.

Dietmar Teutsch

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Alte Maschinenhalle ca. 1938

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Montagehalle ca.1938

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 Hof ca. 1938

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Das Haus heute!

Für das zur Verfügung gestellte Material danken wir Herr Gerhard Wagner!

Mühlbachs Wirtschaft (bis zum II. Weltkrieg)


Der folgende Text, geringfügig redigiert, stammt aus dem Büchlein „Mühlbachs Wirtschaft in der Vergangenheit und Gegenwart“, von 1931. Druck: Honterus Buchdruckerei zu Hermannstadt.

Das Büchlein hat uns Herr Dieter Schiel, aus der Hinterlassenschaft seines Großvaters, Prof. Alfred Möckel, zur Verfügung gestellt.

 Einleitend heißt es:                                                                                                                                                       „Die Arbeit ist als Gruß des Mühlbacher Deutschen Handelsgremiums an die auswärtigen Teilnehmer der Mühlbacher Tagung der siebenbürgisch-deutschen Handelsgremien gedacht.

Es handelt sich um einen ersten Versuch der Darstellung unseres Wirtschaftsgebietes, dem sich natürlich allerlei Hemmungen und Schwierigkeiten entgegenstellen. Wenn es indes gelingt, einen allgemeinen Eindruck von der wirtschaftlichen Bedeutung und den wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses schönen, von der Natur reich gesegneten Erdenwickels zu geben ist der hauptsächliche Zweck des Schriftchens erreicht.

Mühlbach, im Juni 1931“

Schweren Schrittes sind die Jahrhunderte über unsere Städte dahingegangen. Politische Verhältnisse, aber auch die Fortschritte der Technik haben an ihrem inneren und äußeren Antlitz manche Züge wesentlich verändert. Eines jedoch hat sich nicht geändert: noch immer bilden Handel und Gewerbe – in dieses die Industrie einbegriffen – das wirtschaftliche Rückgrat unserer Stadt.

Vor Jahrhunderten waren die Sachsen freilich die einzigen in Siebenbürgen, die sich mit Gewerbe und Handel beschäftigten. Die übrigen Völker dieses Landes mussten dem Adel landwirtschaftlichen Frondienst leisten. Die Angehörigen des Adels hinwieder achteten die

„ Künste des Friedens“ als seiner unwürdig und pflegten nur des Weidwerks und Kriegerischer Tugenden. So entwickelte sich der sächsische Handel, und in seinem Kielwasser das Gewerbe, in ganz großem Maßstab. Bodenerzeugnisse wie Getreide, Salz, Wein, aber auch Vieh, Fische, Honig, Wachs, und die Früchte sächsischen Gewerbefleißes: Tücher, fertige Kleider, Gürtel, Schuhe, Bogen, gegerbte Ziegen-, Kalb-, Fuchs-, und Marderfelle führten sächsische Kaufleute schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts auf die Märkte des Altreichs, nach Dalmatien, Venedig, nach Großwardein, Ofenpest, Krakau; ja über Wien hinaus nach Prag, und weiterhin nach Deutschland gehen ihre Handelsreisen. Aus dem 16. Jahrhundert wissen wir, das ein sächsischer Kaufmann manchmal Waren im Wert von 3000 bis 4000 Gulden mit sich führt.

Es ist nicht nur für die Bedeutung des sächsischen Handels, sondern auch für die geistliche Höhenlage seiner Jünger bezeichnend, das sächsische Kaufleute es waren, die um 1529 einige Schriften Luthers von der Leipziger Messe in die Heimat brachten und dadurch den Anstoß zur Reformation des Sachsenlandes gaben, die in ihrer Auswirkung auch in wirtschaftlicher Hinsicht die Befreiung von mancher Fessel des römischen kanonischen Rechtes mit sich führte.

Andere Einflüsse verschiedenster Art freilich hatten einen Wechsel und Wandel der wirtschaftlichen Kraft und Bedeutung der Sachsen zur Folge.

Schon zu Begin des 17. Jahrhunderts hatte der Sächsische Handel seine Bedeutung für den internationalen Markt für immer verloren.

Von dem Umfang und der Bedeutung des sächsischen Handels und Gewerbes im Mühlbach des 14. und 15. Jahrhunderts spricht beredter als vergilbte Papiere: „ Der Wunderbau des Mühlbacher Kirchenchores“. Nur eine wirtschaftlich starke Gemeinschaft konnte ein so gewaltiges Bauwerk in Angriff nehmen.

Tatsächlich nennt die Zunftregulation von 1376 Mühlbach an der 3. Stelle unter den Sachsenstädten, und die Silbermark Mühlbacher Gewichts hat Geltung bei all den Handelsbeziehungen, die Mühlbachs Kaufleute hauptsächlich mit der Walachei verknüpften.

