Otto Folberts Tagebücher Band 44 April 1946 – Mai 1948 (Folge 1)


Auszüge aus:

Otto Folberts Tagebücher

 Band 44

 April 1946 – Mai 1948

Quelle: Siebenbürgen-Institut – Online

In`s Reine geschrieben von:

Gerhard Feder im Juni 2001

Im Auftrag von: Paul J. Folberth

Mediasch, den 16. April 1946

Die  im Laufe des letzten Jahres durchgeführte Agrarreform  beginnt ihre  verheerenden Wirkungen  für unser Volk aufzuzeigen. Unsere Bauern haben den aller größten Teil ihres Grundbesitzes verloren, das Vieh  hat  man  ihnen  aus  den  Ställen  genommen,  jetzt  werden  ihre  Geräte  aufgeteilt  und  in  kurzem werden  die  Höfe  drankommen.  Schon  jetzt  musste  ein  Teil  der  Höfe  abgetreten  werden,  auf  anderen Höfen sitzt zwar  der ehemalige  Besitzer noch drin,  aber der neue  Anwärter  ist ebenfalls schon eingezogen  und schaltet als der alleinige Herr im Stall, im Garten auf  dem Feld. Nutznießer dieser Reform  sind  in  erster  Linie die  Zigeuner,  in  zweiter die  minderwertigen  unter  den rumänischen Bauern.  Die besseren  unter  ihnen lehnen  es  entweder  ganz  ab,  sich  mit sächsischem  Gut  zu  bereichern,  oder  aber machen die ganze Sache nur kopfschüttelnd mit. Die Frevelhaftigkeit gibt ihnen zu denken.

Am 25. April 1946

traten  die  Außenminister  Großbritanniens,  Nordamerikas,  der  Sowjetunion  und  Frankreichs  in  Paris zusammen, die die Friedensschlüsse mit Italien, Rumänien, Bulgarien und Ungarn vorbereiten soll.

26. April 1946

In einem Brief vom 28.Februar aus dem amerikanischen Okkupationsgebiet Deutschlands teilt Gertrud Schallner  ihren  Eltern unter anderem mit, sie  stehe  auch  mit  unserm Paul in Verbindung. Er  halte sich in  Eisenach auf,  sie  wisse  aber  nicht,  womit  er  dort  beschäftigt  sei. Wir  wußten,  daß  er  Frau  Major Thiede  in  Eisenach  einige  Kleider  und  Wäschestücke  zur  Aufbewahrung  übergeben  hatte.  Sollte  er ihretwegen dorthin gefahren sein? Unter  dem  19.April meldet  die  Temeschvarer  Zeitung  aus Klausenburg,  dass  beim  dortigen Volksgericht  das  Urteil  gegen die faschistisch – hitleristischen  Journalisten Siebenbürgens erbracht  worden sei. Sowohl Ungarn wie auch Rumänen und Deutsche befinden sich  darunter. Von den Deutschen wurden verurteilt: Dr. Andreas  Weber  zu  8 Jahren, Hermann  Schland,  Otto Ließ,  Alfred  Hönig zu 20  Jahren, Emil  Neugeboren  zu  25  Jahren  schweren  Kerkers.  Außer  Dr. Andreas  Weber  scheint  sich  keiner  der

übrigen Verurteilten dem Gericht gestellt zu haben, alle wurden sie in Abwesenheit verurteilt.

Montag, den 29. April 1946

Als ich heute Vormittag in einer Zwischenstunde nach Hause kam, saß Trudl heuer zum ersten Mal im Schatten  der sich  eben grün  entfaltenden  Linde,  putzte Gemüse  und  rief  mir  schon  aus der  Ferne zu: Rate, was heute eingetroffen ist! – Vielleicht ein Brief von Paul- Ja! da ist er. Und sie überreichte mir Pauls  ersten Brief  nach fast zwei Jähriger Unterbrechung  der  Verbindung  mit ihm.  Er  schrieb ihn am 1.April, gleich nach Aufhebung der Postsperre in Deutschland, und zwar von Storndorf in Oberhessen, wo er bei Dr.Zinßer untergekommen ist. „Ich war in russischer Kriegsgefangenschaft und bin im Dezember entlassen worden. Ich bin vollkommen  gesund und es  geht mir gut.  über  Weihnachten war  ich  bei  Frau Thiede in Eisenach.  Wir haben sehr  viel  von  Euch  gesprochen  und  an  Euch  gedacht.  Am  Heiligen  Abend  haben  wir  sogar  eine Flasche  Mediascher  Mädchentraube  geleert.  Herr  Thiede  befindet  sich  noch  in  russischer  Kriegsge -fangenschaft. Im Januar d. bin ich zu Herrn Dr.Zinßer gefahren. Ich bin hier sehr freundlich aufgenommen worden und fühle  mich hier  sehr  heimisch.  Ich habe  mich hier  zunächst  zwei Monate von den  Strapazen  des vergangenen  Jahres erholt. Ende Februar bin  ich zu Herrn  Dr.Schulte nach Lüdenscheid  gefahren und habe  dort  den  ganzen  März  verbracht.  Ich  bin  dort  genau  so  freundlich  aufgenommen  worden  wie auch hier und es hat mir dort auch sehr gut gefallen, zumal da auch Berge  sind und die Gegend daher meiner geliebten Heimat  ähnlicher ist.  Mein Bruder Otto hat aus englischer  Gefangenschaft an Herrn Dr.Schulte  Nachricht  gegeben.  Er  hätte  auch  von  Euch  aus  Mediasch  gute  Nachricht  erhalten. Über diese erste Nachricht von Euch seit ein einhalb Jahren habe ich mich, wie ihr es Euch leicht vorstellen könnt, sehr gefreut.

Meinen Freund Karres Dutz habe ich in Hannover besucht. Er ist dort bei einer ihm bekannten Familie als Maurerlehrling untergekommen. Nun bin ich wieder hier in Storndorf bei Herrn Dr.Zinßer und will versuchen  hier  in  der  Nähe  ebenfalls  als  Maurerlehrling  unterzukommen,  da  ich  mich  entschlossen habe, Architekt zu werden.“ Ach  wie  wohl  das  tut, diese  Zeilen  zu  lesen!  Wenn es  auch  von  hier  aus noch  nicht  möglich ist, an Pauli direkt  zu  schreiben  –  denn  die  Mediascher Post  nimmt  Sendungen  für  Deutschland  noch  nicht entgegen – so wird er von den vielen Briefen, die ich ihm bereits durch Vermittlung von Bekannten in Österreich  geschrieben  habe,  hoffentlich  doch  den  einen  oder  anderen  in  absehbarer  Zeit  erhalten. Dank Dir, lieber Herrgott, tausend Dank!