Auf der alten Handelstraße, die das Mühlbachtal aufwärts über das Gebirge in die Gefilde der alten rumänischen Fürstentümer führte, schafften sie ihre Waren hinüber und kehrten mit reichem Erlös heim. Der gute Ruf, den die Mühlbacher Kaufleute in der Walachei genossen, fand bei der Belagerung der Stadt durch die Türken seine Bestätigung:

1438 das Miereschtahl aufwärts ziehend kam das Türkenheer alles verwüstend auch vor Mühlbach und berannte die „genugsamvolkreich“, aber schwach beschützte Stadt. In  dem Heere der Türken kämpfte auch der Woiwode der Walachei Dracul mit seinen Scharen. Er hatte die Bürger der Stadt aus freundschaftlichem Handelsverkehr kennen und schäzen gelernt, und nun dauerten sie ihn angesichts ihres sicheren Unterganges. Den Kaufleuten zuliebe erwirkte er der gesamten Bürgerschaft, sofern sie sich ergeben wollte, freien Abzug mit der Aussicht auf baldige Heimkehr.

Wohl kehren die Bürger nach mehr denn Jahresfrist zurück, wohl setzen sie immer wieder zu neuem Ausgreifen an, aber immer wieder versetzt das unerbittliche Schicksal dem armen Mühlbach alle möglichen Schläge; Kriegerhorden mit Raub, Mord, Plünderung und Pestilenz stampfen darauf herum.

Noch1584 hebt der Jesuit Antonio Possevino Mühlbach als Umschlagplatz für das aus dem Miereschtal geförderte Salz hervor. Gleichzeitig machte er dafür, dass das Gotteshaus unvollendet geblieben, die Reformation verantwortlich und sagt, wie groß doch die Gottesfurcht des Volkes damals gewesen war, als noch der katholische Glaube die Herzen regierte und den prachtvollen Kirchenbau aufführte. Tatsächlich ist der unvollendet gebliebene Bau der sprechende Zeuge dafür, das es den Bürgern dieser Stadt nicht mehr möglich geworden ist, den großzügigen Plan ihrer glücklichen Vorfahren des 14. Jahrhunderts zum Abschluss zu bringen.

Gewerbe und Handel gingen immer mehr zurück, der sächsische Kaufmann wird im 17. Jahrhundert vom griechischen zurückgedrängt.

Erst die „Durlacher“ Einwanderungen des 18. Jahrhundert und die im 19. Jahrhundert hauptsächlich von Stefan Ludwig Roth wieder in den Vordergrund gerückten wirtschaftlichen Ziele bringen neuen Aufschwung in Handel und Gewerbe dieser Stadt, kräftig gefördert und gestützt von dem 1868 gegründeten Mühlbacher Vorschußverein. Wie Geschichte und Sage zu berichten wissen, hat es natürlich auch an Unterlassungen und Fehlern wirtschaftspolitischer Art nicht gefehlt. Hierher gehört die Tatsache, dass der Winzer Bahnhof nicht in Mühlbach steht, angeblich weil die Stadtväter eine Verpestung der Luft durch den Kohlenrauch der Eisenbahnen befürchteten. Auch für die Erbauung einer Infanteriekaserne waren sie nicht zu haben, aus unangebrachten Sparsamkeits-und Sittlichkeitsbedenken heraus. Dass die Papierfabrik in Petersdorf und nicht in Mühlbach errichtet wurde, ist auch auf ähnliche Ungeschicklichkeiten zurückzuführen

Die ins Größere weisende Wirtschaftentwicklung der ersten Jahrzehnte des XX. Jahrhunderts, hat für den Handel und Wandel Mühlbachs veränderte Verhältnisse geschaffen;

Sie bieten in ihren wichtigsten Teilen folgendes Bild:

Die Landwirtschaft ist und bleibt natürlich das Rückgrat des Wirtschaftskörpers auch in dieser Gegend. Am 2.- 4. Oktober 1909 wird in Mühlbach die Hauptversammlung des Siebenbürgischen Sächsischen Landwirtschaft-Vereins abgehalten. Da wurde über die Fruchtbarkeit und Ertragsfähigkeit der Anbaugebiete gesprochen. Die Bodenbeschaffenheit der Anbaugebiete ist, im Osten das Rehoer Feld mit sandigem Lehmboden, das im Süden gelegene Johannisfeld ist bergig, aber in seiner größten Hälfte humusreich für Halmfrüchte geeigneter Ackerboden. Die Teile gegen den Roten Berg und Oardaer Berg, ehemals

mit Eichen bewachsen, sind teils üppiger Waldboden, teils Lehm oder Sandboden. Das im Westen gelegene Piener Feld und Winzer Feld sind sozusagen schwerer, tiefgründiger in 3 Terrassen gelagerter Tonboden, sehr geeignet für Weizenbau.