7. Mai 1946

Die  Außenminister  der  vier  Großstaaten  einigen  sich  in  Paris  darauf,  dass  Siebenbürgen  in  Zukunft wieder – wie vor dem Wiener Schiedsspruch – zu Rumänien  gehören  soll.  Dies ist einer der  wenigen Verhandlungspunkte  während der  Pariser Konferenz, in denen eine Übereinstimmung  erzielt werden konnte.

10.–13. Mai 1946

unternehme ich  mit  meiner  Klasse (Septima, die Klasse  von  Klaus)  einem Schulausflug nach  Sovata. Wir  haben  das  herrlichste  Wetter  und  kehren  überhaupt  mit  märchenhaften  Eindrücken  nach  Hause zurück.  Wir  baden  zweimal  in  Moggorosi-tó.  Am  11.  und  12.  besteigen  wir  den  Cserepeskö -Istalo. Von den Felsen des Cserepeskö genießen wir die herrlichste  Aussicht. Für die Jungen ein unvergeßliches Erlebnis.

15. Mai 1946

Ein  froher,  ein  glücklicher  Tag!  Wir  erhalten  zwei  Briefe  von  Otti,  aus  denen  hervorgeht,  daß  er Anfang April aus dem englischen Gefangenenlager in Belgien  nach  Münster in der Lüneburger Heide versetzt worden ist und dort  am 19.04. seine Befreiung erreichen konnte. Gleich darauf begab er sich, auf  Anraten Pauls, zu  Dr.Schulte  nach  Lüdenscheid  und  schreibt von  dort:  „dass alles so  herrlich  gekommen  ist, kann ich kaum fassen.“  Außer  uns schreibt er auch  seinen  Großeltern,  seinen Geschwistern,  und  allen  Lieben  in  der  Heimat.  Er  sei  entschlossen,  das  Studium  eines  Mittelschullehrers  für Mathematik, Physik und Chemie zu beginnen und zwar entweder in der Schweiz oder in Deutschland.

22. Mai 1946

Wir  erhalten einen zweiten Brief von  Otti aus Lüdenscheid (vom 27.04)  in dem es heißt: „Ich bin hier sehr  gut  aufgenommen.  Die  Familie  Dr.Max  Schulte  sind  durchwegs  alles  sympathische  Leute,  die sich wiederholt nach Euch erkundigt haben, und sehr freuten, als ich ihnen meine 4 Mediascher Briefe vorlegen konnte.  Sie lassen  sich  gerne  von  Mediasch erzählen… dieser  plötzliche  Umschwung  ist  für mich  direkt märchenhaft, umso mehr noch, als  ich  hier Klavier  spiele,  die schönsten  Bücher  lese, ins Kino,  schöne  Konzerte  und  Vorträge  gehen kann. Auch  kann  ich  mit  Dr.Schulte  –  den  ich  wie Paul, Onkel  Max  nenne  –  hie  und  da  mal  mit  seinem  Auto  durch  die  Gegend  fahren.  Er  hat  nämlich  oft Krankenbesuche auswärts! Diese Nachricht erfüllt  uns mit großer Freude und wir sind glücklich, so wohl Otti wie auch Paul bei guten,  von  uns  hochgeschätzten  Bekannten  zu  wissen,  die  selbst  einmal  bei  uns  Gastfreundschaft genossen haben.

Da  erreicht  uns  am  Abend  dieses  Tages  eine  Nachricht,  die  geeignet  ist,  uns  bitteren  Kummer  zu bereiten. Meine Schwägerin  Mela  kehrt  aus  Hermannstadt,  wo sie  für  das  Geschäft  Strohhüte hätte kaufen  sollen,  aber  keine  bekam,  und  die  ihr  zur  Verfügung  stehende  Zeit  damit  benutzte,  Erkundi-

gungen  nach Kon  einzuziehen,  mit  der Botschaft nach Hause, es  sei  ja schon seit mehreren Monaten ein  Regimentskamerad  Kons  aus  russischer  Gefangenschaft  heimgekehrt,  der  genau  wisse,  daß  Kon gestorben sei.

– FORTSETZUNG FOLGT –

Gedichte von Josefine Kerekesz (2)


–       Gedichte von Josefine Kerekesz –

 Ich weis nicht ob die Dichterin den breiten Massen bekannt ist. Ich möchte erwähnen dass sie lange Jahre in Mühlbach gelebt hat, so viel mir bekannt ist in der Altgasse. Durch diese Veröffentlichung  möchte ich ihre Bescheidenheit, Sensibilität und Ihr großes Talent ihre Gefühle in Versform wiederzugeben hervorheben.

Horst Theil

 

 

Vorfrühling in Siebenbürgen

.

Zartgrüner Schimmer überm Ackerland,

rings auf den Höhen Winterschnee,

darüber strahlendes Blau bis zum

Himmelsrand –

gab’s schöneren Vorfrühling je?

.

Unsere Augen entzückt, unsere Herzen weit

vergessen Kriegsnot und Wunden,

du bist daheim – und es ist Frühlingszeit,

soll da nicht auch die Seele gesunden?

.

Sieh nur das Sprießen ringsumher,

sieh, dort am Südhang lacht das lichte Grün

ein zarter Lerchensang klingt süß von

irgendher,

die Frühlingssonne lockt zum Leben und

Erblühn.

.

Und weich der Lenzwind uns entgegenweht

sein Hauch ist wie ein leises Mahnen:

Wer frohgemut durch den Frühling geht,

kann erst die Schönheit des Lebens ahnen.

.

Wie sonnenhell ist dieser Frühlingstag:

Wir sind so unbeschwert, so innig

Jugendfroh;

ich wüsste nicht, wenn jemand fragen mag,

ob jemals er so glückhaft ward empfunden

irgendwo?

.

Heimweh

.

In meinem langen Leben

hab ich das Heimweh nicht gekannt,

Ich war von Liebe warm umgeben,

daheim war alles Weh verbrannt.

.

Seit ich mein Daheim verloren

ist mein Leben öd und trübe,

es ist um wärmend Glück betrogen,

und ich hab Heimweh nach der Liebe.

.

Müssen und Wollen

.

Die schönste Lebenszeit fand mich in

fremder Fron

so lernte ich den Unterschied von Müssen

und Wollen

in meiner Jugend schon.

War all die langen Jahre beseelt von treuem

Plichterfüllen

und trug dabei tief innerlich den großen

Wunsch im Stillen:

.

Ach, dürft ich einmal tun, was mir kein

Vorgesetzter schafft,

ganz still nur wirken, nicht bekrittelt und

nicht begafft,

nicht bloß der Jemand sein, der um des Opfers Preis

dies tut und jenes lässt, nach fremdem

Willen und Geheiß.

.

Ein Leben lang hab ich so sehnlich diesen

Wunsch gehegt –

und da er dicht am Ende nun erfüllt, die

Frage mich bewegt:

War dies das Leben, eine Kette von Müssen

und sollen?

Es währt eine Spanne lang noch für

bescheidenes Wollen.

.

Herbst  Nein

.

In unsere Gasse ist der Herbst gezogen,

sie ist von goldfarbigem Laub besät,

das der Nordwind Nächtens abgemäht

von Bäumen, die sich ächzend bogen.

.

Wirbelnd kreisen Blätter in dem Wind,

flattern hoch mit taumelnder Gebärde,

fallen endlich irgendwo zur Erde,

wie ein lebensmüdes Menschenkind.

.

Gleich den Seelen, die zu ihrer Herbsteszeit

Ein sanfter Gotteshauch hinweg geweht,

weit von der alten Gasse, wo sie einst gelebt,

sanken sie zur Ruhe in die Ewigkeit.

.

Ort der Ruhe

.

So oft ich an dem Ort der Ruhe frische

Blumenhügel sehe

ist’s mir, als suchte eine Freundeshand die

anderen in der Nähe.

In langen, dichten Reihen schon dehnen sich

die Grabeshügel

über unserem Volke schwingen Dohlen ihre

schwarzen Flügel.

.

Wer weiß, ob nicht dereinst auf diesem

Platz auf Mauern von Gebeinen

vielstöckige Häuser stehn,

ob nicht auf unseres Daseins letzter Spur

den Marmorsteinen

fremde Menschen lieblos gehen?

Ach komme vorher doch der gottverheißne

Jüngste Tag –

für unsere Toten dann ein fröhlich

Auferstehn!

.

Zum Trost

.

Wie bitter es auch klingen mag –

es kommt für jeden einst der Tag,

da er erschüttert steht und stumm;

nur seine wunde Seele fragt: Warum, O

Gott, warum?

Warum, O Gott, warum?

.

Du wunde Seele, sei still in Gott ergeben,

bedenk’, dass über Tod und Leben

beschloss Gottvaters weiser Rat;

und grüble nicht, denn unerforschlich

sein milder Sinn und seine sanfte Tat.

.

Drum frage nicht „warum, o Gott.

Warum?“

Blick auf zu ihm – und lege stumm

dein Leid in seine Vaterhände

und bete fromm,

dass er sich nimmer von dir wende.

.

Dann kommt der Tag, da du ihm kindlich

nah,

ergeben sagst: „O, Herr, dein Wille

geschah!“

Was irdisch war, nahm er an sein Vaterherz

Mit gültigem Erbarmen

Zu friedenvoller Rast, erlöst von

Erdenschmerz.

.

Unsterblich aber ist die Seele all der Lieben,

sie ist im Treugedenken doch bei dir

geblieben,

in dunkeln Nächten und im Tageslauf;

drum sei getrost,

die Liebe höret nimmer auf.

.

Der Große Platz in Mühlbach

.

Längs der grünen Gräsermatten

leuchtendrote Rosenbüsche

stehn in silberzartem Schatten – da und dort

ein Lindenbaum,

blütenreiches Ziergesträuch, Stiefmütterchen

blühn in bunter Frische

und beim Anblick dieser Pracht, befällt mich

ein Erinnerungstraum.

.

Hier lag der „Große Platz“ von unsern

Ahnen so benannt

als Mittelpunkt der Wirtschaft und für

manche Festlichkeiten,

bachsteingeplastert einst von wackerer

Männerhand,

schlicht und schmucklos sah er buntbewegte

Zeiten.

.

Es sah in Kriegszeit Kämpferscharen, in

Frieden eifriges Marktgedränge,

Übungen der Feuerwehr und Königsfeiern,

wie sie damals üblich waren;

hier war der Standort für die Platzmusik,

für schöne Feste mit Gepränge –

all das ist nun verrauscht, verklungen nach

so vielen hundert Jahren.

.

Der alte „Große Platz“ von einst ist einem

Jungen Park gewichen

Doch leise haucht die Erde noch ein treu

Erinnerung darüber hin. –

Da hab ich Wehmutstränen von der Wange

mir gestrichen

Und sah im grünen Park die leuchtendroten

Rosenbüsche blühn.

.

Heimat

.

Heimat ist, wo ich von mancher Bergeshöh

die wundersame Schönheit dieser

Landschaft sah,

wo über Tannenwipfel hin zum

Gipfelschnee

mein Blick sich weitet Himmelsnah.

.

Heimat ist, wo in dem bergumsäumten Tal

mein still versonntes Leben mählich rann,

wo ich im wechselvollem Zeitgeschehn zumal

den tiefsten Sinn der Erdverbundenheit

gewann.

.

Heimat ist das kleine Fleckchen Erde

Wo meine Liebsten ruhn schon lange Zeit

Im Schloß des weiten Tals, im Schatten

unsrer Berge:

Es ist die traute Heimat bis in Ewigkeit.

.

Muttertag

.

Wenn ich am Muttertag zum Gruß dir

Blume brachte,

wie warst Du frohbewegt, wie innig war

Dein Blick. –

Du streichelst mich liebevoll, Du nahmst die

Blumen sachte

Und Deine Feudentränen fielen drauf im

stillen Mutterglück.