Was die Fruchtbarkeit und Ertragsfähichkeit der einzelnen Gebiete betrifft, hängt diese von der Verschiedenartigkeit des Bodens und von dem Witterungsausgang ab, zum Beispiel habe man beim Mais einen Körnerertrag bis 14 Meterzentner / Joch erzielt. In nassen Jahren geben die bergigen Felder bessere Ernten, weil das Wasser besser abfliesen kann, aber bis 14 Meterzentnern / Joch Körnerfrüchte auch in schlechteren Jahren.

Der Mühlbacher Hattert ist vor mehr als 20 Jahren kommassiert worden. Die meisten Deutschen Grundbesitzer haben die Bearbeitung ihres Bodens selbst in die Hand genommen. Die neu geschaffenen Zwergwirtschaften bedeuten in dieser Hinsicht sogar einen Rückschritt.

Es werden in System – Wirtschaft aber auch systemlos Getreide, Futterpflanzen und Hackfrüchte angebaut. Moderne landwirtschaftliche Maschinen haben nur die größeren Grundbesitzer. Leider wird der Boden nicht tief genug bearbeitet, und auch die Düngung ist ungenügend.

Die notwendigen Feldarbeiten können zeitgerecht vorgenommen werden. Die Arbeitslöhne sind im Durchschnitt für Männer 1,8 Kronen und für Frauen 1,4 Kronen.

So wie auch in anderen Ortschaften, werden auch in Mühlbach die nach Deckung des eigenen Hausbedarfs verbleibende Bodenerzeugnisse auf dem Wochenmarkt zum Kauf angeboten. Hornvieh und Schweine werden in verschiedenen Rassen gezüchtet und finden bei guten Preisen leichten Absatz. Dasselbe gilt auch für die Milch.

Für eine dem Stande der damaligen Wissenschaft entsprechende Viehzucht fehlen die Organisationen: Herdbuchverein, Milchverwertungsgenossenschaften usw. Der im Jahre 1907 mit dem Sitz in Kelling gegründete „Unterwälder Pferdezucht-Verein“, der sich die Zucht des mittelschweren norischen Pferdeschlages zum Ziel gesetzt und 24 erstklassige Zuchtstuten und ein Zuchthengst mit einem Kostenaufwand von rund 36000 Kronen angekauft hatte, gehört der Geschichte an. Sein wohltätiger Einfluss indes ist  noch deutlich sichtbar in den prächtigen Kellinger Pferden von heute, den besten dieser Gegend.

Besondere Erwähnung verdient der Obstbau. In Mühlbach ist er stark verbreitet, besonders bei den Sachsen. Es gibt praktisch kein Haus das nicht einen Garten mit Weinreben, Obstbäumen, Gemüse und Blumen hat. Auch sind in der Stadt viele Obstgärten ohne Bauten vorhanden, die schöne Erträge sichern. Um eine bessere Ausnutzung der Hausgärten zu ermöglichen, wird laut Beschluss der Stadtverwaltung das vorhandene Wasserleitungsnetz vollständig ausgebaut, damit alle ihre Gärten ausgiebig bewässern können. Die zahlreichen, schön gepflegten Haus – und Meiergärten, die Mühlbach zur ausgesprochenen Gartenstadt machen, bringen viel und köstliches Obst hervor.  Am besten gedeihen der Batull und der Pfarrapfel, die sich durch Schönheit und gutem Geschmack auszeichnen. Am Anfang des XX. Jahrhundert ergab die Obstbaunzählung in Mühlbach folgendes Ergebnis:

In den 193 sächsischen Gärten gab es 2377 Äpfelbäume,

725 Birnbäume

1928  Zwetschkenbäume.

Auf dem Felde waren 15 Obstplantagen mit:  2953 Apfelbäumen

221    Birnbäumen

499    Zwetschkenbäumen

295    Kirschbäumen

633    Pfirsichbäumen davon

600    in den Weingärten so wie

215    Nussbäumen.

Außerdem enthielten die Straßenpflanzungen  1139  Apfelbäume

Aus dieser Statistik geht hervor, dass der Obstbau ziemlich groß ist. Dieser dient sowohl als Nahrungsmittel jedoch auch als gute Einnahmequelle.

Um den Obstbau Mühlbachs und seiner Umgebung dem gesteigerten Obsthunger der Gegenwart anzupassen, bedürfte es organisatorischer Maßnahmen, wie Schädlingsbekämpfung.