.

Am Muttertage steh’ ich heute vor Deinem

lieben Bild –

ich sehne mich nach Deiner warmen

Mutterhand, nach Deinem

Blick so mild, –

voll Liebe Dein gedenkend stell ich vor Dein

Bild die

Blumen auf

und meine unstillbaren Wehmutstränen

fallen sacht darauf.

.

Sonntag

.

Vom Kirchturm klingen die Glocken,

sie laden zur Gottfeier ein,

ihr Klang soll unsern Zeitgenossen

ein trostvolles Zeugnis sein.

.

Noch ist uns unsere Kirche

Das Denkmal aus Vorväterzeit,

ein Mahnmal zu Ehrfurcht und Glauben

an Gottvaters Ewigkeit.

.

Lasst klingen ihr Glocken die Töne

auch in zweifelnde Herzen hinein,

mahnend die blühende Jugend

glaubens- und volkstreu zu sein

auf das vom Kirchturm die Glocken

nicht dereinst um Jahr und Tag

treulosen Kindern des Stammes

erkilngen zum letzten

zum allerletzten Schlag.

.

Doppelte Freude „Mamichen erzählt von Weihnachten“

.

Aus unseren seligen Kindertagen

hat Mamichen uns oft erzählt,

ging ein auf alle unsere Fragen,

ihr liebes Antlitz in Erinnerung verklärt.

Und sie erzählt:

.

Acht Jahre war Helen – eilt aus der Schule

froh nach Haus,

packt mitteilsam die großen Neuigkeiten

aus:

„Ach Mamichen, wir haben Ferien, denk Dir

wie fein,

nun kann ich den ganzen Tag Dir behilflich

sein!

.

Und rate, Mamichen, was ich soeben gesehn

So viele Christbäume, ach sooo schön,

sie wurden eben von Schlitten und Wagen

auf dem Platz neben der Schule abgeladen.

.

Gewiss weiß das Christkind wo sie stehn –

und bis hierher braucht es nicht weit zu

gehen

sag, hat es die Christbäume selbst

ausgewählt?

.

Ach Mamichen, beuge dich zu mir her,

ich will Dir flüstern: „Es Weihnachtet sehr“

mehr verrate ich davon heute nicht,

nur am Christtag sag ich dir das schöne

Gedicht!

.

Und Mamichen, kennst Du den schönen

Spruch:

„Geteilte Freude ist doppelte Freude“?

Er steht auf Seite zehn im Lesebuch.

Den sagte uns der Herr Lehrer heute,

und sagte noch: Den Spruch, ihr lieben

Kinder, zum Geleit,

für die fröhliche, selige Weihnachtszeit.

Dann war die Stunde aus; und in der frohen

Hast

hab ich den Sinn des Spruches leider nicht

erfasst.

.

Oh Mamichen, ich hab so viel Dir noch zu

sagen,

ja – aber ich möchte auch ganz leise Dich

fragen,

darf ich, wenn die kleinen schon zu Bett

gebracht,

Dir helfen bei dem, was Christkind uns

zugedacht?

.

Und sie half mit Geschick und hellem

Entzücken

den Christbaum für die Geschwister

schmücken.

Am Heiligen Abend – Oh, du wonnige Zeit,

der Lichterbaum brannte – und die Kleinen

zu zweit

eilten selig jauchzend an Mutters Brust

mit glückstrahlenden Augen voll

Kinderlust.

.

Die achtjährige Helene schaut der

Geschwister Glück;

Es schimmern Tränen in ihrem Blick,

und ihr Mund vor Rührung bebt:

„Mama, jetzt hab ich doppelte Freude erlebt“.

.

Allerseelen

.

Über euren toten Herzen

leuchten Allerseelenkerzen

brennen meine Seelenschmerzen

in Sehnsucht nach euch.

.

Als sähe ich im Kerzenlicht

euer liebes Angesicht

und meine Tränen fallen dicht

in Sehnsucht nach euch.

.

In dem stillen Kerzenschein

streichle ich eure Erde und den Stein

und fühle warmes Nahesein

in Sehnsucht nach euch.

.

Herbsttag

.

An sonnigen Oktobertag

in zauberischer Natur

steift ich über Hang und Hag

auf Michelsberger Flur.

.

O, wenn ich nur die Worte hätte

zu schildern die Farbenpracht,

die ohne Pinsel und Palette

Gott malte über Nacht.

.

Buntgetupft im weiten Raum

dort der Birnenwald

leuchtendrot bis kupferbraun

verschwenderisch übermalt.

.

Die Kirschenbäume auf dem Berg

ein Farbenbündel in Pastell,

im farbenfrohen Wunderwerk

leuchten Birken flammenhell.

.

Zur Burg hinan der dichte Wald:

rotgoldne Symphonie,

milde Sonne überstrahlt

naturgewordne Poesie.

.

Da am nahen Wiesenrain

die Haselhecke glüht

flimmernd im Sonnenschein

von Farbentönen übersprüht.

.

Auf der Wiese dort am Bergesfuß

tausendfach im grünen Moose

blüht als letzter Blumengruß

lila Herbstzeitlose.

.

Ich steh ergriffen und berauscht

vor dieser Farbenfülle,

und nur von meinem Gott belauscht

halt ich dankbar Andacht in der Stille.

.

Wie reich schenkt Deine Meisterhand

wundersame Farbenschönheit augennah,

wie herrlich prangt Dein leuchtend Land.

Es ist ein Herbsttag wie ich keine sah.

.

Zaungast

.

Halbverwaist stand ich bescheiden nur am

Zaun,

mich hat das Glück zum Reigenspielen nie

gewollt,

es hat mit Vorzugskindern nur

herumgetollt;

ich durfte nur durchs Gitter schaun.

.

Was ich ersehnte, blieb mir immer fern,

ich durfte keinen Traum fürs Leben mir

erträumen;

ich lehnte bloß am Zaun; ich sah nur zu:

wie ein guter Stern

strahlend leuchtet in des Nachbars

Räumen.

.

Es war wohl so bestimmt von höherem

Geschick,

dass Auserwählte fröhlich sich im Reigen

drehn,

indes die Ausgeschlossenen vom Glück

als Zaungäste an dem Gitter stehn.

.

Und käm ich einst vor Gottes großen Garten

und einer hieße mich hinein zu gehn,

den Vortritt ließe ich allen; ich hab gelernt

zu warten;

ich würde mir von außen nur das Paradies

besehn.

.

Petunien

.

Heute hab ich im Garten bescheiden versteckt

eine weiße Petunienstaude entdeckt

Blieb vor den Blütenranken stehn

und habe verträumt längst Vergangenes

gesehn.

.

Einen sonnigen Hof, eine Fülle Blüten in

bunter Pracht,

aus jedem Winkel haben duftende Blumen

gelacht,

inmitten unsere unbeschwerte frohe

Kinderschar,

die von Liebe umhegt so glückseelig war.

Verweht ist heute alles, was einst bunt und

schön.

Blumen erinnern mich an das Blühen und

Vergehn.

.

Gedenk’ unseres Heller, Hans und

Hänschen irgendwo im ferner Sand –

Und streue jedem weiße Blüten der Petunia

aus dem Kinderland.

.

Blütenduft

.

Junisonne überm Garten glüht,

Päonienstaude in Fülle blüht,

lieblicher Duft schwebt in der Luft.

.

Strömt der Duft, der süß herüberweht

von dem nahen Rosenbeet –

oder duftet würziges Tannengrün,

an dem die frischen Triebe blühn?

.

Ich atme tief den wundersamen Duft –

woher mag er nur sein?

Ich hab’s: Im Nachbargarten blüht der

Wein!

.Dank an Herr Gerhard Wagner für die zur Verfügungstellung des Materiales!

Drillinge die zweimal Geburtstag feiern.


– Drillinge die zweimal Geburtstag feiern. –

Das Jahr 1938 begann für die Familie des Schneidermeisters Emil Bretz mit Vorfreude, denn es stand ein  großes Ereignis bevor: Das sechste Kind sollte geboren werden. Dass, es gleich eine Drillingsgeburt werden sollte, wusste man damals noch nicht. Frau Krieger, die Hebamme aus der Neugasse, entband am 25. Erika und Ingeborg und präsentierte die beiden Mädchen dem stolzen Vater. Pflichtgetreu wurde die Geburt auch prompt  ins Mühlbacher Geburtenregister eingetragen.

Groß war die Überraschung des Vaters, als die Hebamme einen dritten Säugling ankündigte und so die Sensation für ganz Mühlbach und Umgebung perfekt machte. Karl-Heinz erblickte das Licht der Welt am 26. und wurde auch so ins Register eingetragen. Ein Drilling zwei Geburtstage!

Wenn man von Zwillingsgeburten spricht, ist es schon etwas Außergewöhnliches,  doch Drillinge etwas noch nie Dagewesenes für Mühlbach. Kein Wunder, dass sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer im Ort ausbreitete und zum Tagesgespräch wurde. Drei kleine Kinder in einer Familie, wo schon fünf da sind, erforderten von den Eltern viel Aufopferung und Mühe. Dass sich alles aber gelohnt hat, beweist der Werdegang dieser Kinder, die heute noch leben. Sie haben den Eltern zusammen acht Enkelkinder beschert.

Erika, Karl-Heinz und Ingeborg

Bretz

                               In der Kinderklinik Hermannstadt                               

Beitrag geschrieben von: Winfried Bretz

Gedichte von Josefine Kerekesz


Zwei Gedichte von:  Josefine Kerekesz (passend zum heutigen Tag) 

Sonntag

 

  Vom Kirchturm klingen die Glocken,

sie laden zur Gottfeier ein,

ihr Klang soll unsern Zeitgenossen

ein trostvolles Zeugnis sein.

Noch ist uns unsere Kirche

Das Denkmal aus Vorväterzeit,

ein Mahnmal zu Ehrfurcht und Glauben

an Gottvaters Ewigkeit.

Lasst klingen ihr Glocken die Töne

auch in zweifelnde Herzen hinein,

mahnend die blühende Jugend

glaubens- und volkstreu zu sein

auf das vom Kirchturm die Glocken

nicht dereinst um Jahr und Tag

treulosen Kindern des Stammes

erkilngen zum letzten

zum allerletzten Schlag.

 

Herbst Nein 

In unsere Gasse ist der Herbst gezogen,

sie ist von goldfarbigem Laub besät,

das der Nordwind Nächtens abgemäht

von Bäumen, die sich ächzend bogen.

Wirbelnd kreisen Blätter in dem Wind,

flattern hoch mit taumelnder Gebärde,

fallen endlich irgendwo zur Erde,

wie ein lebensmüdes Menschenkind.

Gleich den Seelen, die zu ihrer Herbsteszeit

Ein sanfter Gotteshauch hinweg geweht,

weit von der alten Gasse, wo sie einst gelebt,

sanken sie zur Ruhe in die Ewigkeit.

Schulausflug des Mediascher Obergymnasiums in die Tatra


Auszug aus:

 

Otto Folberths Tagebücher Band 00

Erste Aufzeichnungen – Juli 1911 bis Juni 1915

Ins Reine geschrieben von Paul J. Folberth im Oktober 1999

 

Quelle: Siebenbürgen-Institut Online

   

– Maiausflug 1912 verregnet. –

 