Den neuzeitlichen Lehren landwirtschaftlicher Wissenschaft hat sich der Weinbau dieser Gegend am meisten angepasst. Die Natur hat in einzelnen Unterwälder Orten für dieses Arbeitsgebiet königliche Voraussetzungen geschaffen. Dazu kommt, dass überall viele geschulte Winzer als Schrittmacher einer ordentlichen Pflege der Rebe und des Weines aufgetreten sind und diese Sache erheblich vorwärts gebracht haben. Geradezu ein Muster-Weingut, das die feinsten Weine liefert, ist der von Dr. Gustav Krasser ( Gest. 1931 ) auf dem Roten Berg angelegte große Weingarten der hiesigen Weinbaugesellschaft. Die Weinberge in Mühlbach sind 255 Joch groß. Der Mühlbacher Wein erfreut sich auch Heute, als bester Tropfen des Unterwaldes, großer Beliebtheit. In guten Jahren wurden 80 – 100 Hektoliter Wein  / Joch gemacht. Durch Vereinsmitglieder wurde in Mühlbach eine Rebenveredlungsanlage und Rebschule errichtet.

Um auch ein zahlenmäßiges Bild von dem Landwirtschaftbetrieb Mühlbachs im Jahre 1932 zu geben, zeigen wir die folgenden Zahlen:

Seelezahl = 8.974

Hattertgröße in Joch = 12.566

Zahl der Bauernwirtschaften = 1.000

Durchschnittliche Größe einer Wirtschaft / Joch = 6

Jahresertrag des Hattert = 15.500.000

Davon Verbrauch für die eigene Wirtschaft = 11.300.000

Zum Verkauf verfügbar = 4.200.000

Das Gewerbe. Während zahlenmäßig von den rund 8.000 Einwohnern Mühlbachs fast ¾ dem Berufe der Landwirte zuzuzählen sind, so ist der wirtschaftliche Rückhalt, die Steuerkraft dieser Stadt in dem Handels-, Gewerbe- und industriellen Stande zu suchen. Dabei bildet den Kern, gerade der deutschen Bevölkerung, noch immer der Gewerbestand, der natürlich auch hier in schwerem Daseinskampfe mit der Industrie, aber auch mit den pilzartig emporschießenden Gewerbebetrieben der Dörfer, liegt. Seine Zukunft hängt davon ab, wie weit es ihm gelingt, durch überragende Güte seine Erzeugnisse das Vertrauen der Kunden zu behalten, durch genossenschaftlichen Zusammenschluss niedere Entstehungskosten zu erzielen und durch Heimischmachung einzelner Gewerbezweige in den Familien wirklich bodenständig zu werden. Das heißt, durch Vererbung des Berufes von Vater auf Sohn und Enkel, eine Familienüberlieferung und dadurch eine Betriebsvergrößerung zu schaffen.

Als eine besonders anerkennenswerte Leistung der im Bürger- und Gewerbeverein zusammengefassten sächsischen Meister, ist die geschmackvolle Umwandlung der Alten Fleischlauben in eine Gewerbehalle (1930) zu verzeichnen, in der die Gewerbetreibenden ständig Proben ihrer Erzeugnisse zu Verkaufzwecken ausstellen.

Ohne Rücksicht auf Volkszugehörigkeit gab es im Jahre 1930: 229 Meister, 160 Gesellen, und 204 Lehrlinge.

Die Meister und ihre Zahl waren:

Kupferschmied . . . .  1      Gerber . . . . . . . . . . .   .  2       Rasierer . . . . . . .  6

Zimmermann . . . . . . 6      Färber . . . . . . . . . . . . .   3       Uhrenmacher . . . 2

Zuckerbäcker . . . . . . 2      Kürschner . . .  . . . . . . 14        Schneider . . . . . 10

Riemner . . . . . . . . . . 5      Damenschneiderinnen  17       Damenfriseur . . . 1

Fassbinder . . . . . . . .10     Schmied . . . . . . . . . . .  18       Photograph . . . . . 2

Fleischhauer . . . . . . 14     Schlosser . . . . . . . . . . . 10       Schuhmacher . .  33

Hutmacher . . . . . . . . .3      Drechsler . . . . . . . . . . .  2      Tischler . . . . . . . 19

Klempner . . . . . . . . .  4      Tapezierer . . . . . . . . . .  4      Wagner . . . . . . .    5

Maurer . . . . . . . . . . .15      Zimmermaler  . . . . . . . . 4      Buchbinder . . . . . 1

Buchdrucker . . . . . . . 2       Bäcker . . . . . . . . . . . . .  7      Weber . . . . . . . . . 1

Seiler . . . . . . . . . . . . . 1      Müller . . . . . . . . . . . . . . 2      Bürstenbinder . . . 1