– Schulausflug des Mediascher Obergymnasiums in die Tatra –

–         

 Leiter der Partie waren die Herren Professoren Totz und Hans. An dem Ausfluge nahmen teil: von den Abiturienten Julius Klingenspohr, Karl Wilk, Heinrich Winkler, von den Oktavanern Erhard Binder, Fritz Buresch, Hans Caspari, Karl Römer, von den Septimanern Karl Caspari, Otto Folberth, Heinrich Wagner. Außer diesen nahm an der Reise noch Teil Rudolf Binder stud.jur. Als Beitrag zahlten wir 40 Kronen. Rudolf Binder zahlte 80 Kronen, Wilk fuhr unentgeltlich mit. Taschengeld 20 – 30 Kronen. Gepäck nahmen wir uns für zehn Tage mit, natürlich Winterkleider. Die meisten von uns trugen Halbstöcke. Bergschuhe mit Nägeln hatte außer Professor Totz niemand. Juni 1912 Die ersten drei Tage waren unserer Landeshauptstadt gewidmet. Am 27-ten, 28-ten und 29-ten Juni weilten wir dort. Vorzügliches Quartier hatten wir im Ferenc-Jószef intézet in Buda, wo wir aber gewöhnlich nur die Nacht verbrachten. Aus unserm Programm sind hervorzuheben: der Militärkordon rings um das Parlament den Graf Tisza zur Abwehr der oppositionellen Abgeordneten hatte aufstellen lassen, der Besuch des neuen Tiergartens, des Landwirtschaftlichen Museums und Aquinkums. Wenigstens war für mich nur dies etwas Neues, da ich ja voriges Jahr Budapest genau kennen gelernt habe. Die Fahrt in der Nacht vom 29-ten auf den 30-ten war etwas Schauerliches. In einem Wagen dritter Klasse, eingepfercht zwischen Juden und Slowaken, fuhren wir bis nach Miskolc. Hier scheint Fortuna uns mehr berücksichtigt zu haben, denn von dort weiter konnten wir doch ein wenig schlafen (wir stiegen in Miskolc um). 7 Uhr morgens erfolgte unsere Ankunft in Kaschau, wo wir den Vormittag zubrachten. Der schöne gotische Dom, eine lange, lange Gasse – und mit Kaschau sind wir fertig. ½1 Uhr ließen wir darum auch die Gott-Gesegnete Stadt in Gottes Gnaden weiter wirken und machten uns auf der Kaschau-Oderberger-Bahn per Schnellzug aus dem Staub (elegant!). Auf diesem Zug trafen wir zum ersten Mal die ungarischen Mädchen (wahrscheinlich ein Pensionat) die wir, oder die uns, bis in die Tatra begleiteten und deren aufgeregte Henne, eine alte Schachtel, wir schrecklich viel sekierten. In Tyló hielten wir uns nur einige Minuten auf und trafen in Pograd, unserm nächsten Reiseziel, um ½4 Uhr ein. Im Hotel Pograd waren wir tadellos aufgehoben, aßen gut, tranken gut, spielten elegant Billard – und dann sind wir auch mit Pograd fertig. O, doch noch nicht: wir sekierten die alte Schachtel noch einmal prächtig. Der erste Juli, ein wunderschöner Sommertag, war für die Dobsinaer Eishöhle bestimmt. ½8 Uhr fuhren drei große Kaleschen vor und wir fuhren wie die Herren, im Übrigen durch eine sehr schöne Gegend. Dies war die Alacsony Tatra. Im Hotel “Jégkarlany” kamen wir um ¾12 Uhr an und stiegen dann nach einer halben Stunde bis zur Höhle hinauf. Die Höhle ist großartig und ist auch wunderschön. Eigentlich ist sie eine tiefe Grube in der sich eine etwa 100 m mächtige Eisschicht befindet und von Felsen gewölbt ist. Also ein natürlicher Kuppelbau. Das Eis nimmt von Jahr zu Jahr zu. Es werden nämlich die hölzernen Stufen und Bretter, die auf das Eis gelegt werden, allmählich mit einer dicken Eiskruste überzogen. In Jahrtausenden wird demnach die ganze Höhle vereisen. Erwähnenswert sind die schönen Eiskristalle an der Decke der Höhle, die sich im Frühling bilden und im Herbst wieder abfallen. Normaltemperatur minus zwei Grad. Im so genannten “großen Saale” kann man auch Schlittschuh laufen. Gegen 4 Uhr fuhren wir zurück. Aufgefallen ist uns das viele Betteln in den Dörfern. An diesem Tage hatte die Staatskasse zu blechen: 3 Wagen á 20 sind 60 Kronen, Eintritt für 13 Personen in die Höhle á 4 Kronen sind 52 Kronen, Mittagessen 30 Kronen, also insgesamt 152 Kronen. Als wir am Morgen des 2. Juli aufwachten, regnete es. Und im Regen fuhren wir ins Gebirge. Von 6:40 bis 7:30 Uhr brachte uns eine Elektrische nach Schmecks. Als wir aus der Elektrischen ausstiegen, waren wir plötzlich mitten im Gebirge und atmeten feuchte Tannenluft ein. Es war neblig und nur wenn der Nebel plötzlich zerriss, sahen wir in scheinbar unmittelbarer Nähe die Gerlsdorfer, Schlagendorfer und Lemnitzer Spitze vor uns. Es war, als wenn der Berg-Gott der Tatra das weiche, weiße Leintuch, mit dem er seine Berge zudeckt, beiseite schob und uns sein Geheimnis zeigte, um es nach weinigen Augenblicken wiederum einzuhüllen und wiederum so sanft, so weich und so weiß. Bad Schmecks ist schön, auch im Nebel und Regen. Ich habe zum Beispiel in Budapest kein schöneres Hotel gesehen, wie in Schmecks das Grand Hotel. Doch bald mussten wir Schmecks verlassen, denn ein weiter Marsch stand uns bevor. Die Partie war ursprünglich so gedacht: Schmecks – Kohlbachtal – Fünf Seen – Kleine Visoka – Polnischer Kamm – Schlesierhaus. Und demzufolge hatten wir unser Gepäck mit einem Wagen schon ins Schlesierhaus geschickt. Da man uns aber von dieser Partie entschieden abriet und zwar aus dem Grunde, weil von dieser Seite die Visoka wegen des vielen Schnees unmöglich zu besteigen sei, blieb uns nichts anders übrig, als zu den Fünf Seen zu gehen, wieder nach Schmecks zurückzukehren und von hier den kürzesten Weg zum Schlesierhaus zu wählen. Der Aufbruch erfolgte um 10 Uhr, als sich der Nebel schon größtenteils gehoben hatte. Die erste prächtige Aussicht genossen wir vom Szolágyi-Denkmal, das einen herrlichen Ausblick bietet, einerseits auf die Ebene und die Niedere Tatra, andererseits auf die bis in die Wolken ragenden Felsen des Mittelgrates der Schlagendorfer und Lemnitzer Spitze. Nunmehr marschierten wir im romantischen Tale des Kohlbaches, der an unserer grünen Seite rauschte und auch in der Hinsicht äußerst zuvorkommend war, als er wirklich herrliche Wasserfälle bildete, den Kleinen, Großen und den Riesenwasserfall. Punkt 12 Uhr waren wir im Hotel Gämse, wo zu Mittag gegessen wurde. Hier trug Herr Professor Rosenauer die Schulreise in mein Stammbuch ein. Bald nach Mittag ging es weiter – zu den fünf Seen. Nunmehr galt es dem Laufe des Kleinen Kohlbaches zu folgen, der von den fünf Seen her kommt. Bald auf seiner linken, bald auf seiner rechten Seite steigend, befanden wir uns schon mitten im Hochgebirge und die Ersteigung des Trümmerfeldes und der letzten, steilsten Anhöhe kurz vor den Seen war schon eine regelrechte Klettertour. Hierbei durchkreuzten wir auch ein kleines Schneefeld. Wir hatten diese letzte Anhöhe noch nicht ganz erklommen, als aus dem Tale ungeheure Nebelwolken aufstiegen und in wenigen Augenblicken konnten wir nicht zehn Schritt weit sehen. Aber während wir im Jery-Schutzhaus, wo wir lustige Reichsdeutsche fanden, einen heißen Tee (ohne Rum!!) genehmigten, schien sich der weiße Gesell da draußen zu drücken und vor uns lagen die fünf Seen, zum Teil mit Herabgerutschten Schneefeldern gefüllt. Wunderschön in ihrer Art, dunkel leuchtend von dem schwarzen Grunde der Felsen, lagen sie hier oben so einsam, so still und blickten die Wanderer so traurig an – wahre Meeresaugen. Ich dachte an Kästners “Der Jâser”: Rien uch klôr Wä e wôr Teusend Johr und nahm Abschied. Die ganze Tour Schmecks – Fünf Seen – Schmecks hatten wir in rund sieben Stunden gemacht. Nun stand uns noch der Weg bis zum Schlesierhaus bevor und es war bereits ½8 Uhr abends. Einige wollten in Schmecks übernachten. Besonders waren die Dicken ganz erschöpft vom langen Marsche – Totz, Binder R. und der Jul. Aber Herr Professor Rosenauer hielt sich wacker und bestand durchaus auf dem Weitermarschieren und Jul wurde versprochen ihn hinaufzuschieben, was ja auch tatsächlich geschah. Im Wald wurde es dunkler und dunkler und schließlich waren wir auf die elektrischen Lampen angewiesen, die einige von uns bei sich führten und die uns damals sehr zustatten kamen. Dazu herrschte dichter Nebel und wir hatten auf eine Mondscheinnacht gehofft. Unsere Lage besserte sich auch nicht, als wir in die Krumenholzregion kamen und ganz ratlos standen wir vor einer Wegspaltung. Einige gingen wir im Voraus, die andern blieben zurück. Da endlich konnte man den Lampenschein der Hütte wahrnehmen und in einigen Minuten waren wir am Ziel. Es war ¼11 Uhr. Nach einem sehr guten Abendessen gingen wir mit einer schönen, schönen Erinnerung und mit ein bisschen Stolz zu Bett. Wir waren fest entschlossen, am folgenden Tage die Visoka und den Polnischen Kamm zu besteigen, aber unsere Professoren wollten es anders. Das Schönste am 3. August sollte dem Abend vorbehalten bleiben, denn unser nächstes Reiseziel war der Pegger-See. Um dorthin zu gelangen, mussten wir vom Schlesierhaus wieder hinab auf den Klotildenweg – nach Westerheim. Nicht einmal in die Umgebung des Felker Sees, der dicht am Schutzhaus liegt, durften wir einen Spaziergang machen, so eilte man mit dem Abstieg. Über Westerheim und Hochhage führte uns der Weg, wo wir zu Mittag aßen. Dann, noch ungefähr 5 km auf dieser Straße weiter, bis dorthin wo rechts aus dem Gebirge die Pegger aus dem Mengsdorfer Tal rauscht, einem früheren Gletschertal. Von da angefangen, führt ein Fußpfad das Tal hinauf. Eine angenehme Überraschung bietet das Ende dieses Weges. Man geht an der rechten Tallehne, ziemlich hoch über der Talsohle und späht vergebens nach einem See, den man – nach der Karte wenigstens – schon in aller nächster Nähe schätzt. Allem Erwarten zuwider führt aber der Weg über die rechte Berglehne hinüber – und man steht vor einem wunderbar schönen Karpatensee, dem schönsten meines Wissens nach. Und am See die Majlathütte, die manchem Wanderer vielleicht ebenso willkommen ist wie der See. Als wir am Pegger-See ankamen, dämmerte es schon. Nur die Spitzen der hohen, steilen Berglehnen, die den See rings umschlossen, glänzten von rotem Golde und spiegelten sich im dunkeln See wieder. Es war wunderbar schön dieses Karpatenglühen. Die Kleine Visoka hatten wir also aus unserm Programm streichen müssen, als Ersatz dafür wurde uns nun die Besteigung der Meeraugenspitze versprochen und zwar “ganz bestimmt”. Wir freuten uns auch ungemein darauf und gingen, wie fromme Kinder es zu tun pflegen, frühzeitig zu Bette. Es sollte aber anders kommen. Denn als wir am 4. August früh morgens aufwachten – regnete es in Strömen. Natürlich – das waren wir ja schon gewohnt und was noch natürlicher war: die Partie wurde nun “ganz bestimmt nicht” gemacht – auch an das waren wir schon gewohnt. Aber unsere Lust zum Gehen konnte niemand eindämmen. Waren wir schon hier am See, konnten wir doch wenigstens eine kleinere Gipfelbesteigung unternehmen und nachdem wir gefrühstückt und gabelgefrühstückt hatten, machten wir uns auf den Weg, indem wir meinten: “wir gehen nur da hinauf, auf die Osterwa”. Der Regen hatte nun auch schon fast ganz aufgehört und ganz deutlich konnte man auf den Spitzen frisch gefallenen Schnee wahrnehmen. Der frische Schnee wurde nun jedem von uns, ohne das er es sagte, sein Ziel. Um 10 Uhr waren wir aufgebrochen und in einer Stunde hatten wir die dem Schutzhaus gegenüberliegende Spitze, die Osterwa in unzähligen kurzen Serpentinen erstiegen. Wir waren 1934 m hoch, also rund 400 m höher als der See. Doch wir wollten höher. Wir setzten uns nun die 2293 m hohe, auf der Karte unbenannte Spitze als Ziel. Wie wir später erfuhren, war dies eine der zwei Spitzen der Tuga, wir können sie also ruhig Tuga nennen. Diese Partie, die wir zu dritt (Römer, Caspari Karl, Folberth) machten (Wilk und Wagner, die uns bis auf die Osterwa begleiteten, blieben zurück.), halte ich für die aller schwerste unserer Schulreise. Es musste nämlich ständig auf allen Vieren geklettert werden und zwar auf dem Grat, wollten wir uns im dichten Nebel, der allmählich alles mit einem weißen Schleier bedeckte und uns die wunderbare Aussicht auf den See und die benachbarten Spitzen geraubt hatte, nicht verirren. Von dieser Klettertour, die eigentlich so furchtbar gefährlich war, indem wir alle Augenblicke in ungeheure Tiefe hätten stützen können, haben wir uns nicht einmal getraut viel zu erzählen aus Furcht vor der Strafe. Aber die Spitze erkletterten wir doch und zwar zu zweit, Römer war schließlich auch umgekehrt. Die Spitze erkannten wir an einem aus rohen Steinen aufgehäuften Steinhaufen, in der Mitte mit einem Pfahl. Höher als diese Stelle ragte nur noch eine Felsennadel in den weißen Nebel, auch die erklommen wir, trotzdem sie uns zwei kaum erfasste. Wir waren ungeheuer froh, als wir hier oben, in schwindelnder Höhe, in unsere Krägen eingehüllt, ein Viertelstündchen rasten konnten. Und weil wir auf unsere Leistung auch ein bisschen stolz waren, packten wir unsere Visitkarten in ein Papier sorgfältig ein und legten sie unter einen Steinblock, so dass nur ein Zipfelchen herausragte. Dann schrieben wir zwei Karten, eine er und eine ich, wobei es uns ziemlich stark beschneite. Unsere Sweater leisteten uns damals vorzügliche Dienste. Der Heimweg war womöglich noch schwerer als die Besteigung und in der Schutzhütte trafen wir mit nur 1½-tündiger Verspätung um ½2 Uhr Nahmittags ein. Glücklicherweise gab es aber keine Aufregung. ½3 Uhr erfolgte schon der Aufbruch zum Csorber See, eine gute Gehstunde. Schön war es auch am Csorber See, aber es war dort ziemlich ungemütlich. Alles war nass, alles triefte noch vom langen Regen, ein kalter Wind fegte über den See und unsere nassen Füße fror es heftig. Dazu begegnete man keinem Menschen auf der Straße, es schien wie ausgestorben. Am Csorber See führte ich noch nur 5 Kupferkreuzer bei mir. Mit denen bin ich aus der Tatra nach Mediasch gefahren – und es hat gereicht, denn es musste reichen. Da dies der letzte Tag war den wir in der Tatra zubringen sollten, gingen wir in das eleganteste Restaurant zum Abendessen. In der Garderobe legten wir Ranzen und Stöcke ab, in einem feenhaft beleuchteten Saale speisten wir und Kellner umschwirrten uns von allen Seiten. Nur etwas war traurig bei der ganzen Sache, wir kamen mit hungrigen Mägen heraus. Zu wenig war nicht gewesen, aber es war zu schlecht gewesen. Am 5. Juli fuhren wir um 9 Uhr mit der Zahnradbahn nach Csorba, ½11 Uhr mit der Kaschau-Oderberger-Bahn nach Hatvan, o wir um 5 Uhr ankamen. Hier frühstückten wir und fuhren um 9 Uhr nach Kolnok (11 Uhr), Teißbrüken und von dort um 4 Uhr nach Mediasch, wo wir ½2 Uhr nachts eintrafen. Somit sind wir von unserer Schulreise zurückgekehrt. Von der Schulreise mit schönen, sehr schönen Erinnerungen, vom Gebirge mit ein bisschen Stolz und von der Tatra mit ein bisschen mehr wahrer Begeisterung für unser “schönes Vaterland”. O, es war wunderbar schön da droben! Das Ziel, das wir uns steckten, haben wir erreicht – wir haben die schönen Karpaten im Norden unseres Vaterlandes kennen gelernt. Wohin wir nächstes Jahr fahren werden und ob wir überhaupt fahren werden, weiß ich nicht bestimmt. Vielleicht geht es dann nach Süden. Wird aber eine Schulreise gemacht, so weiß ich etwas ganz bestimmt: daß ich, wenn es mir nur möglich ist, auf jeden Fall mithalten werde, und wenn wir auch wieder nur 13 sind. Es hat mir diesmal zu gut gefallen. Ferienheil!