Töpfer . . . . . . . . . . . . 1      Rauchfangkehrer . . . . . . 1

Der Handel. Dem Handelsstand kommt die Aufgabe zu, den Güteraustausch zwischen Erzeuger und Verbraucher zu vermitteln. Kaufmann im Sinne des Handelsgesetzes ist, wer im eigenen Namen gewerbsmäßig  Handelsgeschäfte betreibt. In Mühlbach haben wir ohne Rücksicht auf Volkszugehörigkeit:

Schnitt – und Modewarehandlungen  . . . 11

Eisen – und Spezereiwarenhandlungen .   9

Mehlhandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5

Buchhandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  1

Glas – und Porzellanwarenhandlungen . .  2

Schuhwarenhandlungen . . . . . . . . . . . . .  .2

Lederhandlungen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

Bau – und Nutzholzgeschäfte . . . . . . . . .  .3

Sehr beträchtlich sind die Geschäfte, die sich außerhalb des berufsmäßigen Handelsstandes, in direktem Verkehr zwischen Erzeuger und Abnehmer, hauptsächlich auf den Wochen – und Jahrmärkten abspielt. Erwähnt sei der von den Bauern lebhaft betriebene Viehhandel und der für diese Gegend lebenswichtige Weinhandel. Und zwar blühte in der Zeit vor dem I. Weltkrieg in Mühlbach der Weinhandel als Zwischenhandel; so manchem Bürger hat gerade dieser Handelszweig zu ansehnlichem Wohlstand verholfen. Die Weine wurden als Verschnittweine hauptsächlich nach Österreich, aber auch an die Ungarischen Schaumweinfabriken weiter gegeben. Die Weinbauern und Zwischenhändler konnten stets auf sichere und preiswerte Abnahme ihrer Waren rechnen. Nach dem I. Weltkrieg sind diese Verbindungen völlig abgeschnitten worden.

Eine geradezu unentbehrliche Einrichtung für die glatte Abwicklung der Geschäfte der Handels – und Industriebetriebe bilden die Geldanstalten. Sie fördern nicht nur den Bargeldverkehr in hervorragendem Maße, sondern bilden eine verlässliche Geschäftstelle für die Hinterlegung der überschüssigen Barmittel der Einzelbetriebe. Die hiesigen Geldanstalten – Mühlbacher Sparkassa A.G.  und – Banca Romana S.A., Zweigstelle Mühlbach befassten sich nur mit den üblichen Sparkassageschäften: Spareinlagen und Einlagen in laufender Rechnung, Wechseldiskonte, Darlehen in laufender Rechnung, in – und ausländische Überweisungen usw.                                                                                                                                                     Die Mühlbacher Sparkassa A.G., damaliger Leiter Emil Leibli, besteht seit dem Jahre1896 und verfügt über ein Aktienkapital von 10.000.000 Lei und über Spareinlagen von75.000.000 Lei. Das diese Anstalt über ihre geschäftliche Bedeutung hinaus auch für die kulturellen Belange von großer Wichtigkeit ist, ist selbstverständlich.

Die Sebeşana (Leiter A.Bojiţă) bildet seit dem Jahre1931, infolge einer Fusion, eine Zweigstelle der Banca Română „ Sebeşana S.A. Karlsburg“. Vor der Fusion hatte die  „Sebeşana “ ein Aktienkapital von 2.000.000 Lei, Spareinlagen im Werte von 26.000.000 Lei. Das gesamte arbeitende Kapital betrug 37.000.000 Lei.

Seit Anfang 1932 arbeitet auf dem Mühlbacher Platze auch die Banca Poporului, Institut de Credit şi Economie S.A.

Industrie. Wenn ganz allgemein von der Gegend um Mühlbach auch auf Grund der vorgeschichtlichen Funde behauptet werden kann, dass sie stets einen besonderen Anreiz zur Ansiedlung auf all die vielen nach Siebenbürgen gelangten Völkerschaften ausgeübt hat, so ist als Ursache davon wohl die Nähe des einzigartigen Mühlbachflusses zu suchen, der seine klaren Fluten aus dem waldreichen Mühlbachergebirge in frischem Tempo zu Tale führt. Es ist selbstverständlich, dass der Mühlbach für die in seiner Talau vor allem betriebenen Zweige der Landwirtschaft, des Obst- und Gemüsebaus von Bedeutung ist; es kamen von den geschätzten Mühlbacher Batulläpfeln die besten immer aus den, entlang des Mühlkanals gelegenen Gärten. Hier wird jedoch versucht, die Bedeutung des Mühlbachs für andere Bereiche des menschlichen Lebens zu veranschaulichen.