Der Große Platz in Mühlbach – Gedicht


Großer Platz (3)

Der Große Platz einst

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Der Große Platz heute

– Der Große Platz in Mühlbach –

Autor: Josefine Kerekesz 

Längs der grünen Gräsermatten

leuchtendrote Rosenbüsche

stehn in silberzartem Schatten – da und dort

ein Lindenbaum,

blütenreiches Ziergesträuch, Stiefmütterchen

blühn in bunter Frische

und beim Anblick dieser Pracht, befällt mich

ein Erinnerungstraum.

               —

Hier lag der „Große Platz“ von unsern

Ahnen so benannt

als Mittelpunkt der Wirtschaft und für

manche Festlichkeiten,

bachsteingeplastert einst von wackerer

Männerhand,

schlicht und schmucklos sah er buntbewegte

Zeiten.

                        —

Es sah in Kriegszeit Kämpferscharen, in

Frieden eifriges Marktgedränge,

Übungen der Feuerwehr und Königsfeiern,

wie sie damals üblich waren;

hier war der Standort für die Platzmusik,

für schöne Feste mit Gepränge –

all das ist nun verrauscht, verklungen nach

so vielen hundert Jahren.

                 —

Der alte „Große Platz“ von einst ist einem

Jungen Park gewichen

Doch leise haucht die Erde noch ein treu

Erinnerung darüber hin. –

Da hab ich Wehmutstränen von der Wange

mir gestrichen

Und sah im grünen Park die leuchtendroten

Rosenbüsche blühn.

               —

Beitrag zusammengestellt von: Horst Theil