Die ältesten Einrichtungen, durch die die Menschen getrachtet haben, die Kraft des fliesenden Wassers in ihren Dienst zu stellen, sind auch hier die Getreidemühlen gewesen; die ersten urkundlich bezeugten aus dem Jahre 1341 und1345. In ebenso früher Zeit schon verwendeten die Mühlbacher Kürschner Gerber das kalkarme Wasser des Baches als chemische Substanz in ihrem Arbeitsprozess. Sie und die übrigen in Zünften organisierten Handwerker hatten auch für die Instandhaltung der Stadtbefestigungen und darunter auch der mit dem Wasser des Mühlbachs gespeisten Fischteiche zu sorgen. Die lange Friedenszeit, die Siebenbürgen nach der Zurückdrängung der Türken seit1700 beschieden war, förderte auch die Entwicklung der Gewerbe. Einige Betriebe Mühlbachs wurden im zweiten Drittel des19. Jahrhunderts zu Manufakturen; die Gerbereien, Glaser und Dahinten und die Leinenweberei Baumann. Die eigentliche Industrialisierung des unteren Mühlbachtales begann aber um 1870 nachdem die Maroschtalbahnlinie fertig gestellt worden war und der ungarische Staat mit der Ausbeutung der reichen Nadel- und Laubwaldbestände  des Zibins- und Mühlbacher Gebirges begonnen hatte. Das Wasser selbst ist so vorzüglich, dass alle einschlägigen Industrien, wegen seiner sehr günstigen chemischen Zusammensetzung für die Güte ihrer Waren, erhebliche Vorteile haben. Fachliche Gutachten empfehlen beispielsweise auch die Gründung von Bier- und Tuchfabriken am Mühlbach auf das wärmste.

Dem herrlichen Wasser- und Waldreichtum verdankt das Mühlbachtal  schon bisher einen guten Teil seiner Industrie.

In erster Linie sind hier die Holzverwertungsunternehmen zu erwähnen. Denn sie haben die waldreichen Höhen angelockt, die sich als Niederschlagbecken unseres Mühlbaches südlich von der Stadt in einer Länge von etwa 80 km. flußaufwärts ausdehnen. Dieses Becken ist fast 1000 Quadratkilometer groß und zu 60 % bewaldet. 100.000 Raummeter beträgt der jährliche Durchschnittsertrag dieser Waldungen; davon sind 80 % Nadelholz, u. zw. beinahe ausschließlich Fichte. Der Rest ist Laubholz, zum größeren Teil Rotbuche. In der Form von Fichtenrundholz sowie Buche- und Eichenbrennholz betrug der durchschnittliche Jahreswert dieser 100.000 Raummeter in den Dreißiger Jahren 40.– 50.000.000 Lei. Das Holz wird auf dem Rücken des Mühlbachflusses gedriftet.

Schon seit Jahrzehnten ist die Fam. Heinrich Baiersdorf in verschiedener Form und in wechselndem Maße an den Ausbeutungen der Mühlbachtalwaldungen beteiligt, seit 1921 in der „Muncel A.G.“. Von 1921 – 1924 fördert diese Firma jährlich etwa 40 – 50.000  Raummeter Holz zu Tale. In den Dreißiger Jahren sind es nur 10 – 20.000.

Die Driftung des Holzes gibt in der Driftzeit, das ist vom 15. April bis 15.Oktober, täglich hunderten von Bewohnern des Mühlbachtales wesentliche Verdienstmöglichkeiten. Vor vielen Jahrzehnten wurden für diese Arbeit noch Fachkräfte aus der Schwarzwald- Bodensee-Gegend, herangezogen, die zum Teil hier ansässig wurden und im Rumänentum des Mühlbachtales  aufgegangen sind; daher findet man in den Gebirgsdörfern Familiennamen wie Mayer, Groß, Maresch, Todescu = Todesco, das ist der Deutsche.

Heute werden bei der Driftung (Wildflößerei) zum größeren Teil Mühlbachtalbewoner und auch Moozen aus dem Erzgebirge und Facharbeiter aus der Marmarosch eingestellt.

Die Holzdriftung besorgt seit dem 3. Jahrzehnt fast ausschließlich die Firma Ion Moga aus Căpîlna; sie beschäftigt in der Driftzeit etwa 300 Arbeiter.

Eigentliche industrielle Betriebe, zum Holzfach gehörig, sind:

1. Das Mühlbacher Sägewerk, unter den Erlen gelegen, gegründet 1880, ein Ärarischer Besitz, mit 4 Gattern, 4 Kreis- und 2 Pendelsägen, 2 Kreissägen für Brennholzerzeugung, einer Hobelmaschine, einer Dampfmaschine von 250 HP und zwei Kesseln. Geschnitten werden Fichtenbretter, Latten, Staffeln, gehobelte Bretter mit Nut und Feder und Schwarten.

2. Auf Fabriksbetrieb umgestellt wurde im Jahre 1926 die schon in der 3. Generation arbeitende Tischlerei Leibli, als Firma : M. Leibli & G. Breitenstein, die in ihrem geräumigen Neubau neuzeitliche Holzbearbeitungsmaschinen, sowie Werkzeug und Hobelbänke für 24 Gehilfen eingestellt hat und sich in den letzten Jahren, wegen der aussetzenden Bautätigkeit, vornehmlich mit der Erzeugung von Möbeln befasst.

3. Schon 1896 hat sich die Tischlerei, Friedrich Teutsch, auf maschinellen Betrieb umgestellt. Ihr Betätigungsfeld ist ebenfalls die Möbelerzeugung.

Beide eben genannten Firmen besitzen auch ein Bau – und Nutzholzgeschäft.

4. Mit Maschinen eingerichtet ist auch die Tischlerei Karl Schoppelt, die Holzbauarbeiten zu der Karlsburger Krönungskirche geliefert und dafür auch eine Auszeichnung erhalten hat. Sie besitzt ein Patent für die Erzeugung von Liegestühlen.

Ein zweiter Industriezweig, die Ledererzeugung, hat hier in Mühlbach eine nennenswerte Entwicklung genommen. Das für die Ledererzeugung vorzüglich geeignete Mühlbachwasser und die jahrzehntelangen Erfahrungen der Fabriken haben dem Leder Mühlbacher Herkunft einen weithin reichenden, hervorragenden Ruf verschafft.

Die Gerberei, die 1843 der ehrsame Gerbermeister Karl Dahinten gegründet hatte, richteten dessen Sohn und Enkel 1895 auf Fabriksbetrieb ein. 1902 wurde sie ein Raub der Flammen. Doch schon nach kurzen Wochen erhob sie sich aufs Neue und entwickelte sich allmählich zu der Lederfabrik Gustav Dahinten, die mit modernsten Maschinen ausgerüstet,  Schuhoberleder in vegetarischer und Chromgerbung, sowie Feinleder in allen Farben erzeugt und sich auch eine Taschnerei angegliedert hat. Sie arbeitet mit acht Motoren von zusammen 110 PS.

Vornehmlich mit Sohlenledererzeugung, aber auch mit der Herstellung von Blank- und Geschirrleder für Riemner, von Oberleder befasst sich die 1900 gegründete und 1907 auf Maschinenbetrieb umgestellte Lederfabrik Julius Kohuth.

Das älteste gewerbliche Unternehmen Mühlbachs ist die der Ev. Kirche gehörende Mühle. In einem „ Exractus Protocolli Capitul. Antesilvani “ aus dem Jahre 1665, wird sie schon als Kirchenmühle erwähnt. Sie breitet sich auf beiden Ufern des Mühlbachkanals aus. Der kleine Teil auf dem rechten Ufer ist mit zwei Flachmahlgängen eingerichtet, die von zwei Wasserrädern betrieben werden. Die lingsufrige, große Mühle war bis 1912 mit 4 Flachmahlgängen eingerichtet, die durch ebensoviele Wasserräder angetrieben wurden.        1912 wurde diese Mühle mit einem Halbhochmahlwerk von ½ Waggon Leistung in 24 St. und 2 Flachmahlgängen mit Wasseturbinen und elektrischem Reserveantrieb neu eingerichtet.1926 ist dann das Feinmahlwerk nach den Plänen des Vermögensverwalters der Kirche, Ing. Emil Binder, durch Einbau neuer Maschinen auf die Leistung von einem Wagon/24 St. gebracht worden. Gleichzeitig sind auch Lagerräume für Weizen und Mehlvorräte dazu gebaut worden.

In den Räumen einer aufgelassenen Zündhölzerfabrik ist 1926 die von Karl Slamar eingerichtete Fabrik „Astra“ untergebracht, die sich mit der Erzeugung von Wollhutstumpen für Herren-, Damen-, Kinder- und Bauernhüten,  in allen Farben und Gewichten, befasst. Auch diesem Unternehmen bietet das vorzügliche Mühlbachwasser nennenswerte Vorteile.

Zu den Industrien, die nicht von dem Wasser des Mühlbaches abhängig sind, gehören:

1. Die bald ein Jahrhundert alte, der Güte ihrer Erzeugnisse wegen, bekannte Baumwoll- und Leinenweberei, Ferdinand Baumann. Sie erzeugt in schwarzen und grauen, sowie in lebhaften Farben in dantrenechte Waschstoffe. Besonders hervorzuheben ist ihr Reinleinen-, Damast-  Tischzeug.

2. Die hiesige Firma „Merca“ erzeugt Kappen aller Art, Studentenmützen, Tellermützen, Sportkappen mit einem besonderen Patent. Auch sie hat bei mehreren Maschinen Motorantrieb.

3. Zu einem besonderen Zweig gehört die Fabrikation gebogener Eisenmöbel und Stahlmatratzen, welche die Firma Ernst Liedler eingerichtet hat. Dem Unternehmen ist eine Reparaturwerkstätte für Automobile angegliedert.

4. Das jüngste industrielle Unternehmen ist die Strumpffabrik, die 1926 von Gustav Bahner aus Lichtenstein in Sachsen,  auf dem Schusterzunftgarten errichtet und 1931 durch einen Zubau erheblich erweitert worden ist. Auch diese nützt die Vorteile des Mühlbachwassers zum Färben ihrer Produkte aus. Die Erzeugnisse dieses Unternehmens erfreuen sich im In- und Ausland auf allgemeine Hochschätzung.

Versuchen wir nun zusammenzustellen, was das Wirtschaftsgebiet Mühlbachs als ganzes genommen an Werten in Umlauf setzt, so ergibt sich ungefähr folgendes Bild:

1. Aus dem Ertrag der Landwirtschaft des ganzen Gebietes werden für den Umlauf etwa 80 Mill. Lei frei, von denen wenigstens 30 Mill. für Steuern, Gemeindetaxen, Weidepachtungen und Darlehenzinsen abgeschlagen werden müssen. Die restlichen 50 Mill. kommen in Umlauf bei der Bestreitung der Erfordernisse des Haushaltes dieser Landwirte. Zu neuer Kapitalsbildung reicht die Summe wohl kaum aus. Zu bemerken ist, dass das Einkommen der Landwirte durch die Menge des Ernteergebnisses bedeutend stärker beeinflusst wird als durch die Gestaltung der Preise, weil hierbei nur die überschüssigen Erzeugnisse in Betracht kommen.

2. Die Errechnung des Betrages, der aus der Industrie in Umlauf gesetzt wird, bietet natürlich besondere Schwierigkeiten, schon weil die Industrie, um sich leistungsfähig zu erhalten, fortwährend neu investieren muss. Er kann bei vorsichtiger Schätzung mit rund 40 Mill. Lei angenommen werden. Selbstverständlich wirken sich hier Arbeitseinschränkungen und Lohnsenkungen recht fühlbar aus.

3. Eine große Rolle spielen natürlich die Besoldungen, Löhne und Verpflegungskosten der Beamten des Staates, der Stadt und der Gemeinden, einschließlich der Kirchengemeinde, der Privatbeamten, der Offiziere und Mannschaften, der Ruhegehalts- und Invalidenversorgungsempfenger. Sie betrugen im Jahre 1930 in unserem Wirtschaftsgebiet etwa 45 Mill. Lei. Demnach werden aus der Landwirtschaft und Industrie dieses Gebietes und aus den Bezügen der Festbesoldeten  jährlich etwa 135 Mill. Lei in Umlauf gesetzt, wovon ein bedeutender Teil selbstverständlich an die Landwirtschaft zurückgeht.

Es kann nicht genug betont werden, dass diese Berechnung auf Erhebungen beruhen, die auf normalen Zeitläufen aufgebaut sind. Auch nicht annähernd kann daher festgestellt werden, in welchem Maße der gegenwärtige wirtschaftliche Niedergang (Krise), das Bild im Ganzen verkleinert und in einzelnen Teilen gerade in den allerletzten Wochen verzerrt hat und immer mehr verzerrt.

Hoffentlich erweist sich das bittere Wort Werner Sombarts, die krisenhaften Wirtschaftszustände seien die normalen, und die der guten Konjunkturen seien die außergewöhnlichen, als ein Scherzwort.

Geschrieben und zusammengestellt von Gerhard Wagner aus dem Büchlein:

Mühlbachs Wirtschaft in Vergangenheit und Gegenwart.

Die Arbeit ist als Gruß des Mühlbacher Deutschen Handelsgremiums an die auswärtigen Teilnehmer der Mühlbacher Tagung der siebenbürgisch-deutschen Handelsgremien gedacht.

Es handelt sich um einen ersten Versuch der Darstellung unseres Wirtschaftgebietes, dem sich natürlich allerlei Hemmungen und Schwierigkeiten entgegenstellen. Wenn es indes gelingt, einen allgemeinen Eindruck von der wirtschaftlichen Bedeutung und von den wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses schönen, von der Natur reich gesegneten Erdenwinkel zu geben ist der hauptsächliche Zweck des Schriftchens erreicht.

Mühlbach, im Juni 1931.

Gedruckt in der Honterus Buchdruckerei zu Hermannstadt

Das Büchlein wurde zur Verfügung gestellt von Prof. Dieter Schiel aus der Hinterlassenschaft seines Großvaters, Prof. Alfred Möckel